ANZEIGE

Vier-Prozent-Regel im Ruhestand: Sparen sich Rentner unnötig arm?

Die Vier-Prozent-Regel gilt als sicherer Richtwert – doch viele Rentner könnten mehr ausgeben.

4 Min
Vier-Prozent-Regel im Ruhestand: Sparen sich Rentner unnötig arm?

Knapp jeder fünfte Mensch ab 65 Jahren in Deutschland gilt als armutsgefährdet. Gleichzeitig haben viele Haushalte bis zum Renteneintritt beträchtliche Rücklagen aufgebaut. Bei den 55- bis 64-Jährigen lag das Nettovermögen 2023 im Median bei rund 241.000 Euro, wie eine Auswertung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) auf Basis von Bundesbank-Daten zeigt.

Wer fürs Alter Vermögen aufgebaut hat, steht vor einer entscheidenden Frage: Wie viel kann ich im Ruhestand ausgeben, ohne später knapp bei Kasse zu sein? Eine bekannte Faustregel empfiehlt vier Prozent des Vermögens im ersten Rentenjahr, wobei der Betrag jährlich um die Inflation steigt. Die Vier-Prozent-Regel galt jahrzehntelang als solider Richtwert für die Entnahmeplanung.

Doch inzwischen mehren sich Zweifel, ob diese Regel manche Rentner nicht zu vorsichtig macht. Denn auch das andere Extrem kann zum Problem werden: Mit 90 noch auf einem großen Vermögen zu sitzen, hilft wenig, wenn Reisen aus gesundheitlichen Gründen kaum noch möglich sind.

Die Vier-Prozent-Regel auf dem Prüfstand

Die Vier-Prozent-Regel geht auf den US-Finanzberater William Bengen zurück. Er untersuchte 1994 anhand historischer Börsendaten seit 1926, wie viel Ruheständler jährlich entnehmen konnten, ohne ihr Vermögen innerhalb von 30 Jahren aufzubrauchen. Sein Ergebnis: Mit einer anfänglichen Entnahme von 4,15 Prozent hätte das Geld selbst in besonders ungünstigen historischen Börsenphasen gereicht.

Bengen betont allerdings, dass dieser Wert keineswegs für alle Ruheständler gelten muss. Alle anderen Ruheständler in seiner Datenbank konnten von teils deutlich höheren Entnahmeraten profitieren. Der Ruhestandsplaner Retire Capital hat die Thematik anhand historischer Kapitalmarktdaten aus 75 Jahren genauer unter die Lupe genommen.

"Da ist in unserer Studie, wir haben mit 300.000 Euro Startkapital gerechnet, nach 35 Jahren im Durchschnitt noch 1,1 Millionen übrig – also Kapital, das man eigentlich hätte verleben können oder von dem man einen besseren Ruhestand hätte haben können", sagt CEO Markus Weis im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Die genannten Beträge sind nominal, also nicht um die Inflation bereinigt.

Aktuelle Berechnungen bestätigen den Richtwert – mit Abstrichen

Das US-Finanzanalysehaus Morningstar landet mit aktuellen Berechnungen dennoch fast genau bei vier Prozent. Rund 3,9 Prozent könnten Ruheständler im ersten Jahr entnehmen – bei 30 Jahren Ruhestand und einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass am Ende noch Geld übrig ist. Die 3,9 Prozent gelten für Portfolios mit einer Aktienquote von etwa 30 bis 50 Prozent.

Bei sehr hohen Aktienquoten sinkt die als sicher geltende Anfangsentnahme wegen stärkerer Kursschwankungen: Für ein reines Aktienportfolio kommt Morningstar nur auf rund 3,4 Prozent. Das zeigt: Die Asset-Allokation spielt eine entscheidende Rolle für die nachhaltige Entnahmerate.

Allerdings müssen sich Ruheständler nicht mit Entnahmeraten von vier Prozent oder weniger begnügen. Mehr Spielraum hat, wer seine Ausgaben an die Entwicklung der Märkte anpasst. Nach schwachen Börsenjahren wird weniger entnommen, nach guten mehr. Morningstar-Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen, die solche Schwankungen akzeptieren, mit einer Entnahmerate von fast sechs Prozent starten können.

