Britische Kreditaufnahme steigt im August auf 18,3 Milliarden Pfund
Hohe Inflation treibt Staatsausgaben – Schatzkanzler vor schwieriger Budgetrede

Die britische Regierung hat im August deutlich mehr Kredite aufnehmen müssen als erwartet. Die Nettokreditaufnahme belief sich auf 18,3 Milliarden Pfund, wie das Office for National Statistics (ONS) mitteilte. Das entspricht einem Anstieg um fast ein Fünftel gegenüber dem Vorjahresmonat. Haupttreiber sind die anhaltend hohe Inflation und gestiegene Zinszahlungen für Staatsschulden.
Die Differenz zwischen Steuereinnahmen und Staatsausgaben fiel damit höher aus, als die offiziellen Prognosestellen erwartet hatten. Das setzt Schatzkanzler John Healey unter Druck, der sich auf seine erste Budgetrede am 28. Oktober vorbereitet. Die Inflation im Vereinigten Königreich war im August auf den höchsten Stand seit fünf Monaten gestiegen, getrieben durch höhere Preise für Benzin und Diesel.
Obwohl die Steuereinnahmen im August im Vergleich zum Vorjahr höher ausfielen, wuchsen die Ausgaben für öffentliche Dienstleistungen, Sozialleistungen und andere Kosten stärker. Grund dafür ist das zunehmende Tempo der Preiserhöhungen. Besonders belastend wirken sich die Zinszahlungen der Regierung für ihre Schulden aus: Sie stiegen auf 8,8 Milliarden Pfund – der höchste Wert für den Monat August seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1997.
Die Details
Die Nettokreditaufnahme von 18,3 Milliarden Pfund im August liegt fast ein Fünftel über dem Wert des Vorjahresmonats. Das ONS veröffentlicht die Daten monatlich und erfasst darin die Differenz zwischen den Steuereinnahmen des Staates und seinen Ausgaben. Die offiziellen Prognosestellen hatten mit einem niedrigeren Wert gerechnet.
Schatzkanzler John Healey wird am 28. Oktober seine erste Budgetrede halten. Die aktuellen Zahlen verschlechtern seine Ausgangslage erheblich. Die Zinszahlungen auf die Staatsschulden erreichten mit 8,8 Milliarden Pfund einen Rekordwert für einen August. Seit 1997 wurden für diesen Monat nie höhere Zinszahlungen registriert.
Das Institute for Fiscal Studies (IFS) warnte, dass die Ausgaben für Schuldzinsen „ein besorgniserregender großer Anteil der gesamten Staatsausgaben sind und seit den letzten offiziellen Prognosen des Office for Budget Responsibility (OBR) gestiegen sind“. Der Forschungswirtschaftsexperte Nick Ridpath sagte: „Sowohl höhere Kreditkosten als auch eine steigende Inflation erschweren die Aufgabe eines Schatzkanzlers, der die Kreditaufnahme senken und mehr in staatliche Prioritäten investieren möchte.“
Ruth Gregory, stellvertretende Chief UK Economist bei Capital Economics, bezeichnete die Lage als „düsteren Hintergrund für das Herbstbudget, wobei die Regierung erneut mehr leiht als erwartet“. Sie sagte, die Zahlen erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass viele politische Ambitionen von Premierminister Andy Burnham „zurückgefahren oder verzögert werden, um große Steuererhöhungen und/oder einen Rückstoß in den Märkten zu vermeiden“. Gregory warnte zudem, dass die Regierung angesichts einer schwächelnden Wirtschaft wahrscheinlich weiterhin mehr leihen wird als erwartet.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 19.06.2026 berichtete aktien.news, dass die britische Neuverschuldung im Mai auf 23,3 Milliarden Pfund gestiegen war – ein Anstieg von fast einem Drittel gegenüber dem Vorjahresmonat. Damals übertraf die Neuverschuldung die Prognose des Office for Budget Responsibility (OBR) um 5,6 Milliarden Pfund. Besonders belastend wirkten sich die gestiegenen Zinszahlungen auf die Staatsschulden aus.
Am 19.06.2026 wurde zudem berichtet, dass die Rekordzinsbelastung das Haushaltsdefizit im Mai auf den höchsten Stand seit sechs Jahren getrieben hatte. Das Defizit belief sich auf 23,3 Milliarden Pfund und übertraf die Prognosen der Ökonomen deutlich, die lediglich 18,9 Milliarden Pfund erwartet hatten. Als Haupttreiber galt die Rekordzinsbelastung für den Monat Mai.
Am 21.07.2026 meldete aktien.news, dass die britische Kreditaufnahme im Juni auf 16 Milliarden Pfund gesunken war – ein Rückgang um ein Drittel gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Juni galt als wichtiger Referenzmonat für die haushaltspolitische Ausgangslage des neuen Regierungschefs Andy Burnham, der Keir Starmer als Premierminister abgelöst hatte.
Was das für Anleger bedeutet
Die anhaltend hohe Kreditaufnahme und die steigenden Zinszahlungen belasten die britischen Staatsfinanzen nachhaltig. Für Anleger an den Anleihemärkten ist dies ein Signal, dass das Risiko britischer Staatspapiere nicht zu unterschätzen ist. Die hohe Inflationsrate und die schwächelnde Wirtschaft erschweren der Regierung die Haushaltskonsolidierung.
Die Warnung von Ruth Gregory, dass viele politische Ambitionen „zurückgefahren oder verzögert“ werden könnten, deutet auf einen restriktiveren fiskalischen Kurs hin. Das könnte Auswirkungen auf britische Aktien haben, insbesondere auf Titel, die von staatlichen Investitionsprogrammen profitieren. Die Aussage von Emma Reynolds, Chief Secretary to the Treasury, wonach das Vereinigte Königreich „riesiges Potenzial“ für wirtschaftliches Wachstum habe, jedoch nur bei „haushalterischer Disziplin“, unterstreicht den Spagat zwischen Investitionen und Sparzwang.
Deutsche Privatanleger mit Engagements in britischen Staatsanleihen oder britischen Aktien sollten die Entwicklung der Kreditaufnahme und der Zinszahlungen im Auge behalten. Die fiskalische Lage bleibt angespannt, und die Budgetrede am 28. Oktober könnte richtungsweisende Signale senden.
Ausblick
Der nächste wichtige Termin ist die Budgetrede von Schatzkanzler John Healey am 28. Oktober. Dort wird er seine fiskalischen Pläne vorstellen. Die Regierung hält nach eigenen Angaben an ihren fiskalischen Regeln fest „mit einem Puffer gegen Unsicherheiten“, wie Emma Reynolds betonte. Ob dies gelingt, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung der Inflation und der Zinszahlungen ab. Das Institute for Fiscal Studies (IFS) hat bereits darauf hingewiesen, dass die Schuldzinsen seit den letzten offiziellen Prognosen des OBR gestiegen sind.
Kurz erklärt
- Nettokreditaufnahme: Die Differenz zwischen den Steuereinnahmen und den Ausgaben des Staates in einem bestimmten Zeitraum.
- Office for Budget Responsibility (OBR): Die unabhängige britische Behörde, die die Haushaltsprognosen der Regierung überprüft und eigene Schätzungen erstellt.
- Inflationsgebundene Anleihen: Schuldtitel, bei denen Zinszahlungen und Rückzahlung an die Inflationsentwicklung gekoppelt sind, was bei hoher Inflation zu steigenden Kosten für den Emittenten führt.
