Thailands Notenbankchef Vitai sieht keine Eile bei Zinserhöhungen
Die Bank of Thailand lässt den Leitzins bei 1,00 Prozent und verweist auf die gesunkene Inflationsprognose – Überschwemmungen trüben den Ausblick.

Der Gouverneur der thailändischen Zentralbank, Vitai Ratanakorn, hat am Donnerstag klargestellt, dass die Bank of Thailand keine Eile hat, die Zinsen anzuheben. Auf einem Wirtschaftsforum in Bangkok sagte er, die Geldpolitik könne die strukturellen Probleme nicht lösen, die das Wirtschaftswachstum des südostasiatischen Landes einschränken. Die Notenbank hatte ihren Leitzins bereits im August unverändert bei 1,00 Prozent belassen. Die nächste geldpolitische Überprüfung steht am 28. Oktober an.
Für das laufende Jahr rechnet Vitai mit einem Wirtschaftswachstum von rund 2,3 Prozent. Getragen werde die Expansion vor allem von Investitionen, sagte der Gouverneur auf dem Forum. Damit bleibt das Wachstumstempo zwar unter den längerfristigen Ambitionen, die Vitai zu Jahresbeginn formuliert hatte – doch die Richtung stimmt aus Sicht der Notenbank.
Ein wesentlicher Grund für die fehlende Dringlichkeit bei Zinserhöhungen ist die Preisentwicklung. Die Inflation werde sich 2026 auf rund 2 Prozent verlangsamen, erklärte Vitai. Im Juni hatte die Prognose der Notenbank noch bei 2,8 Prozent gelegen. Damit bestehe keine Notwendigkeit, die Zinsen anzuheben – anders als in anderen Ländern, in denen die Notenbanken wegen des Preisdrucks handeln mussten. Die jährliche Gesamtinflation lag in den ersten neun Monaten des Jahres 2026 durchschnittlich bei 1,54 Prozent und damit innerhalb des Zielkorridors der Zentralbank von 1 Prozent bis 3 Prozent.
Die Details
Auffällig ist die Entwicklung des Außenhandels. Die Exporte sollen in diesem Jahr um 17 Prozent bis 18 Prozent wachsen, sagte Vitai. Zuvor hatte die Notenbank ein Wachstum von 14 Prozent prognostiziert. Die Exportgewinne würden jedoch teilweise durch steigende Importe ausgeglichen, was deren Gesamtbeitrag zum BIP-Wachstum begrenze, betonte der Gouverneur. Der starke Außenhandel stützt die Konjunktur also nur mit Abstrichen.
Belastet wird der Ausblick von den Überschwemmungen in Thailand. Diese werden nach Einschätzung von Vitai gewisse Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt haben, doch das volle Ausmaß werde noch bewertet. Grund dafür ist, dass die Störungen länger andauerten und sich weiter ausbreiteten als ursprünglich erwartet. Erste Einschätzungen gingen davon aus, dass die Auswirkungen weitgehend auf Bangkok beschränkt bleiben würden. Die umfassendere Ausdehnung der Überschwemmungen könnte jedoch zu einem größeren wirtschaftlichen Schaden führen, sagte Vitai.
Hintergrund dieser Neubewertung ist ein Extremwetterereignis: Ende letzten Monats erklärte der Bürgermeister von Bangkok die Hauptstadt zur katastrophenbetroffenen Zone. Zuvor war fast 300 mm (12 Zoll) Regen in nur drei Tagen über die Stadt niedergegangen – so viel, wie Bangkok typischerweise im gesamten September erhält. Dass sich die Wassermassen nun über die Metropole hinaus ausbreiten, verändert die Schadensrechnung der Notenbank erheblich.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Haltung der Bank of Thailand ist keine Neuigkeit, sondern setzt eine Linie fort. Bereits am 13.05.2026 berichtete aktien.news, dass Thailands Zentralbank keine Eile bei Zinserhöhungen sieht. Begründet wurde dies mit verbesserten Inflationsaussichten und begrenzten Risiken einer Zweitrundeninflation; der aktuelle Leitzins sei angemessen, um die wirtschaftliche Erholung zu unterstützen. Bei der Sitzung vom 29. April stimmte der Ausschuss einstimmig dafür, den eintägigen Reposatz unverändert bei 1,00 Prozent zu belassen – während die Notenbanker die Auswirkungen der durch den Konflikt im Nahen Osten getriebenen höheren Ölpreise bewerteten. Die nächste Zinsüberprüfung war damals für den 24. Juni angesetzt.
