Reiche Länder vor Schuldenfalle
Steigende Ausgaben und Defizite zwingen USA und Europa zu höheren Steuern oder mehr Inflation

Die Staatsverschuldung in den wohlhabenden Industrienationen hat ein Niveau erreicht, das langfristig nicht mehr tragfähig ist. In den Vereinigten Staaten ebenso wie in großen Teilen Europas geben Regierungen dauerhaft mehr Geld aus, als sie über Steuern einnehmen. Angesichts steigender Ausgaben für Verteidigung, Klimaschutz und alternde Bevölkerungen wird eine Kombination aus höheren Steuern und zunehmender Inflation unausweichlich sein.
Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds wird die weltweite öffentliche Verschuldung bis 2030 auf über 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen – der höchste Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. In den G7-Staaten weisen vor allem die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich besonders hohe Defizite auf. Die Haushaltslücken dieser Länder liegen laut Prognosen bei 7,4 Prozent, 5,4 Prozent und 4,3 Prozent des BIP, während ihre Schuldenstände bereits 121 Prozent, 113 Prozent und 101 Prozent erreichen. Da ihre nominalen Wachstumsraten kaum über vier Prozent liegen, ist die Entwicklung nicht stabilisierbar.
Andere Industriestaaten wie Deutschland und Kanada befinden sich in etwas besserer Lage, doch auch dort bestehen Risiken. Japan etwa weist eine Schuldenquote von 237 Prozent auf, Italien 135 Prozent. Zwar droht kurzfristig keine Finanzkrise, da wohlhabende Staaten dank eigener Währungen und Kapitalmärkte über Spielräume verfügen. Dennoch kann die Verschuldung nicht unbegrenzt wachsen, da die Möglichkeiten zur Korrektur begrenzt sind.
Wirtschaftliches Wachstum wäre die wünschenswerteste Lösung, doch die Aussichten bleiben verhalten. Technologische Fortschritte, etwa durch künstliche Intelligenz, könnten zwar Impulse liefern, doch politische Unsicherheiten wie Handelskonflikte und Protektionismus bremsen den Welthandel. Auch Einsparungen im öffentlichen Sektor stoßen auf Widerstand, wie die Proteste in Frankreich gegen eine Anhebung des Rentenalters zeigen. Hinzu kommen strukturelle Belastungen durch höhere Verteidigungs- und Klimaausgaben sowie steigende Kosten im Gesundheits- und Sozialwesen.
Einige Länder könnten versuchen, durch sogenannte finanzielle Repression die Zinsen künstlich niedrig zu halten. Doch dies funktioniert nur unter restriktiven Kapitalbedingungen, was für viele G7-Staaten ausgeschlossen ist. Ein Zahlungsausfall gilt als unwahrscheinlich, bleibt aber politisch nicht völlig ausgeschlossen, etwa durch Konflikte zwischen Exekutive und Parlament.
Bleiben als realistische Wege nur Steuererhöhungen und Inflation. Letztere wirkt wie eine schleichende Steuer, ist jedoch schwer zu steuern und kann neue Risiken schaffen. Politische Eingriffe in die Arbeit unabhängiger Zentralbanken könnten die Preisstabilität gefährden. Besonders in der Eurozone ist diese Option durch vertragliche Vorgaben begrenzt, sodass Länder wie Frankreich eher auf Steuererhöhungen setzen müssen. Langfristig könnte das Vertrauen in die Stabilität des Euro gegenüber dem Dollar dadurch sogar gestärkt werden, auch wenn die wohlhabenden Staaten insgesamt vor schwierigen Entscheidungen stehen.
