Zurückhaltung bei Zöllen stärkt Weltwirtschaft
IWF lobt Verzicht auf Vergeltung und warnt vor neuen Handelskonflikten zwischen USA und China

Die Entscheidung vieler Staaten, auf Vergeltungsmaßnahmen gegenüber den US-Zöllen zu verzichten, hat nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds die Weltwirtschaft stabilisiert. Laut IWF-Chefin Kristalina Georgiewa hat die Zurückhaltung dazu beigetragen, die Auswirkungen von Handelsspannungen und angespannten Finanzbedingungen abzumildern. In einer Rede auf der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Washington erklärte sie, dass die Weltgemeinschaft bislang darauf verzichtet habe, mit Gegenmaßnahmen auf die amerikanische Handelspolitik zu reagieren und den internationalen Handel im Wesentlichen nach bestehenden Regeln fortsetze. Diese Haltung habe dazu beigetragen, größere wirtschaftliche Verwerfungen zu verhindern.
Der IWF hatte zuvor seine Prognose für das weltweite Wachstum im Jahr 2025 leicht angehoben. Gleichzeitig warnte die Organisation, dass ein erneuter Handelskonflikt zwischen den USA und China erhebliche Risiken für die Weltkonjunktur bergen könnte. Anlass für diese Befürchtung sind jüngste Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der neue Strafzölle von bis zu 100 Prozent auf chinesische Exporte in die Vereinigten Staaten angekündigt hat. Die Maßnahmen sollen ab Anfang November greifen und würden nach Einschätzung des Fonds neue Unsicherheiten schaffen. Trump hatte zudem zusätzliche Ausfuhrkontrollen für strategisch relevante Software in Aussicht gestellt, um den Einfluss Pekings auf den Technologiesektor einzudämmen.
Die Spannungen zwischen beiden Ländern entzünden sich weiterhin an der Kontrolle seltener Rohstoffe, die für die Produktion von Hightech-Gütern und Halbleitern unverzichtbar sind. China besitzt in diesem Bereich eine marktbeherrschende Stellung und hat in den vergangenen Monaten seine Exportauflagen verschärft. Dies betrifft vor allem sogenannte Seltene Erden, deren Ausfuhr in westliche Staaten zunehmend eingeschränkt wird. Washington betrachtet diese Entwicklung mit Sorge, da die amerikanische Technologiebranche in hohem Maße auf chinesische Lieferungen angewiesen ist.
Georgiewa betonte, dass die Belastbarkeit der globalen Wirtschaft auch durch andere Faktoren gefährdet werden könne. Sie verwies insbesondere auf die stark gestiegenen Bewertungen an den internationalen Finanzmärkten, vor allem im Technologiesektor. Dieser habe in den vergangenen Monaten eine außergewöhnliche Kursrallye erlebt, die mit Risiken behaftet sei. „Das ist eine Wette, eine sehr große Wette“, sagte Georgiewa. Sollte sich das derzeitige Wachstum als dauerhaft erweisen, wäre dies positiv für die globale Wirtschaft. Doch falls die Erwartungen enttäuscht würden, könnten die überhitzten Märkte zu einem Problem werden. Insgesamt sieht der IWF die aktuelle Ruhe als stabilisierend, warnt aber vor möglichen Erschütterungen.
