Goolsbee: Fed kann nicht länger auf Ölpreis-Schocks warten
Chicago-Fed-Präsident Goolsbee erklärt das alte Abwarten-Konzept für gescheitert

Die US-Notenbank Federal Reserve steht vor einem grundlegenden Strategiewechsel im Umgang mit Ölpreisschocks. Austan Goolsbee, Präsident der Federal Reserve Bank von Chicago, erklärte am Montag in London, dass das jahrzehntealte Handlungskonzept der Fed – bei Ölschocks einfach abzuwarten – an seine Grenzen gestoßen sei. Die jüngsten Schocks hätten sich nicht so verhalten wie in der Vergangenheit, argumentierte Goolsbee in einer Rede und in anschließenden Kommentaren gegenüber Reportern.
Das klassische Argument für die Strategie des Abwartens lautet, dass Angebotsschocks von selbst abklingen – in der Regel bevor höhere Zinssätze ihre volle Wirkung entfalten. Doch dieses Muster habe sich in der aktuellen Krise nicht bestätigt. Prognostiker und Anleger hatten erwartet, dass der Ölpreis nach Beginn des Krieges im Persischen Golf schnell fallen würde. Stattdessen bewegte er sich in letzter Zeit nahe an 100 Dollar pro Barrel.
Hinzu kommt eine zweite Belastung: Zölle haben sich wiederholt eskaliert, anstatt als einmalige Preiserhöhung zu wirken. Die Inflationsprognosen wurden dadurch immer wieder nach oben korrigiert. Prognostiker haben das Datum, bis zu dem die Inflation ihren Höhepunkt erreichen sollte, seit Ende 2025 jedes Quartal nach hinten verschoben. Nun wird ein Zeitpunkt irgendwann im Jahr 2027 erwartet. „Das ist kein beruhigendes Muster", sagte Goolsbee.
Die Details
Die Kernaussage von Goolsbees Rede in London ist eine fundamentale Kritik an der bisherigen Fed-Strategie. Seit Jahrzehnten bestand das Handlungskonzept der Federal Reserve bei Ölschocks darin, abzuwarten. Der Ansatz beruhte auf der Annahme, dass angebotsseitige Preisschocks – wie ein plötzlicher Ölpreisanstieg – von selbst wieder verschwinden, bevor geldpolitische Maßnahmen wie Zinserhöhungen überhaupt ihre volle Wirkung entfalten können.
Doch die Realität sieht anders aus. Der Ölpreis bewegte sich in letzter Zeit nahe an 100 Dollar pro Barrel, obwohl viele Marktteilnehmer nach Kriegsbeginn im Persischen Golf mit einem schnellen Rückgang gerechnet hatten. Parallel dazu haben sich Zölle wiederholt eskaliert, statt als einmalige Preiserhöhung zu wirken. Diese Kombination aus anhaltend hohen Energiepreisen und sich ständig verschärfenden Handelsbarrieren hat die Inflationsprognosen immer wieder zunichtegemacht.
Besonders bemerkenswert ist die Verschiebung der Inflationserwartungen: Seit Ende 2025 haben Prognostiker jedes Quartal das Datum nach hinten korrigiert, bis zu dem die Inflation ihren Höhepunkt erreichen sollte. Mittlerweile wird ein Höhepunkt irgendwann im Jahr 2027 erwartet. Goolsbee bezeichnete diese Entwicklung als „kein beruhigendes Muster".
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 3. März 2026 berichtete aktien.news, dass ein plötzlicher Ölpreisanstieg Anleger und Notenbanker gleichermaßen in Alarmbereitschaft versetzte. Ökonomen waren sich damals einig, dass Energiepreisschocks nur vorübergehende Inflationseffekte auslösen – doch der Teufel stecke im Detail. Entscheidend sei, wie stark die Ölpreise steigen, wie lange sie auf erhöhtem Niveau verbleiben und welche weiteren wirtschaftlichen Entwicklungen parallel eintreten.
