EZB: Wunsch kritisiert höhere Mindestreserve-Gebühren für Banken
Der belgische Notenbankchef warnt, ein höherer Mindestreservesatz gefährde die Glaubwürdigkeit der EZB und greife in die Fiskalpolitik über.

Der belgische Zentralbankchef und EZB-Ratsmitglied Pierre Wunsch hat sich gegen einen Vorschlag zur Erhöhung der Gebühren für Geschäftsbanken ausgesprochen. Auf einer Konferenz in Brüssel warnte er, ein solcher Schritt könne die Glaubwürdigkeit künftiger Zentralbankoperationen beschädigen und sogar in den Bereich der Fiskalpolitik übergreifen.
Im Kern geht es um die Frage, ob Banken im Euroraum verpflichtet werden sollen, einen größeren Teil ihrer überschüssigen Liquidität auf einem nicht verzinsten Konto bei der Notenbank zu halten. Nach Angaben Wunschs debattieren die EZB-Entscheider derzeit über genau diese Möglichkeit – teilweise, um die eigenen finanziellen Verluste der Zentralbank zu reduzieren, und teilweise, um die Finanzierungsbedingungen in Zeiten hoher Inflation zu verschärfen.
"Es gibt nun ‚laufende Diskussionen‘ über die Anwendung eines höheren Mindestreservesatzes – des MRR-Satzes –, wobei die erforderlichen Reserven natürlich nicht verzinst bleiben", sagte Wunsch, der Chef der belgischen Zentralbank, auf der Konferenz in Brüssel. "Ehrlich gesagt ist die Argumentation hier für mich nicht sehr klar oder überzeugend."
Die Details
Hintergrund der Debatte ist die gewaltige Liquiditätsflut im Euroraum. Die EZB hatte im Jahrzehnt vor der Pandemie, als die Zinssätze bei null oder darunter lagen, durch den Ankauf von Staatsanleihen Billionen Euro an überschüssiger Liquidität geschaffen. Nun muss sie Geschäftsbanken beim Einzahlen dieses Geldes bei der Notenbank hohe Zinszahlungen leisten. Aktuell befinden sich dem Bericht zufolge noch über 2,1 Billionen Euro an überschüssiger Liquidität im Finanzsystem.
Diese Zinslast hat die finanziellen Verluste der Notenbank erhöht – insbesondere bei der deutschen Bundesbank. Sie zahlt keine Dividenden mehr in den Staatshaushalt und wird möglicherweise erst bis zum nächsten Jahrzehnt wieder liquide Mittel für solche Ausschüttungen haben. Eine Erhöhung des Mindestreservesatzes würde einen Teil dieser überschüssigen Einlagen in unverzinste Pflichtreserven umwandeln und damit die Zinsaufwendungen der Zentralbanken senken.
Genau darin sieht Wunsch jedoch das Problem. "Wenn das Ziel darin besteht, unsere Verluste zu begrenzen, würde der MRR-Satz zu einem quasi-fiskalischen Instrument", sagte er. "Und Fiskalpolitik ist typischerweise keine Aufgabe, die der Zentralbank zugewiesen ist." Wunsch erklärte weiter, dass Banken, wenn sie nun stärker mit Steuern auf dieses Einkommen belegt würden, möglicherweise nicht daran interessiert wären, an zukünftigen Anleiheankaufprogrammen teilzunehmen. Das wiederum könnte die Glaubwürdigkeit einer Zentralbankoperation beeinträchtigen.
