Commerzbank-Übernahme: Klingbeil empfängt UniCredit-Chef Orcel in Berlin
Bundesfinanzminister Klingbeil empfängt UniCredit-Chef Orcel zu Gesprächen über die Commerzbank-Übernahme.

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) empfängt heute Nachmittag in Berlin den UniCredit-Chef Andrea Orcel zu einem Gespräch über die geplante Übernahme der Commerzbank. Zwei Jahre lang hatte die Bundesregierung Gesprächsangeboten des italienischen Bankenlenkers widerstanden. Nun zwingen die veränderten Machtverhältnisse am Kapitalmarkt die Politik zum Umdenken.
Die Verhandlungsposition der Regierung ist alles andere als komfortabel. Die UniCredit hat sich bereits knapp 50 Prozent der Stimmrechte an der Commerzbank gesichert. Der Bund kann dagegen nur noch seinen eigenen Anteil von gut zwölf Prozent in die Waagschale werfen. Konkret hält die Bundesregierung 12,1 Prozent aller Anteile, was aufgrund eigener Aktienrückkäufe der Commerzbank aktuell 12,7 Prozent der Stimmrechte entspricht.
Was Berlin von den Italienern fordert
Klingbeil will nach Informationen aus Insiderkreisen vor allem auf den Erhalt "der deutschen Identität" der Commerzbank pochen. Die Börsennotierung des Frankfurter Instituts soll ebenso erhalten bleiben wie der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Zudem beansprucht der Bund zwei Sitze im Aufsichtsrat für sich.
Die Commerzbank selbst, die lange gegen die feindliche Übernahme gekämpft hatte, steht Insidern zufolge bereits seit einigen Wochen im Austausch mit der UniCredit. Offenbar zeichnet sich eine Annäherung ab, auch wenn die Fronten zwischen der Politik und den Mailändern noch verhärtet sind.
Orcel braucht ein gutes Verhältnis zur Bundesregierung
Doch auch Andrea Orcel dürfte um ein konstruktives Verhältnis zur Berliner Politik bemüht sein. Mit der ehemaligen HypoVereinsbank haben die Italiener bereits beträchtliche Geschäftsinteressen in Deutschland. Seit 2005 gehört ihnen zudem die Bank Austria. Eine Beschädigung dieser Basis wäre für die UniCredit strategisch schädlich.
Ein mögliches Einlenken der Politik könnte durch Orcels Vision eines europäischen Gegengewichts zur übermächtigen US-Konkurrenz erleichtert werden. Durch die Fusion entstünde eine Bank mit einer Bilanzsumme von mehr als 1,3 Billionen Euro. Die Europäische Zentralbank tendiert Insidern zufolge dazu, die Transaktion zu genehmigen.
Erheblicher Erklärungsbedarf bleibt
Der Gesprächsbedarf zwischen Berlin und Mailand ist indes groß. Wie viele Filialen sollen erhalten bleiben? Welches Gewicht soll das bedeutende Firmenkundengeschäft der Commerzbank behalten? Das Finanzministerium hatte zuletzt erneut die Bedeutung der Bank für die Finanzierung der deutschen Wirtschaft und insbesondere des Mittelstands betont.
Die Commerzbank bangt bei einer Übernahme auch um ihr umfangreiches Auslandsnetz, mit dem sie den Mittelstand beim Export begleitet. Die UniCredit setzt in ihrem Geschäftsmodell dagegen vor allem auf die europäischen Kernmärkte. Hier könnten Interessenkonflikte aufbrechen.
Die Bundesregierung werde im Sinne des Mittelstands, des Standorts und der Beschäftigten handeln, teilte das Finanzministerium am Freitag mit. Man sei dazu in Gesprächen mit der Commerzbank und dem Betriebsrat.
Börse reagiert verhalten
Ob das heutige Gespräch in Berlin greifbare Ergebnisse bringt, bleibt abzuwarten. Die Aktie der Commerzbank, die in den vergangenen Monaten deutlich angezogen hatte, verliert am heutigen Montag mit einem Abschlag von über einem Prozent stärker als der Gesamtmarkt. Der DAX gibt bis zum frühen Nachmittag 0,4 Prozent auf 25.460 Punkte nach. Belastend wirken hier vor allem die weiter steigenden Ölpreise infolge gestörter Ölexporte Saudi-Arabiens.
Anleger sollten die Entwicklungen im Fall Commerzbank genau verfolgen. Die Übernahme durch die UniCredit wäre eine der größten Bankenfusionen in Europa und würde die deutsche Bankenlandschaft nachhaltig verändern. Die Gespräche in Berlin könnten dabei richtungsweisend sein.
