Tata Sons: Machtkampf um Führung und Börsengang erschüttert Indiens Konzernkrone
Der Verwaltungsrat stellt sich gegen die Tata Trusts – ein Rechtsstreit droht.

Der Verwaltungsrat von Tata Sons, einem der ältesten und bedeutendsten Konglomerate Indiens und Eigentümer britischer Traditionsmarken wie Jaguar Land Rover und Tetley Tea, hat sich in dieser Woche offen gegen seinen größten Aktionär gestellt. Die Tata Trusts, die 66 Prozent der Anteile an Tata Sons halten, bezeichnen die Entscheidung des Rates, N. Chandrasekaran erneut zum Vorsitzenden zu ernennen und einen Börsengang der Holdinggesellschaft zu unterstützen, als „illegal“. Damit zeichnet sich eine Phase langanhaltender Unruhen und möglicherweise ein zäher Rechtsstreit im Bombay House, dem historischen Hauptsitz des 158 Jahre alten Unternehmens, ab.
Für die Tatas, die mit Machtkämpfen in den Führungsetagen keine unbekannte Erfahrung haben, herrscht nun auf mehreren Ebenen ein Nebel der Unsicherheit. Die Wiederernennung von Chandrasekaran, der eine fünfjährige Verlängerung erhielt und 2028 das 65. Lebensjahr erreicht, könnte bei der nächsten Hauptversammlung scheitern. Die Tata Trusts werden voraussichtlich dagegen stimmen. Berichten zufolge muss die Versammlung vor dem 31. Dezember stattfinden, nachdem eine vorherige Sitzung mangels Quorum verschoben wurde. Ein neues Datum steht jedoch noch nicht fest.
Rechtliche Bedenken und Governance-Konflikt
Der prominente Unternehmensanwalt Nitin Potdar aus Mumbai kritisierte das Vorgehen des Verwaltungsrats gegenüber der BBC scharf: „Das Nominierungs- und Vergütungsgremium (NRC) des Verwaltungsrats von Tata Sons, das ihn wiederernannt hat, hat keine Befugnis, diese Entscheidung zu treffen. Es kann lediglich Empfehlungen aussprechen.“ Zudem stehe die Entscheidung im Widerspruch zum eigenen Governance-Kodex des Unternehmens, der vorsieht, dass Führungskräfte ihre aktiven Rollen mit 65 Jahren niederlegen müssen. „Dies sind schwerwiegende Mängel“, so Potdar.
Die Aktien der Tata Group reagierten zunächst mit Kursgewinnen auf die Nachrichten, brachen dann aber ein, als die Spannungen zunahmen. Dies spiegelt die Hoffnungen und zugleich die tiefe Verunsicherung der Anleger hinsichtlich der Führung und der Geschäftskontinuität wider – insbesondere angesichts mehrerer risikoreicher, aber bislang verlustbringender Engagements von Chandrasekaran in Sektoren wie Halbleitern und Luftfahrt.
Der drohende Börsengang als zentraler Konfliktpunkt
Über den Führungsstreit hinaus ist die Frage einer Börsennotierung der Gruppe der eigentliche Zankapfel. „Sie erscheint zunehmend unausweichlich“, sagte Nirmalya Kumar, der früher die Strategie bei Tata Sons leitete, gegenüber der BBC. Bereits 2022 hatte die indische Zentralbank (RBI) Tata Sons als „nicht-finanzielles Unternehmen der oberen Ebene“ eingestuft, was eine Verpflichtung zur Börseneinführung nach sich zieht. Tata Sons versuchte, dieser Klassifizierung zu entgehen, indem es Schulden zurückzahlte und argumentierte, nicht direkt Kapital über die öffentlichen Märkte zu beziehen. Die RBI lehnte diesen Antrag jedoch Anfang des Monats ab.
Die Tata Trusts bekräftigten in einer Stellungnahme ihre langjährige Opposition gegen einen Börsengang und erklärten, dass „alle verfügbaren Optionen und nicht nur eine Notierung“ geprüft würden. Potdar betont, die Aufsichtsbehörde habe keine Befugnis, ein Unternehmen zur Börseneinführung zu zwingen, und rechnet mit einer rechtlichen Anfechtung durch die Trusts. Die RBI hat sich präventiv an die Gerichte gewandt, um in jeder Angelegenheit im Zusammenhang mit der Notierung gehört zu werden.
Die Debatte: Philanthropie versus Transparenz
Die Frage spaltet Wirtschaftsexperten in Indien scharf. Viele innerhalb der Gruppe, darunter der verstorbene Ratan Tata und der langjährige Direktor NA Soonawala, haben stets stark dafür argumentiert, die Gruppe privat zu halten. Ein Börsengang würde die Kontrolle und die Sonderrechte der Tata Trusts erheblich beschneiden. Die Tatas verfügen über eine einzigartige Betriebsstruktur: Der Mehrheitsaktionär ist ein wohltätiges Unternehmen, das Dividenden aus den kommerziellen Sparten nutzt, um Krankenhäuser, Universitäten und Forschung zu finanzieren.
„Eine neue Gruppe von Aktionären könnte sagen: ‚Keine Dividenden ausschütten; wir müssen dieses Geld in die Unternehmen reinvestieren.‘ Was passiert dann? Der erste Kollateralschaden wären die Krankenhäuser“, warnte Potdar. Gegner eines Börsengangs befürchten zudem, dass die Einbindung öffentlicher Investoren die internen Unterstützungsstrukturen schwächen und das Unternehmen quartalsweisem Leistungsdruck aussetzen würde.
Soonawala wies in einem Beitrag für die Times of India auf den ungünstigen Zeitpunkt hin: „Die Gruppe steht derzeit vor großen finanziellen Verpflichtungen aus kürzlich gegründeten Tochtergesellschaften, einschließlich Air India, Investitionen in Projekte mit langer Laufzeit und Verlusten in neueren Unternehmungen.“ Konsolidierte Finanzberichte, die Verluste und Kredite der Töchter widerspiegeln, seien für anspruchsvolle Investoren wenig attraktiv.
Befürworter einer Notierung argumentieren hingegen, dass die Gruppe dringend benötigte Transparenz und Rechenschaftspflicht benötige. „Es sollte eine strengere Prüfung ihrer Entscheidungen zur Kapitalallokation erfolgen, da sie so zentral für das indische Geschäftsökosystem sind“, sagte Kumar. Die börsennotierten Tata-Unternehmen, darunter Tata Motors und TCS, haben eine gemeinsame Marktkapitalisierung von mehr als 260 Milliarden US-Dollar und Einfluss auf 17,7 Millionen Privatanleger, Rentenfonds, Versicherer und Investmentfonds, wie die Beratungsfirma InGovern feststellte.
Zukunft in der Schwebe
Einige Experten sehen in der Börsennotierung den einzigen Weg, die zunehmend zerbrechlichen Beziehungen zwischen Verwaltungsrat und Aktionären zu entspannen. Die Tata Trusts halten das beherrschende wirtschaftliche Interesse und Vetorechte bei wichtigen Entscheidungen. Es ist schwer vorstellbar, dass dieses System effektiv funktionieren kann, wenn der größte Aktionär und der Verwaltungsrat nicht mehr an einem Strang ziehen.
Egal, was sich an der Front der Börseneinführung ereignet, Indiens größtes Trophäen-Asset betritt völliges Neuland. Wie Kumar es formulierte: Jede Woche könne „eine neue Wendung“ erwartet werden.
