Eurozone-Wachstum: Warum die neue Krise gefährlicher ist
Citi Research warnt: Die Eurozone ist anfälliger als 2022 – stagflationäre Risiken bedrohen Wachstum und EZB-Geldpolitik gleichermaßen.

Die Finanzmärkte fokussieren sich derzeit vor allem auf die inflationären Folgen der aktuellen Energiekrise. Doch ein neuer Bericht von Citi Research zeigt, dass die Realwirtschaft der Eurozone diesmal deutlich verwundbarer ist als beim vergleichbaren Schock im Jahr 2022. Die Analysten warnen vor einer gefährlichen Verschiebung hin zu einem stagflationären Umfeld – mit weitreichenden Konsequenzen für Investoren, Unternehmen und die Europäische Zentralbank (EZB).
Besonders beunruhigend: Trotz noch stabiler „weicher Daten" und solider Umfragewerte im verarbeitenden Gewerbe im März sehen die Citi-Analysten die Binnennachfrage als erheblich anfälliger gegenüber sogenannten Terms-of-Trade-Schocks an. Das bedeutet, dass sich das Verhältnis zwischen Export- und Importpreisen für die Eurozone ungünstig entwickelt – mit direkten Folgen für Kaufkraft und Wirtschaftsleistung.
Der entscheidende Unterschied zu 2022
Die Energiekrise von 2022 gilt in der Finanzwelt oft als Referenzpunkt für externe Schocks. Damals stieg die Inflation sprunghaft an, während die Realwirtschaft vergleichsweise glimpflich davonkam. Europäische Verbraucher und Unternehmen zeigten sich widerstandsfähig. Diese Resilienz fehlt heute weitgehend, wie Citi betont.
Die Widerstandsfähigkeit der europäischen Wirtschaftsakteure wurde in den vergangenen Jahren systematisch untergraben – durch anhaltend hohe Energiepreise, gestiegene Finanzierungskosten infolge der EZB-Zinserhöhungen und eine schwache Nachfrageerholung nach der Pandemie. Weitere Preiserhöhungen kann die Binnenwirtschaft daher kaum noch ohne spürbare Wachstumseinbußen absorbieren.
Hinzu kommt ein doppelter Belastungsfaktor: Neben den hohen Energiekosten sorgen akute Engpässe bei Vorprodukten für zunehmenden Druck auf die Industrieproduktion in der gesamten Europäischen Union. Dieser Lieferketteneffekt verstärkt die wirtschaftliche Schwächephase und macht eine schnelle Erholung unwahrscheinlicher als noch vor drei Jahren.
Stagflation als zentrales Risikoszenario
Das Schlagwort „Stagflation" – also stagnierendes Wachstum bei gleichzeitig hoher Inflation – geistert seit Monaten durch die Finanzmedien. Citi Research sieht dieses Szenario nun als konkrete Gefahr für die Eurozone. Besonders betroffen wären die stark industrieorientierten Volkswirtschaften der Region, darunter Deutschland als größte Volkswirtschaft des Währungsraums.
Citi betont dabei, dass die aktuelle Krise nicht nur ein inflationäres Ereignis darstellt, sondern einen strukturellen Schlag für die Terms of Trade der gesamten Region bedeutet. Bleiben die Inputkosten erhöht und halten die Lieferkettenunterbrechungen an, steigt das Potenzial für einen tiefgreifenden Rückgang der Industrieaktivität – insbesondere wenn sich die weltweite Nachfrage parallel abschwächt.
Auch die vermeintlich beruhigenden Umfragedaten täuschen möglicherweise über die wahre Lage hinweg. Die Analysten warnen, dass der kumulative Effekt anhaltend hoher Preise eine „Belastung" für das reale BIP-Wachstum darstellt, die sich als hartnäckiger erweisen könnte als in früheren Krisen. Kurzfristig stabile Stimmungsindikatoren können strukturelle Schwächen überdecken.
EZB im geldpolitischen Dilemma
Für die Europäische Zentralbank stellt dieses Umfeld eine deutlich komplexere Herausforderung dar als noch 2022. Damals konnte die EZB klar auf Zinserhöhungen setzen, um die Inflation zu bekämpfen. Heute droht genau dieser Kurs, den ohnehin fragilen Wachstumspfad weiter abzuwürgen.
Das Dilemma ist klassisch stagflationär: Erhöht die EZB die Zinsen weiter, riskiert sie eine tiefere Rezession. Hält sie inne oder senkt sie die Zinsen, könnten sich die langfristigen Inflationserwartungen von den Zielwerten entkoppeln – mit dauerhaften Folgen für die Preisstabilität im Euroraum. Beide Optionen sind mit erheblichen Risiken verbunden.
Die Märkte richten ihren Blick daher gespannt auf die kommenden EZB-Sitzungen. Sollte die Zentralbank das erhöhte Risiko für die Realwirtschaft explizit anerkennen, könnten Investoren beginnen, einen vorsichtigeren Ansatz bei weiteren Zinsstraffungen einzupreisen. Da die Inflation jedoch weiterhin deutlich über dem EZB-Zielwert von zwei Prozent liegt, bleibt die stagflationäre Falle das dominierende Risiko für europäische Aktien und den Euro – mindestens bis in die zweite Jahreshälfte 2026.
