Ray Dalio warnt: Puffer des Aktienmarktes gegen steigende Anleiherenditen schrumpft
Der Bridgewater-Gründer sieht Aktien verwundbarer werden, weil der relative Vorteil gegenüber Anleihen schwindet.

Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates, warnt, dass der Puffer des Aktienmarktes gegen steigende Anleiherenditen schrumpft. Im Interview mit CNBC auf dem Milken Institute Asia Summit in Singapur sagte der Milliardär-Investor am Donnerstag, das Gewinnwachstum habe Aktien bisher geholfen, höhere Renditen zu absorbieren – dieser Vorteil schwinde jedoch. Seine Warnung fällt in eine Phase, in der die Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen nahe mehrjähriger Höchststände notieren.
Dalio erklärte gegenüber CNBCs Sri Jegarajah, Aktien hätten den globalen Anleiheverkaufsturm bislang bewältigt, weil das Gewinnwachstum die erwarteten Aktienrenditen im Vergleich zu Anleihen attraktiv gehalten habe. Dieser Vorteil werde nun aber schmaler, was Aktien möglicherweise verwundbarer mache, während sich die Finanzbedingungen verschärfen.
„Wir befinden uns in dem Teil des Zyklus, in dem Zinsen steigen können, ohne den Aktienmarkt nach unten zu drücken, weil es genug Gewinnwachstum und genug erwartete Rendite gibt“, sagte Dalio. „Aber wenn diese Pufferzone schwindet, kommen Sie später in diesen Zyklus hinein. Das ist genau die Lage, in der wir uns befinden.“
Die Details
Dalio zufolge sind Aktien in den aktuellen Zyklus eingetreten, indem sie deutlich höhere erwartete Renditen als Anleihen boten. Das habe die Nachfrage nach Aktien auch bei steigenden Kreditkosten gestützt. Da die Aktienkurse jedoch klettern und die Anleiherenditen steigen, nehme dieser relative Vorteil ab, wodurch weniger Raum für Aktien bleibe, höhere Zinsen zu absorbieren. „Aufgrund dieser Preisänderung ist dieser Puffer geschwunden, und so sehen Sie nun, wie sich die Credit-Spreads allmählich weiten“, sagte er.
Als Belastungsfaktoren nennt der Investor hohe staatliche Defizite, persistierende Inflation und steigende Kreditaufnahmen im Zusammenhang mit Investitionen in künstliche Intelligenz. Anleger kämpfen demnach mit genau dieser Kombination, während die Renditen von US-Staatsanleihen nahe mehrjähriger Höchststände liegen.
Ein zweiter Schwerpunkt seiner Warnung betrifft die Unternehmensbilanzen. Dalio warnte, dass Anleger das Risiko eines verschlechterten Unternehmens-Cashflows übersehen könnten, selbst wenn die ausgewiesenen Gewinne weiter steigen. Auf die Frage, ob Unternehmen das starke Profitwachstum im dritten Quartal aufrechterhalten könnten, sagte er, Anleger sollten sich auf den Free Cash Flow konzentrieren und nicht nur auf die Gewinne.
„Ich denke, man muss auf die Free Cash Flows achten. . . . Nicht nur auf die Gewinne. Denn wenn man verdient, dann investiert man und bekommt kein Geld heraus, entwickelt sich ein Liquiditätsproblem“, sagte er. „Während die Gewinne sich wahrscheinlich weiterhin verbessern werden, erwarte ich, dass die Free Cash Flows sich verschlechtern werden.“
Dalio ging allerdings nicht so weit, einen Gewinnrückgang oder eine bevorstehende Korrektur des Aktienmarktes vorherzusagen. Er sagte, die Finanzbedingungen hätten sich noch nicht stark genug verschärft, um die Kreditvergabe und die Ausgaben signifikant zu dämpfen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Warnung reiht sich in eine Serie ähnlich gelagerter Einschätzungen des Investors ein. Bereits am 20.01.2026 berichtete aktien.news, dass Dalio vor einem Kapitalkrieg durch die Politik von US-Präsident Donald Trump warnte. Ausländische Regierungen und Investoren überdenken demnach zunehmend ihre Investitionen in US-Vermögenswerte, während die USA weiterhin massive Schuldenmengen emittieren.