Am 17.09.2026 berichtete aktien.news, dass die thailändische Zentralbank an ihrer expansiven Geldpolitik festhält, um die schwächelnde Wirtschaft zu stützen. Der stellvertretende Gouverneur für Geldpolitik, Don Nakornthab, bezeichnete den Kurs in einem Reuters-Interview als „sehr, sehr expansiv" und notwendig, um die Erholung zu unterstützen. Der Leitzins liege mit 1,00 Prozent auf einem der niedrigsten Niveaus weltweit. Die Bank of Thailand hatte ihren Leitzins zuletzt im September unverändert bei 1,00 Prozent belassen – es war die dritte Sitzung in Folge ohne Zinsänderung. Begründet wurde dies mit einem niedrigen und ungleichen Wirtschaftswachstum.
Einen Kontrapunkt zur aktuellen Wachstumsprognose von rund 2,3 Prozent setzt der Blick zurück auf den 24.02.2026. Damals berichtete aktien.news, dass Notenbankchef Vitai Ratanakorn auf einem Wirtschaftsseminar in Bangkok ehrgeizige Wachstumsziele für 2026 formuliert hatte. Fiskal- und Geldpolitik sollten konzertiert eingesetzt werden, um die Wirtschaftsleistung von derzeit erwarteten 1,9 Prozent auf 2,7 Prozent zu heben. Damit revidierte Vitai die bisherige Prognose der Bank of Thailand deutlich nach oben – ursprünglich hatte die Notenbank lediglich 1,5 Prozent Wachstum für 2026 in Aussicht gestellt. Die gesamtwirtschaftliche Stabilität Thailands sei zwar solide, doch das Wachstumstempo bleibe unzureichend, betonte der Gouverneur. Strukturelle Probleme bremsten die Expansion, weshalb Regierungsbehörden aktiv an Lösungen arbeiteten.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger, die in Thailand engagiert sind oder ein Engagement prüfen, ist die Botschaft der Notenbank klar: Ein rascher Zinsschritt nach oben ist derzeit nicht zu erwarten. Der Leitzins von 1,00 Prozent bleibt vorerst bestehen, und die gesenkte Inflationsprognose von rund 2 Prozent für 2026 nimmt den Druck von der Geldpolitik. Anders als in anderen Ländern, in denen Notenbanken wegen des Preisdrucks straffen mussten, fehlt in Thailand das zwingende Argument für höhere Zinsen.
Gleichzeitig benennt Vitai selbst die Grenzen dieses Ansatzes: Die Geldpolitik könne strukturelle Probleme nicht lösen. Wer also auf eine nachhaltige Beschleunigung der thailändischen Wirtschaft setzt, sollte nicht allein auf Zinssenkungen oder eine lockere Geldpolitik schauen – die Wachstumsbremsen liegen nach Einschätzung des Gouverneurs woanders.
Zwei Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit. Erstens die Exportdynamik: Ein Plus von 17 Prozent bis 18 Prozent statt der zuvor erwarteten 14 Prozent ist eine deutliche Anhebung der Prognose, die exportorientierten Unternehmen zugutekommen dürfte – auch wenn steigende Importe den Beitrag zum BIP-Wachstum begrenzen. Zweitens die Überschwemmungen: Hier steht die abschließende Bewertung des Schadens noch aus, und eine Ausweitung über Bangkok hinaus könnte die Rechnung vergrößern. Diese Unsicherheit ist ein Risikofaktor für den weiteren Jahresverlauf.
Ausblick
Der nächste harte Termin ist die geldpolitische Überprüfung am 28. Oktober. Zuletzt hatte die Notenbank den Leitzins im August unverändert bei 1,00 Prozent belassen. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Vitai ein Wirtschaftswachstum von rund 2,3 Prozent, getrieben von Investitionen, eine Inflation von rund 2 Prozent sowie Exportzuwächse von 17 Prozent bis 18 Prozent. Offen bleibt die endgültige Bewertung der Überschwemmungsschäden, deren Ausmaß die Notenbank noch beziffern will.
Kurz erklärt
- Leitzins: Der von einer Zentralbank festgelegte Zinssatz, an dem sich die übrigen Zinsen einer Volkswirtschaft orientieren und der die Kreditkosten von Unternehmen und Haushalten beeinflusst.
- Gesamtinflation: Die durchschnittliche Preisveränderung eines breiten Warenkorbs über einen bestimmten Zeitraum, gemessen als Jahresrate.
- Reposatz: Der Zinssatz, zu dem Geschäftsbanken sich bei der Zentralbank kurzfristig Geld gegen Wertpapiere beschaffen können.
- Strukturelle Probleme: Tiefliegende, längerfristige Hemmnisse einer Volkswirtschaft, die sich durch Zinspolitik allein nicht beheben lassen.