Flexibilität als Schlüssel zum höheren Konsum

Wie flexibel Ruheständler dabei sein können, hängt auch von ihren Fixkosten und anderen Einkünften ab. Je mehr laufende Ausgaben durch eine gesetzliche oder betriebliche Rente gedeckt sind, desto flexibler können sie mit ihrem Depot umgehen. Wer also auf ein solides Fundament aus gesetzlicher Rente baut, kann bei der Depotentnahme mutiger agieren.

Hinzu kommt ein oft übersehener Effekt: Viele Menschen geben im Laufe des Ruhestands ohnehin weniger aus. Der US-Ökonom David Blanchett hat untersucht, wie sich die tatsächlichen Ausgaben älterer Menschen entwickeln. Sein Ergebnis: Inflationsbereinigt sinken sie bei vielen mit zunehmendem Alter – selbst bei finanziell gut aufgestellten Haushalten.

Wer dennoch so plant, als müsse er bis ins hohe Alter jedes Jahr gleich viel Kaufkraft aus dem Depot ziehen, könnte seinen tatsächlichen Kapitalbedarf überschätzen. Das spricht dafür, gerade in den ersten, häufig aktiveren Jahren des Ruhestands mehr auszugeben. Manche Menschen könnten zudem mit weniger angespartem Kapital auskommen, als Modelle mit konstanten realen Ausgaben nahelegen.

Zwei Risiken: Zu früh pleite oder zu spät genossen

Welchen Nutzen hat die Vier-Prozent-Regel also noch? Sie bleibt ein brauchbarer Sicherheitsanker, damit das Geld im Ruhestand nicht ausgeht. Je nach Entwicklung der Märkte kann dabei allerdings ein beträchtliches Vermögen übrig bleiben – Geld für die Erben statt für den eigenen Ruhestand.

William Bengen selbst schreibt: "Vielleicht sagt Ihnen dieses Szenario zu. Wenn ja, ist die Vier-Prozent-Regel genau das Richtige für Sie." Für alle anderen könnte gerade in den ersten, womöglich aktiveren Rentenjahren mehr Konsum drin sein. Denn am Ende gibt es zwei Risiken: dass das Geld zu früh ausgeht – oder dass man zu wenig davon nutzt.

"Auf jeden Fall ist es wichtig zu verstehen, dass sich die Entnahmerate von 4,15 Prozent nur auf eine einzige Person bezog, die Ende Oktober 1968 in den Ruhestand ging", erklärt Bengen. "Dieser Ruheständler sah sich mit einer 'Perfekter-Sturm'-Situation konfrontiert – einer Kombination aus mehreren Bärenmärkten an den Aktienbörsen und hoher Inflation –, die den Wert seines Portfolios rapide schrumpfen ließ."

Für deutsche Privatanleger bedeutet das: Die Vier-Prozent-Regel ist ein nützlicher Orientierungspunkt, aber kein Dogma. Wer flexibel bleibt, seine Entnahmen an die Marktlage anpasst und die ersten aktiven Rentenjahre bewusst genießt, kann im Ruhestand deutlich mehr aus seinem Vermögen herausholen – ohne Gefahr zu laufen, am Ende leer dazustehen.

Vier-Prozent-RegelRuhestandEntnahmestrategieAltersvorsorgeAktienportfolioMorningstarWilliam BengenPrivatanleger

Meistgelesene News

  1. Jugendarbeitslosigkeit in China steigt im August auf 18,9 Prozent
  2. Volvo Cars kämpft mit EX60-Produktionsziel und Batterieplänen
  3. Frankfurter Erbpacht-Schock: 1.900 Prozent mehr für Hausbesitzer
  4. BlackRock-Strategin warnt: Fed-Zinsentscheidung ist nicht die entscheidende Frage
  5. Warsteiner verliert Motel One und Sauerland-Stern als Kunden

Disclaimer