Essar kauft 118 britische Tankstellen und verdoppelt Netzwerk
Indischer Konzern übernimmt SGN Retail und baut Tankstellennetz massiv aus.

Die Essar Group hat zugestimmt, einen der größten unabhängigen Tankstellenbetreiber im Vereinigten Königreich zu kaufen. Der indische Mischkonzern übernimmt SGN Retail, das 118 Tankstellen besitzt, und verdoppelt damit die Größe seines Tankstellennetzes. Die Transaktion ist Teil einer ehrgeizigen Expansionsstrategie: Essar will sein Netzwerk bis 2031 auf 800 Tankstellen ausweiten.
Die übernommenen Standorte werden künftig von Essars eigener Raffinerie in Stanlow beliefert. Dabei handelt es sich um die zweitgrößte Raffinerie im Vereinigten Königreich nach Produktionsvolumen. Arvan Ruia, Chief Executive von EET Retail, der Kraftstoff-Einzelhandelsabteilung von Essar, verspricht sich davon „wettbewerbsfähigere Preise an der Zapfsäule".
Hintergrund der Expansion
„SGN Retail ist eines der hochwertigsten Tankstellennetze im UK – Standorte mit einer durchschnittlichen Größe von drei Tennisplätzen, weit vor dem Markt", sagte Ruia. Zum Kaufpreis äußerte sich Essar nicht. Branchenkreisen zufolge wurden Tankstellen in jüngeren Deals mit etwa 3,5 Millionen Pfund pro Standort bewertet. Das würde eine Gesamtbewertung von rund 400 Millionen Pfund für die SGN-Standorte nahelegen.
Der Zukauf erfolgt in einer Phase, in der sich die großen Ölkonzerne zunehmend aus dem Tankstellengeschäft zurückziehen. BP und Shell verkaufen ihre Einzelhandelsaktivitäten, getrieben von Investoren, die argumentieren, dass Tankstellen besser von Einzelhandelsspezialisten betrieben werden sollten. ExxonMobil und Chevron setzen dagegen auf Franchise-Modelle mit festgelegten Lieferverträgen.
Trotz E-Mobilität: Essar setzt auf Tankstellen
Trotz des Aufkommens von Elektrofahrzeugen sieht Essar starke Gründe für die Expansion im Tankstellensektor. Das Unternehmen verweist auf eine Kombination aus Bevölkerungswachstum, dem Aufstieg von Mehrwagenhaushalten und der rückläufigen Anzahl von Tankstellen im gesamten Vereinigten Königreich. Derzeit gibt es rund 8.300 Tankstellen im UK, wobei die zu Exxon gehörende Esso-Marke die größte Präsenz hat. Der größte unabhängige Betreiber ist die Motor Fuel Group mit mehr als 1.200 Tankstellen.
Mit dem Ziel von 800 Tankstellen bis 2031 würde Essar rund 9 Prozent des britischen Marktes abdecken. Die Gruppe wurde 1969 von den indischen Milliardären Shashi und Ravi Ruia gegründet und kaufte die Stanlow-Raffinerie bereits 2011 von Shell. Die Raffinerie produziert etwa 270.000 Barrel pro Tag.
Investitionen in die Zukunft
Essar hat angekündigt, 2,4 Milliarden Dollar in Stanlow zu investieren, um die Raffinerie in einen „Kohlenstoffarmen Energie-Hub" umzuwandeln. Geplant sind unter anderem Anlagen zur Kohlenstoffabscheidung, Wasserstoffproduktion und die Herstellung von nachhaltigem Flugtreibstoff. Das eigene Tankstellennetz würde es dem Unternehmen nach eigenen Angaben zudem ermöglichen, künftig den Verkauf erneuerbarer Kraftstoffe auszubauen.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung interessant, da sie den globalen Trend zeigt: Während die großen Ölmultis sich aus dem Tankstellengeschäft zurückziehen, springen finanzstarke Industriekonzerne aus Schwellenländern in die Lücke. Die vertikale Integration – von der Raffinerie bis zur Zapfsäule – verschafft ihnen dabei Kostenvorteile, die sie an die Kunden weitergeben können.