Am 21.01.2026 folgte ein weiterer Bericht von aktien.news über Dalios Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gegenüber CNBC. Dort erklärte er: „Auf der anderen Seite von Handelsdefiziten und Handelskriegen gibt es Kapital und Kapitalkriege.“ Seine Sorge galt der nachlassenden Bereitschaft ausländischer Investoren, US-Staatsanleihen und andere amerikanische Vermögenswerte zu kaufen.
Am 04.06.2026 berichtete aktien.news, dass Dalio in einem Interview mit Bloomberg Television deutliche Anzeichen einer Blase im Markt für Künstliche Intelligenz sah. „Alle großen technologischen Umbrüche erzeugen Blasen“, sagte er damals unmissverständlich.
Am 19.09.2026 meldete aktien.news schließlich, Dalio sehe bei KI-Aktien „klassische Anzeichen“ einer Blase und verblüffende Parallelen zu den Jahren 1929 und 2000. Als zentralen Beleg führte er damals das zyklisch angepasste Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE) des S&P 500 an. Die Warnungen zu Kapitalströmen, KI-Bewertungen und nun zur schwindenden Pufferzone des Aktienmarktes bilden damit eine zusammenhängende Argumentationslinie.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger liefert Dalios Einschätzung mehrere Ansatzpunkte zur Einordnung. Erstens verschiebt sich die relative Attraktivität von Aktien gegenüber Anleihen, wenn die Kurse steigen und die Renditen klettern – der Vorteil, den Aktien zuletzt boten, wird kleiner. Zweitens rät Dalio ausdrücklich dazu, nicht allein auf die ausgewiesenen Gewinne zu schauen, sondern den Free Cash Flow in den Blick zu nehmen. Denn ein Unternehmen kann Gewinne ausweisen und gleichzeitig Geld investieren, ohne dass Mittel herauskommen – ein mögliches Liquiditätsproblem.
Drittens deutet die von Dalio beschriebene Ausweitung der Credit-Spreads darauf hin, dass sich die Kreditbedingungen bereits zu schwächen beginnen. Höhere Kreditkosten würden schließlich zu einer Reduzierung von Krediten und Ausgaben zwingen, was die wirtschaftliche Aktivität belasten und potenziell auf die Aktienmärkte übergreifen könnte. Eine konkrete Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten – Dalio selbst hat weder einen Gewinnrückgang noch eine Korrektur prognostiziert.
Ausblick
Dalio erwartet, dass der globale Anleiheverkaufsturm anhalten wird, da Regierungen und Unternehmen um Kapital konkurrieren. Regierungen leihen sich massiv Geld, um fiskalische Defizite zu finanzieren, während Unternehmen Mittel aufnehmen, um in neue Technologien zu investieren. Dies schaffe ein Ungleichgewicht, das den Aufwärtsdruck auf die Zinssätze aufrechterhalten könnte.
„Wir befinden uns in einem Anleihebärenmarkt, das ist meiner Meinung nach ziemlich klar, und ich denke, es geht noch weiter, wäre meine Einschätzung“, sagte er. Für den Moment betont Dalio jedoch, dass der Verschärfungsprozess erst beginne und das Gewinnwachstum den Aktien weiterhin Stütze biete – auch wenn sich die Kreditbedingungen bereits zu schwächen beginnen.
Kurz erklärt
- Free Cash Flow: Der frei verfügbare Zahlungsmittelüberschuss eines Unternehmens nach Abzug aller Investitionen.
- Anleiherendite: Die Rendite, die Anleger mit einer Anleihe erzielen, abhängig von Kurs und Zinssatz.
- Credit Spreads: Der Renditeaufschlag, den Schuldner gegenüber risikofreien Anleihen zahlen müssen.
- Anleihebärenmarkt: Eine länger anhaltende Phase fallender Anleihekurse beziehungsweise steigender Renditen.
