EZB-Studie: US-Zölle senken Inflation und bremsen Wachstum im Euroraum
Neue Analyse zeigt überraschende Effekte: Handelsbarrieren drücken mittelfristig auf Preise und Industrieproduktion.

Ausländische Importzölle führen im Euroraum zu sinkenden Preisen und schwächerem Wirtschaftswachstum. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Europäischen Zentralbank, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Die Analyse untersucht insbesondere die Auswirkungen von US-Zöllen auf europäische Waren.
Die EZB-Ökonomen identifizierten sogenannte "zollbedingte Handelsüberraschungen" (tariff-related trade surprises, TTS), indem sie ungewöhnliche Handelsmuster im Zusammenhang mit historischen US-Zolländerungen analysierten. Dabei zeigte sich ein zweistufiger Effekt: Unmittelbar nach Zollerhöhungen steigen die Preise im Euroraum zunächst leicht an, da höhere Produktionskosten über die Lieferketten weitergegeben werden.
Mittelfristig kehrt sich dieser Trend jedoch um. Etwa anderthalb Jahre nach einer TTS, die die Exporte des Euroraums in die USA um 1% reduziert, liegt das Verbraucherpreisniveau um etwa 0,1% niedriger. Die Industrieproduktion folgt einem ähnlichen Muster und sinkt, bevor sie sich stabilisiert.
Unterschiedliche Auswirkungen je nach Sektor
Besonders stark betroffen sind nachgelagerte Sektoren, die Endprodukte wie Maschinen, Automobile und Pharmazeutika herstellen. Ein bis zwei Jahre nach einer TTS sinkt die Produktion in diesen Branchen im Durchschnitt um etwa 0,3%, während die Erzeugerpreise ein Jahr danach um rund 0,1% fallen – jeweils bezogen auf einen Rückgang der bilateralen Exporte um 1%.
Vorgelagerte Sektoren wie die Chemieindustrie, die primär Vorprodukte liefern, reagieren zeitlich anders. Da sie am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, sind sie unmittelbarer von Zolländerungen betroffen. Die Studienergebnisse gelten für etwa 60% der untersuchten Sektoren, was rund 50% der gesamten Industrieproduktion des Euroraums und der Warenexporte in die USA entspricht.
Geldpolitik als wirksames Gegenmittel
Eine wichtige Erkenntnis der Studie: Die Geldpolitik kann diese negativen Effekte ausgleichen. Die am stärksten von Zöllen betroffenen Sektoren reagieren auch am empfindlichsten auf Zinsänderungen. Dies macht die Geldpolitik zu einem wirksamen Instrument, um der zollbedingten Disinflation entgegenzuwirken und die Belastung durch höhere Handelsbarrieren abzufedern.
Die EZB-Ökonomen kommen zu dem Schluss, dass die nachfragesenkenden Auswirkungen von US-Zölle auf den Euroraum etwaige inflationssteigernde Angebotseffekte überwiegen. Dies schafft Bedingungen, die einem negativen Nachfrageschock ähneln – ein Szenario, das für die Geldpolitik Handlungsspielraum eröffnet.
