EZB überwacht Löhne und Preiserwartungen wegen Inflationsrisiken
Chefökonom Philip Lane nennt konkrete Frühindikatoren, die die EZB bei der Inflationsbeurteilung leiten sollen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) richtet ihren Blick auf zwei zentrale Indikatoren: die Verkaufspreiserwartungen der Unternehmen und die Löhne für Neueinstellungen. EZB-Chefökonom Philip Lane machte dies auf einer Konferenz in Frankfurt deutlich, wo er die geldpolitische Strategie der Notenbank angesichts kriegsbedingter Inflationsrisiken erläuterte.
Lane betonte, dass die Finanzmärkte derzeit eher einen einmaligen Sprung des Preisniveaus einpreisen als eine dauerhaft über dem EZB-Ziel von 2 Prozent liegende Inflation. Hohe Energiepreise infolge des Krieges in der Ukraine treiben die Verbraucherpreise kurzfristig nach oben. Der Markt erwartet besonders hohe Inflationswerte im März und April, bevor eine Normalisierung einsetzt.
Gleichzeitig verwies Lane auf eine spürbare Eintrübung der Konjunktur. Das Verbrauchervertrauen sei deutlich gesunken, und auch die Einkaufsmanagerindizes zeigten einen Abschwung. Diese gegenläufigen Signale – steigende Preise einerseits, schwächere Wirtschaftsaktivität andererseits – stellen die EZB vor eine komplexe geldpolitische Abwägung.
Lohn-Tracker als Frühindikator
Besonders aufschlussreich ist laut Lane der sogenannte Lohn-Tracker der EZB, der als verlässlicher Frühindikator für Tariflöhne gilt. Steigen die Löhne für Neueinstellungen stark an, könnte dies eine Lohn-Preis-Spirale auslösen und die Inflation verstetigen. Genau dieses Szenario will die Notenbank frühzeitig erkennen und gegebenenfalls gegensteuern.
Die EZB werde das wirtschaftliche Szenario bei jeder Ratssitzung neu bewerten, so Lane. Die Inflationserwartungen zeigten für das erste Jahr einen signifikanten Effekt, danach einen deutlich geringeren – ein Hinweis darauf, dass die Märkte den Preisanstieg als vorübergehend einschätzen. Für Anleger und Sparer in Deutschland bleibt die Frage entscheidend, ob die EZB trotz hoher Inflation an ihrer lockeren Geldpolitik festhält oder die Zinswende einleitet.
