Nächtliches Online-Shopping: Die neue Finanzgewohnheit der Deutschen
Fast die Hälfte der 25- bis 34-Jährigen kauft regelmäßig zwischen Mitternacht und 2 Uhr online ein.

Es ist kurz nach Mitternacht. Sie liegen im Bett, können nicht schlafen – und greifen zum Handy, um einzukaufen. Dieses Phänomen hat einen Namen: Doom-Scrolling-Spending. Laut der Vergleichsplattform Moneysupermarket geben fast die Hälfte der 25- bis 34-Jährigen an, regelmäßig zwischen Mitternacht und 2 Uhr online einzukaufen. Bei den Über-55-Jährigen sind es fast jeder Fünfte.
Die Finanzjournalistin Claer Barrett, Consumer Editor der Financial Times, hat sich in einem aktuellen Beitrag mit diesem weit verbreiteten Phänomen beschäftigt. Ihre persönliche Theorie: "Es gibt derzeit so viel Grund zur Angst in der Welt, das Scrollen dient als Ablenkung von anderen finanziellen Sorgen." Der nächtliche Einkauf werde zur Flucht vor Themen wie steigenden Hypothekenzinsen oder der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit.
Die dunkle Seite des nächtlichen Shoppings
Besonders problematisch ist die Finanzierung dieser Spontankäufe. Etwa ein Viertel der Käufe nach Einbruch der Dunkelheit wird laut Moneysupermarket mit Kreditkarten, Dispokrediten oder "Buy Now, Pay Later"-Angeboten finanziert. Das ist eindeutig eine schlechte Angewohnheit, die schnell in eine Schuldenfalle führen kann.
Hinzu kommt die erhöhte Betrugsgefahr. Die Lloyds Bank berichtet, dass fast sieben von zehn Betrugsfällen, die ihre Kunden betrafen, Shopping-Betrügereien waren, die auf Meta-Plattformen wie Facebook, Instagram oder WhatsApp begannen. In einem Zustand der Halbwachheit ist es deutlich einfacher, auf einen Online-Betrug hereinzufallen. Die Bank hat daher ein KI-gestütztes Tool namens Scam Check eingeführt, um Kunden vor betrügerischen Transaktionen zu warnen.
Weihnachtsgeschäft auf Rekordkurs
Der Trend zum mobilen Einkaufen wird sich weiter verstärken. Im vergangenen Weihnachten wurden in Großbritannien laut Adobe Digital Insights rekordverdächtige 16,5 Milliarden Pfund über mobile Geräte ausgegeben – ein Anstieg von 14 Prozent gegenüber 2024. Der Kauf von Waren über das Handy macht nun fast zwei Drittel der gesamten Online-Ausgaben aus.
Ironischerweise werden spätabendliche Einkäufe oft von unseren Träumen getrieben. Die Algorithmen der Apps scheinen uns besser zu kennen als manche Freunde. Hochwertige Second-Hand-Items zum Schnäppchenpreis zu ergattern, ist eine Sache. Doch die Beliebtheit des endlosen Scrollens auf Fast-Fashion-Apps wie Asos, Zara und Shein hat bereits Auswirkungen auf die gesamte Branche.
Psychologische Tricks gegen die Konsumsucht
Die persönliche Finanzexpertin Kara Gammell von Moneysupermarket empfiehlt einen einfachen Trick: Legen Sie Artikel in Ihren Online-Warenkorb – und lassen Sie sie dort einfach liegen. "Das nächste Mal, wenn Sie zum Shoppen verleitet werden, ist der Anblick von Artikeln, die dort lagern und die Sie einst wirklich wollten, eine großartige Erinnerung daran, wie recht Sie hatten, sie nicht zu kaufen", sagt sie.
Gammell empfiehlt zudem die App Emmamoney, die Open Banking nutzt, um die eigenen Ausgaben zu analysieren. Sie kann ernüchternde Erkenntnisse liefern, etwa dass man in einem Jahr mehr für bestimmte Dienste ausgegeben hat als 85 Prozent der Bevölkerung. Das Erzeugen von Reibungspunkten durch das Löschen gespeicherter Zahlungsdaten oder das Setzen von Zeitlimits kann ebenfalls effektiv sein.
Bestandsaufnahme als wirksames Mittel
Eine weitere Strategie: Führen Sie eine Bestandsaufnahme dessen durch, was bereits in Ihren Schränken liegt. "Wenn Sie es nicht sehen, besteht die Chance, dass Sie es nicht nutzen", sagt Gammell. Dies gelte für Kleidung, Turnschuhe, Beauty-Produkte oder Haushaltswaren gleichermaßen.
Eine starke Alternative zum Doom-Spending ist das Zurücklegen von Geld in einem digitalen Spar- oder Investmenttopf für ein größeres Ziel. Dies sei ein psychologischer Trick, der helfen könne, die Befriedigung hinauszuzögern. Oder, wie Barrett selbst es formuliert: das Handy weglegen und stattdessen den altmodischen Genuss eines Buches vor dem Schlafengehen wiederentdecken.