Am 8. April 2026 warnte Goolsbee dann eindringlich vor den wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs. Der Konflikt könne die Inflation anheizen und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum bremsen – eine klassische Stagflationskonstellation. „Meine Sorge zum jetzigen Zeitpunkt ist, dass wir uns mit einem Ölschock auseinandersetzen müssen, der die Preise auf stagflationäre Weise in die Höhe treiben wird", sagte Goolsbee damals bei einer Veranstaltung in Detroit.
Am 7. Mai 2026 warnten Fed-Vertreter erneut vor hartnäckigerer Inflation durch Lieferkettenrisiken. Goolsbee und Alberto Musalem, Präsident der St. Louis Fed, sahen das Risiko einer hartnäckigeren Inflation deutlich gestiegen. Hintergrund war der anhaltende, von den USA unterstützte Krieg mit dem Iran, der seit dem 28. Februar die globalen Energiemärkte belastete.
Am 15. August 2026 zeigte sich Goolsbee in einem Interview mit Fox News dann vorsichtig optimistisch. Die jüngsten Inflationsdaten hätten eine gewisse Verbesserung gezeigt. Er bleibe hoffnungsvoll, dass die Inflation weiter sinken könne – allerdings nur unter der Bedingung, dass die Auswirkungen von Zöllen und höheren Ölpreisen infolge des Iran-Krieges nachlassen. „Wenn wir einige dieser Dinge hinter uns lassen können, denke ich, dass wir auf den von mir so genannten ‚goldenen Pfad' zurückkehren, bei dem sich die Inflation wieder in Richtung 2% bewegt", sagte er damals.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung von großer Bedeutung. Die US-Notenbank steht vor einem Dilemma: Einerseits ist die Inflation hartnäckiger als erwartet, andererseits droht eine Stagflation – also eine Kombination aus hoher Inflation und schwachem Wirtschaftswachstum. Die wiederholte Verschiebung des erwarteten Inflationshöhepunkts auf nunmehr 2027 zeigt, dass die Unsicherheit außergewöhnlich hoch ist.
Die Tatsache, dass sich der Ölpreis trotz anderslautender Erwartungen nahe der 100-Dollar-Marke bewegt, deutet auf strukturelle Veränderungen an den Energiemärkten hin. Anleger sollten beachten, dass die Fed ihre Strategie überdenken muss – was Auswirkungen auf die Zinserwartungen haben könnte. Höhere Zinsen für einen längeren Zeitraum sind nicht ausgeschlossen, auch wenn Goolsbee selbst keine konkreten Handlungsschritte nannte.
Ausblick
Die Prognosen für die Inflation wurden zuletzt immer weiter nach hinten korrigiert. Wurde der Höhepunkt zunächst für Ende 2025 erwartet, rechnen Prognostiker nun mit einem Zeitpunkt irgendwann im Jahr 2027. Goolsbee selbst machte in seiner Rede in London keine konkreten Angaben zu möglichen Zinsschritten der Fed. Er betonte lediglich, dass das alte Abwarten-Konzept nicht mehr funktioniere.
Ob die Fed tatsächlich ihre Geldpolitik anpassen wird, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Kombination aus anhaltend hohen Ölpreisen, eskalierenden Zöllen und einer sich ständig verschiebenden Inflationsprognose stellt die Notenbank vor eine ihrer größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte.
Kurz erklärt
- Federal Reserve: Die Zentralbank der Vereinigten Staaten, die für die Geldpolitik und die Stabilität des Finanzsystems zuständig ist.
- Stagflation: Eine wirtschaftliche Situation, in der hohe Inflation und stagnierendes Wirtschaftswachstum gleichzeitig auftreten.
- Angebotsschock: Ein plötzliches Ereignis, das das Angebot an Gütern oder Rohstoffen stark verknappt und dadurch Preise in die Höhe treibt.