Die Mindestreservegebühren stehen in diesem Jahr besonders im Fokus, da die EZB die Zinssätze zur Bekämpfung der hohen Inflation anhebt. Steigende Leitzinsen erhöhen zugleich die Zinsaufwendungen der nationalen Zentralbanken, da das Finanzsystem weiterhin auf einem sehr hohen Liquiditätspolster sitzt.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 01.07.2026 berichtete aktien.news, dass die EZB laut Insidern eine Verdoppelung der Mindestreserveanforderungen für Banken im Euroraum erwägt. Wie Reuters von sechs Quellen erfuhr, sollte der Anteil unverzinster Pflichtreserven von derzeit 1% auf 2% der Kundeneinlagen angehoben werden. Eine Entscheidung wurde bis zum Herbst erwartet. Der Schritt würde die Zinslast der Zentralbank spürbar senken und die Nebenwirkungen des Kampfes gegen die Inflation abmildern. Die Diskussionen innerhalb der EZB befanden sich laut den Quellen damals noch in einem frühen Stadium, und der EZB-Rat hatte den Vorschlag bislang noch nicht formell erörtert.
Am 18.09.2026 berichtete aktien.news, dass EZB-Vizepräsident Boris Vujcic die Zinsspekulationen der Märkte bremste. Die Markterwartungen auf weitere Zinserhöhungen würden maßgeblich durch steigende Energiepreise getrieben, die politischen Entscheidungsträger würden bei ihren Entscheidungen jedoch eine deutlich breitere Palette wirtschaftlicher Indikatoren berücksichtigen. Zuvor, am 07.07.2026, hatte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel bei einer Veranstaltung in Rom klargestellt, dass die Wirtschaft der Eurozone noch nicht in den Zustand vor dem Iran-Krieg zurückgekehrt sei, da die Kerninflation weiterhin hoch bleibe.
Und bereits am 19.06.2026 meldete aktien.news, dass EZB-Ratsmitglied Pierre Wunsch eine Zinserhöhung im Juli weiterhin offenhielt – ungeachtet der jüngsten Entspannung bei den Ölpreisen. Entscheidend sei für ihn, ob sich die Inflation über den Energiesektor hinaus ausbreite.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Debatte in mehrfacher Hinsicht relevant. Zum einen betrifft sie die Ertragslage der Banken: Müssen Institute einen größeren Teil ihrer Liquidität unverzinst parken, schmälert das ihre Zinsmarge. Zum anderen hat die Verlustsituation der Bundesbank unmittelbare fiskalische Folgen, denn sie zahlt derzeit keine Dividenden mehr in den Staatshaushalt – Mittel, die dem Bundeshaushalt damit fehlen.
Die von Wunsch geäußerte Sorge, Banken könnten sich künftigen Anleiheankaufprogrammen entziehen, deutet zudem auf eine mögliche Rückkopplung für den Staatsanleihemarkt hin. Für Anleger, die auf die geldpolitischen Weichenstellungen der EZB blicken, bleibt die Frage zentral, ob sich die Notenbank für eine verzinste oder unverzinste Behandlung der überschüssigen Liquidität entscheidet. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Nach dem Stand des früheren Berichts vom 01.07.2026 wurde eine Entscheidung über eine Verdoppelung der Mindestreserveanforderungen bis zum Herbst erwartet. Die Diskussionen befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch in einem frühen Stadium, und der EZB-Rat hatte den Vorschlag noch nicht formell erörtert. Laut Wunsch laufen die Gespräche über den MRR-Satz derzeit weiter. Zugleich hebt die EZB die Zinssätze zur Bekämpfung der hohen Inflation an, was die Zinsaufwendungen der nationalen Zentralbanken zusätzlich erhöht, solange mehr als 2,1 Billionen Euro überschüssiger Liquidität im Finanzsystem verbleiben.
Kurz erklärt
- Mindestreservesatz (MRR): Der Anteil der Kundeneinlagen, den Geschäftsbanken als Pflichtreserven bei der Zentralbank halten müssen.
- Überschüssige Liquidität: Zentralbankgeld, das Geschäftsbanken über die erforderlichen Pflichtreserven hinaus bei der Notenbank parken.
- Quasi-fiskalisches Instrument: Ein geldpolitisches Werkzeug, das faktisch wie ein staatliches Budgetinstrument wirkt.
- Fiskalpolitik: Die staatliche Politik zu Ausgaben und Einnahmen, die traditionell nicht in der Verantwortung der Zentralbank liegt.
