Energieaktien laufen dem Markt davon: Lieferengpässe treiben Ölpreise
IEA meldet deutlich gefallene Ölproduktion, Energieindex legt seit Jahresbeginn um über 40 Prozent zu.

Die globale Ölproduktion ist im August deutlich zurückgegangen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) in ihrem September-Bericht sank die Förderung um 1,6 Millionen Barrel pro Tag auf rund 100 Millionen Barrel pro Tag. Im Februar 2026 waren es noch rund 108 Millionen Barrel pro Tag – der Rückgang seit Beginn des Iran-Krieges, der laut Quelle kurz nach Februar ausbrach, liegt damit bei mehr als sieben Prozent.
Für das Gesamtjahr rechnet die IEA mit einem Angebotsrückgang von 5,7 Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig drücken die hohen Preise die Nachfrage, und die Lagerbestände werden angefasst. Allein im August wurden täglich 3,1 Millionen Barrel aus den Lagern abgezogen. Die Kombination aus knappem Angebot und sinkenden Reserven stützt das Preisniveau – und belastet die Verbraucher fossiler Energie.
An der Börse schlägt sich diese Entwicklung klar nieder. Der MSCI World Energy legte seit Jahresanfang um mehr als 40 Prozent zu. Der MSCI World Information Technology bleibt rund 15 Prozentpunkte hinter den Energiewerten zurück. Der Markt belohnt dabei vor allem Produzenten mit geringen Grenzkosten, die von höheren Preisen überproportional profitieren.
Effizienter aufgestellt als früher
Christian W. Röhl, Chefvolkswirt von Scalable Capital, sieht die großen Konzerne gut vorbereitet. Er verweist darauf, dass sich „die Öl- und Gasmultis in den letzten 15 Jahren sehr effizient aufgestellt haben und jetzt davon profitieren“. Gestützt wird diese Einschätzung von den gesunkenen Kosten: Laut Wood Mackenzie sind die Entwicklungskosten neuer Ölfelder seit 2014 um rund 60 Prozent gefallen. Mit dem gleichen Investment wie vor zwölf Jahren lässt sich heute rund die dreifache Ölmenge fördern.
Deloitte zufolge sanken zudem die Breakeven-Kosten neuer US-Bohranlagen seit 2015 um 45 Prozent. Bei den großen Konzernen schlägt sich das in der Bilanz nieder. Chevron hat seine Investitionsausgaben von 30 Milliarden Dollar im Jahr 2014 auf 18 Milliarden Dollar pro Jahr gesenkt. Statt Mehreinnahmen in neue Förderung zu stecken, fließt mehr Geld in den freien Cashflow. Zugleich wendet sich Chevron den venezolanischen Ölvorkommen zu.
Raffinerien und Ausrüster im Fokus
Während die Förderung zurückgeht, profitieren Raffinerien von außergewöhnlich hohen Margen. Allerdings sind Anlagen in Kriegsregionen durch Drohnenangriffe gefährdet. Repsol betreibt fünf Raffinerien in Spanien; das Industriesegment erzielte im ersten Halbjahr ein bereinigtes Ebitda von 3,7 Milliarden Euro. Raffinerieaktien weisen zugleich niedrige Gewinn-Multiples auf. Zu den genannten Werten dieser Kategorie zählen etwa Valero Energy und Marathon Petroleum. Auch Ausrüster wie New Weatherford profitieren von Förderprojekten – die Aktie kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12.
Was ETF-Anleger beachten sollten
Für Privatanleger, die über ETFs auf den Energiesektor setzen, lohnt ein genauer Blick auf die Zusammensetzung. Energie-ETFs gewichten ihre Positionen nach Marktkapitalisierung, wodurch einzelne Werte sehr unterschiedlich stark vertreten sind. Röhl zufolge wird diese Struktur jedoch „nicht unbedingt reflektiert“. Repsol etwa ist in Energie-ETFs nur gering gewichtet, obwohl das Unternehmen mit seinen Raffinerien vom Margenumfeld profitiert.
Anleger sollten daher die enthaltenen Werte und ihre Gewichtung prüfen, bevor sie investieren. Wer gezielt auf einzelne Produzenten oder Raffinerien setzen will, findet diese in einem breiten Index womöglich nur mit kleinem Anteil wieder. Die Kursentwicklung der Energiewerte läuft nach Einschätzung von Röhl dabei „wie an der Schnur gezogen“ – ein Hinweis darauf, wie eng die Branche derzeit am Ölpreis und den Margen hängt. Die Analyse stammt aus dem WirtschaftsWoche-Podcast „Leben mit Aktien“.
