Volvo-CEO warnt: Nur auf Elektro-Lkw zu setzen ist gefährlich
Wasserstoff statt Batterie: Europas Lkw-Hersteller verteidigen ihre Technologiestrategie gegen chinesische Konkurrenz.

Die Volvo Group hat ihren Kurs hin zu wasserstoffbetriebenen Lastwagen verteidigt und warnt eindringlich davor, allein auf Elektro-Lkw zu setzen. „Ich halte es für super gefährlich, zu diesem Zeitpunkt einen Sieger auszuwählen“, sagte Volvo-CEO Martins Lundstedt auf der IAA Transportation in Hannover. Die europäische Lkw-Branche steht vor einer Zerreißprobe: Während chinesische Hersteller wie Sany, BYD und Sinotruk sowie Tesla mit günstigen Elektro-Lkw auf den Markt drängen, setzen die etablierten europäischen Konzerne auf mehrere Technologien gleichzeitig.
In dieser Woche haben Volvo, Daimler Truck, Scania und Iveco ihre Partnerschaften mit Japans Toyota intensiviert, um die Ausrollung von Wasserstoff-Lkw in Europa voranzutreiben. Unterstützt werden sie dabei unter anderem von der deutschen Regierung. Lundstedt betonte, dass die technologischen Optionen je nach Land unterschiedlich ausfielen und es verfrüht sei, sich jetzt schon festzulegen.
Chinesische Konkurrenz drängt nach Europa
Der Druck auf die europäischen Hersteller wächst. Der Umweltverband Transport & Environment (T&E) warnte, dass europäische Lkw-Hersteller bis Ende des Jahrzehnts ein Viertel des Elektro-Lkw-Marktes an neue Anbieter aus China und den USA verlieren könnten, wenn sie ihren Elektrifizierungsprozess nicht beschleunigen. Stef Cornelis, Direktor für Fracht und Flotten bei T&E, erklärte: „Das Speditionsgeschäft ist sehr kostenorientiert. Wenn ein Transportunternehmen einen guten Lkw zu einem niedrigeren Preis kaufen kann, wird es wechseln.“
Sany, Chinas größter Hersteller elektrischer Lkw, will seine Fahrzeuge zu Preisen anbieten, die 20 Prozent unter denen europäischer Hersteller liegen. Das Unternehmen bietet bereits zwei Modelle in Europa an und plant, bis Ende nächsten Jahres zwei weitere Lkw in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf den Markt zu bringen. „Wir sehen uns als Ermöglicher, um diese Transformation erschwinglicher zu gestalten“, sagte Kevin Eichele, Leiter Produktentwicklung und Business Development von Sany eTrucks bei Putzmeister Holding.
BYD präsentierte auf der IAA zudem seinen elektrischen Schwerlast-Lkw, der in 20 Minuten von 20 auf 80 Prozent geladen werden kann. Auch Teslas lang erwarteter Semi Truck feierte mit einer geschätzten Reichweite von 550 Kilometern sein Europa-Debüt.
Technologiestreit spaltet die Branche
Sieben westliche Hersteller dominieren weiterhin den Absatz von Schwerlast-Lkw in Europa und halten laut der Automobil-Daten- und Forschungsagentur Mobility Global etwa 97 Prozent des Marktes. Doch die Branche ist tief gespalten, was den Weg zur Dekarbonisierung angeht. Volvo und andere entwickeln sowohl elektrische als auch wasserstoffbetriebene Lkw sowie Verbrennungsmotoren, die mit Biokraftstoffen betrieben werden.
Befürworter von Wasserstoff-Lkw argumentieren, dass Brennstoffzellen besser für Ferntransporte mit schwereren Ladungen geeignet seien und schnellere Betankungsmöglichkeiten böten. Hersteller elektrischer Lkw entgegnen, dass Wasserstoff-Tankstellen zu kostspielig seien und Batterien inzwischen längere Strecken abdeckten. Franziska Cusumano, neue Chief Executive bei Mitsubishi Fuso Truck and Bus, fasste die Situation zusammen: „Damit die Welt dekarbonisiert, werden wir immer beides benötigen (elektrisch und Wasserstoff).“
EU-Vorschriften setzen die Industrie unter Druck
Der Elektrifizierungsprozess gestaltet sich für europäische Lkw-Hersteller besonders schwierig. Der Mangel an Ladeinfrastruktur, nachlassende Investitionen in die Stromnetze sowie die Kostendifferenz zu Diesel-Lkw bremsen die Umstellung. Trotz gestiegener Dieselpreise entfielen im ersten Halbjahr dieses Jahres nur 4,8 Prozent der neuen EU-Zulassungen auf Elektro-Lkw, verglichen mit 92 Prozent für Diesel-Lkw, so die Europäische Vereinigung der Kraftfahrzeughersteller (ACEA).
Auf der IAA forderten europäische Autohersteller Brüssel zu einer dreijährigen Verschiebung der EU-Vorschriften auf, die Lkw-Hersteller verpflichten, die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent im Vergleich zu den Niveaus von 2019 zu senken. Die Industrie benötigt einen Marktanteil von 35 Prozent für Elektro-Lkw, um dieses Ziel zu erreichen. „Für uns ist das absolut existenziell“, sagte Daimler-CEO Karin Rådström und warnte, dass hohe Strafen ein ganzes Jahr an Gewinnen zunichtemachen würden, falls das Ziel um 10 Prozent verfehlt werde.
Achim Puchert, CEO von Mercedes-Benz Trucks, zeigte sich hingegen gelassen: „Wettbewerb treibt Innovation voran.“ Ob diese Zuversicht angesichts der chinesischen Offensive gerechtfertigt ist, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden.
