Bank of Canada warnt: US-Zölle könnten Wachstum unter 1% drücken
Neue US-Zölle gefährden Kanadas Wirtschaftswachstum im vierten Quartal, warnt Notenbankchef Macklem.

Die Bank of Canada schlägt Alarm: Die neuen US-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum Kanadas im vierten Quartal auf unter ein Prozent drücken. Das erklärte Gouverneur Tiff Macklem am Montag in einer Rede. Die Zentralbank sieht sich dabei mit widersprüchlichen Druckfaktoren konfrontiert – einerseits schwächelt das Wachstum, andererseits droht die Inflation durch steigende Ölpreise anzuziehen.
Die jährliche Inflationsrate Kanadas liegt derzeit bei drei Prozent und damit über dem Zielwert der Bank von zwei Prozent. Macklem warnte, die Inflation könne weiter ansteigen, wenn die Ölpreise nahe bei 100 Dollar pro Barrel verharren. Der Konflikt im Nahen Osten hat die Rohölpreise bereits beeinflusst und die Kapazitäten für Benzin und Diesel geschädigt, was den Kraftstoffkosten zusätzlichen Druck verleiht.
Die kanadische Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal annualisiert um 3,3 Prozent, als Unternehmen und Haushalte ihre Pläne nach fast 18 Monaten US-Zöllen anpassten. Die Bank of Canada hatte im Juli ein Wachstum von 1,5 Prozent für das dritte Quartal prognostiziert, bevor die neuesten Zölle angekündigt wurden.
Die Details
Die Kernaussage Macklems ist eindeutig: „Die jüngste Eskalation könnte Unternehmen erneut dazu veranlassen, Investitions- und Einstellungsentscheidungen zu verzögern", sagte er. „Wenn diese neuen Zölle bestehen bleiben, könnte das Wachstum im vierten Quartal etwa halbiert werden und auf unter ein Prozent fallen."
Die Bank of Canada hatte im Juli noch mit einem Wachstum von 1,5 Prozent für das dritte Quartal gerechnet. Diese Prognose wurde vor der Ankündigung der neuesten US-Zölle erstellt. Das zweite Quartal zeigte mit annualisierten 3,3 Prozent noch eine robuste Entwicklung – eine Anpassung der Wirtschaft nach fast 18 Monaten Handelskonflikten.
Gleichzeitig bleibt die Inflation mit drei Prozent über dem Zielwert von zwei Prozent. Macklem sieht hier ein Risiko durch die Ölpreise: Sollten diese nahe bei 100 Dollar pro Barrel bleiben, könnte die Inflation weiter steigen. Bislang gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass die höheren Kraftstoffkosten auf andere Güter oder Dienstleistungen übergreifen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 10. Juni 2026 berichtete aktien.news, dass die Bank of Canada ihren Leitzins bei 2,25 Prozent belassen hatte. Damals stand die Zentralbank vor einem „klassischen geldpolitischen Dilemma", wie Gouverneur Macklem es nannte: wirtschaftliche Schwäche kombiniert mit steigender Inflation. Es war bereits die fünfte Sitzung in Folge ohne Zinsänderung.
Schon im Januar 2026 hatte die Bank of Canada den Leitzins bei 2,25 Prozent stabil gehalten. Macklem begründete dies damals mit der hohen Unsicherheit im Handelsumfeld. Besonders die Gefährdung der Unabhängigkeit der US-Notenbank Federal Reserve trug zur volatilen Lage bei. Die damalige US-Regierung unter Präsident Donald Trump hatte eine strafrechtliche Untersuchung gegen Fed-Chef Jerome Powell eingeleitet.
Ein weiterer Bericht vom 28. Januar 2026 zeigte, dass die kanadische Wirtschaft trotz US-Zöllen weitgehend stabil blieb. Der Leitzins von 2,25 Prozent lag damals am unteren Ende des neutralen Bereichs von 2,25 bis 3,25 Prozent, in dem die Wirtschaft weder stimuliert noch gebremst wird.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ergeben sich aus der aktuellen Lage mehrere Beobachtungspunkte. Die Bank of Canada steht vor einem geldpolitischen Spagat: Einerseits droht ein deutliches Abschwächen des Wachstums, andererseits bleibt die Inflation mit drei Prozent über dem Zielwert. Macklem formulierte das Dilemma präzise: „Wir wollen unseren Leitzins nicht erhöhen und das Wachstum dämpfen, wenn die inflationären Druckkräfte begrenzt sind. Aber wir wollen auch nicht zu langsam reagieren, falls sich die inflationären Druckkräfte als persistenter erweisen."
Positiv ist, dass Unternehmen ihre Exposition gegenüber Zöllen seit Beginn des Handelskrieges durch Veränderungen in Lieferketten und Beschaffungsstrategien reduziert haben. Auch der zunehmende Einsatz von KI-Technologie könnte langfristig die Produktivität steigern, wenngleich die Effekte erst mit Zeitverzögerung sichtbar werden.
Das langsamere Bevölkerungswachstum und eine alternde Gesellschaft beeinflussen zudem das Arbeitsangebot und die Konsumnachfrage in Kanada. Diese strukturellen Faktoren wirken unabhängig von den kurzfristigen Zollschocks.
Ausblick
Die Bank of Canada wird die weitere Entwicklung der US-Zölle und deren Auswirkungen auf die kanadische Wirtschaft genau beobachten. Sollten die neuen Zölle bestehen bleiben, droht eine Halbierung des Wachstums im vierten Quartal auf unter ein Prozent. Gleichzeitig bleibt die Inflation ein Risikofaktor, insbesondere falls die Ölpreise nahe bei 100 Dollar pro Barrel verharren.
Die Zentralbank signalisiert Handlungsbereitschaft in beide Richtungen: Weder will sie die Zinsen voreilig erhöhen und das Wachstum dämpfen, noch zu langsam reagieren, falls sich die Inflation als hartnäckiger erweist. Der Leitzins liegt weiterhin bei 2,25 Prozent, wo er bereits seit mehreren Sitzungen unverändert bleibt.
Kurz erklärt
- Leitzins: Der von einer Zentralbank festgelegte Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken Geld leihen können. Er beeinflusst die gesamten Kreditkosten einer Volkswirtschaft.
- Inflationsrate: Gibt an, wie stark das allgemeine Preisniveau für Waren und Dienstleistungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums gestiegen ist. Die Bank of Canada strebt einen Zielwert von zwei Prozent an.
- Annualisiertes Wachstum: Eine Hochrechnung der tatsächlichen Wachstumsrate eines Quartals auf ein ganzes Jahr. Sie erleichtert den Vergleich von Wachstumsraten über verschiedene Zeiträume hinweg.
