Britische Kreditaufnahme überschreitet Prognosen und belastet Healeys Haushaltspläne
Die britische Regierung hat im August mehr geliehen als erwartet – das verschärft die Ausgangslage für Finanzminister John Healey vor seinem ersten Haushalt.

Die britische Regierung hat im August mehr geliehen als erwartet. Das Office for National Statistics (ONS) meldete am Dienstag eine Nettokreditaufnahme des öffentlichen Sektors in Höhe von 18,3 Milliarden Pfund (rund 24,5 Milliarden US-Dollar). Damit lag der Wert deutlich über allen Schätzungen einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen, die ein Defizit von 15,5 Milliarden Pfund prognostiziert hatten.
Die Überschreitung der Kreditaufnahme lässt das Defizit für das laufende Geschäftsjahr weiter über den offiziellen Prognosen ankommen. Dies verschärft die schwierige Ausgangslage für Finanzminister John Healey, der vor seinem ersten Haushalt steht. Die Zahlen aus Manchester zeigen: Die fiskalischen Spielräume der neuen Regierung werden enger als bislang angenommen.
Revidierte Zahlen für das gesamte Geschäftsjahr
Das ONS revidierte zudem die Kreditaufnahme für jeden der vier vorangegangenen Monate des Geschäftsjahres 2026/27 nach oben. Das kumulative Defizit von April bis August liegt nun bei 77,3 Milliarden Pfund. Zwar ist dies 2,2 Milliarden Pfund weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr 2025/26, doch übertrifft es die Erwartungen des Office for Budget Responsibility (OBR) um 8,1 Milliarden Pfund.
Das OBR ist die unabhängige Haushaltsbehörde, deren Prognosen Healeys Steuer- und Ausgabenpläne untermauern. Dass die tatsächliche Kreditaufnahme die OBR-Prognosen so deutlich übertrifft, setzt den Finanzminister unter Druck, wenn er seine Haushaltsplanung vorstellt.
Steuereinnahmen stark, aber Ausgaben steigen
Ein Statistiker des ONS erklärte, dass die Steuereinnahmen zwar stark ausgesehen hätten. Dies sei jedoch durch steigende staatliche Ausgaben für Güter und Dienstleistungen sowie durch inflationsgebundene Sozialleistungen ausgeglichen worden. Die strukturelle Belastung der öffentlichen Finanzen bleibt damit hoch.
Das aktuelle Haushaltsdefizit – also die Differenz zwischen laufenden Ausgaben und Steuereinnahmen, die die Regierung bis 2029/30 ausgleichen muss – lag im laufenden Jahr bei 51,9 Milliarden Pfund. Auch dies übersteigt die Prognose des OBR von 47,1 Milliarden Pfund zu diesem Zeitpunkt des Jahres deutlich.
Herausforderungen für die neue Regierung
Für deutsche Beobachter ist die Lage in Großbritannien von besonderem Interesse, da beide Länder ähnlichen fiskalischen Herausforderungen gegenüberstehen: hohe Sozialausgaben, eine alternde Bevölkerung und die Notwendigkeit, die öffentliche Infrastruktur zu modernisieren. Die britische Regierung muss nun Wege finden, das Defizit zu reduzieren, ohne das Wirtschaftswachstum abzuwürgen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, mit welchen Maßnahmen Healey den Haushalt ausgleichen will. Die jüngsten Zahlen deuten darauf hin, dass ihm dabei weniger Spielraum bleibt, als ursprünglich erhofft. Anleger an den britischen Anleihemärkten dürften die Entwicklung der Kreditaufnahme in den kommenden Monaten genau beobachten.
