Unternehmer in MV: Trotz AfD-Erfolg Hoffnung auf Rot-Rot-Grün
Nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zeigt sich die Wirtschaft erleichtert über eine demokratische Koalition.

Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern hat ein ambivalentes Ergebnis gebracht: Die AfD wurde erneut stärkste Kraft, doch anders als in Sachsen-Anhalt zeichnet sich eine regierungsfähige Mehrheit ohne die Rechtspopulisten ab. Unternehmer aus dem Nordosten zeigen sich erleichtert – und mahnen zugleich vor den wirtschaftlichen Folgen der politischen Stimmung.
Sebastian Braun, Co-CEO des Greifswalder Pharmaunternehmens Cheplapharm, und Lars Greitsch, Geschäftsführer des Schiffspropeller-Weltmarktführers Mecklenburger Metallguss (MMG), kommen unabhängig voneinander zu einem ähnlichen Urteil: Es sei noch einmal gut gegangen. Braun freut sich, „dass es in Mecklenburg-Vorpommern vermutlich zu einer demokratischen Koalition kommt“. Greitsch sieht unter Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) die Chance auf „weitgehend konstante“ politische Verhältnisse – auch wenn Schwesig nun auf eine Koalition mit Linken und Grünen angewiesen ist.
Die Sorge um Fachkräfte und Weltoffenheit
Beide Unternehmer eint die tiefe Besorgnis über die Stärke der AfD. Die in Teilen als rechtsextrem eingestufte Partei erreichte in Mecklenburg-Vorpommern 38,2 Prozent der Stimmen. „Rund zwei Fünftel stimmen für eine fremdenfeindliche Partei“, konstatiert Greitsch. „Die Hemmschwellen sind abgebaut. Wir haben eine allgemeine Fremdenfeindlichkeit, die erstarkt.“
Das Problem: Die Wirtschaft im Nordosten ist dringend auf Zuwanderung angewiesen. Der demografische Wandel hinterlässt Lücken, die ohne ausländische Fachkräfte nicht zu schließen sind. In Wismar sollen künftig bis zu 1.500 Schiffbauer bei TKMS U-Boote bauen, die Neptun Werft in Rostock sucht rund 500 Fachkräfte für einen Milliarden-Großauftrag, und eine Tochter der Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) plant in Dummerstorf Deutschlands größtes Rechenzentrum mit rund 120 IT-Spezialisten.
Cheplapharm-CEO Braun berichtet von konkreten Auswirkungen: „Viele unserer ausländischen Fachkräfte haben sich schon mit einer erstarkten AfD unwillkommen gefühlt. Es gibt eine Grundangst, die sich nun noch verstärken wird.“ Das Pharmaunternehmen mit einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro beschäftigt Mitarbeiter aus 40 Ländern. Erst kürzlich verkündete Braun einen Deal mit dem französischen Pharmakonzern Sanofi zur Übernahme von drei Produktionsstätten in Ungarn, Singapur und Frankreich.
Wirtschaft warnt vor „Gift für das Land“
Die Vereinigung der Unternehmensverbände in Mecklenburg-Vorpommern hatte bereits vor der Wahl klar Stellung bezogen: Ein AfD-Erfolg sei „Gift für das Land“ und ein „Rückschlag für die Wirtschaft“. Greitsch, der als Vorsitzender des Ausschusses Maritime Wirtschaft für eine Branche mit über 37.000 Beschäftigten spricht, betont: „Wir müssen das Image unserer maritimen Branche national und international stärken.“
Sein Unternehmen MMG, gegründet 1875, steigerte den Umsatz von 69 Millionen Euro (2022) auf 110 Millionen Euro. 95 Prozent der oft 100 Tonnen schweren Schiffspropeller gehen ins Ausland, 60 Prozent nach Asien. „Auf Weltoffenheit und offene Märkte sind wir angewiesen“, sagt Greitsch. „Alles andere schadet den Menschen hier.“
Ein indischer Ingenieur bei MMG wurde nach der Sachsen-Anhalt-Wahl in Rostock angepöbelt. Greitsch will nun mit dem Kollegen „gemeinsam eine Kneipentour machen“, um ein Zeichen zu setzen. „Wir müssen uns als Unternehmer und als Wirtschaft neue Wege und Formate ausdenken, um den Arbeitnehmern und den Menschen hier die Erkenntnis zu vermitteln, dass anders Aussehende zu den Belegschaften und zur Gesellschaft gehören.“
Neuer Kurs der Landesregierung
Trotz aller Herausforderungen sehen die Unternehmer auch positive Signale aus Schwerin. Greitsch bezeichnet Schwesig als „Garant für eine berechenbare Landespolitik“. Auch Lars Schwarz, Arbeitgeberpräsident und Dehoga-Chef in Mecklenburg-Vorpommern, lobt die Ministerpräsidentin – obwohl er selbst CDU-Mitglied ist und dem Kompetenzteam des gescheiterten CDU-Spitzenkandidaten angehörte.
Das SPD-Programm sei heute nicht mehr konfrontativ, sondern sehe Unternehmer „eher als Partner, der zusammen mit den Arbeitnehmern Teil der Lösung ist“, so Schwarz. Ein Signal, das Hoffnung gibt – in einem Bundesland, das dringend auf wirtschaftliche Dynamik und internationale Fachkräfte angewiesen ist.
