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EZB signalisiert Zinserhöhung über 2,5 Prozent hinaus

Energiekrise treibt Inflation – EZB-Rat erwägt restriktive Geldpolitik über neutralen Leitzins hinaus

3 Min
EZB signalisiert Zinserhöhung über 2,5 Prozent hinaus

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer geldpolitischen Zäsur. Angetrieben durch eine volatile Energiemarktentwicklung, die sämtliche bisherigen Prognosen der Notenbank übertroffen hat, mehren sich die Stimmen im EZB-Rat für eine restriktivere Gangart. Nach der Anhebung des Leitzinses auf 2,5 Prozent – einem Niveau, das zuvor als Obergrenze des neutralen Bereichs galt – signalisieren immer mehr Währungshüter, dass weitere Zinserhöhungen notwendig sein könnten, um eine Verfestigung der Inflation zu verhindern.

Der lettische Notenbankchef und EZB-Ratsmitglied Martins Kazaks hat sich als eine der profiliertesten Stimmen dieser Wende positioniert. In einem aktuellen Interview betonte Kazaks, dass die 2,5-Prozent-Marke keinesfalls als Obergrenze für die Geldpolitik der EZB betrachtet werden dürfe. „Die Argumente für eine weitere Straffung mehren sich", erklärte Kazaks. Die Zinsen müssten möglicherweise „in restriktives Terrain vordringen", um den Inflationsdruck einzudämmen. Es gebe keine „unbeobachtbare Schwelle" oder höhere Hürde, um die Zinsen über die aktuelle Marke von 2,5 Prozent anzuheben. Kazaks plädiert für ein „schrittweises Vorgehen" und betont, dass die EZB aufgrund der Angemessenheit ihrer bisherigen Beschlüsse ohne „Hast oder Sprunghaftigkeit" agieren könne.

Breite Unterstützung für hawkishen Kurs

Diese hawkische Haltung findet im gesamten EZB-Rat Widerhall. EZB-Direktorin Isabel Schnabel wies darauf hin, dass die Sorge nicht nur Rohöl, sondern auch veredelte Produkte wie Diesel und vor allem Erdgas betreffe. Die Marktpreise für Erdgas sind auf über 83 Euro pro Megawattstunde gestiegen und liegen damit deutlich über der EZB-Basisprognose von 60,1 Euro sowie über dem „negativen" Szenario von 77 Euro. Auch die Rohölsorte Brent notiert bei 107 Dollar pro Barrel und übertrifft damit die Annahmen der internen Modelle der Notenbank deutlich.

Der slowakische Notenbankchef Peter Kazimir erklärte, dass sich sein Fokus zunehmend auf Gas- und Strompreise verlagert habe. Er warnte, dass „die Inflationsrisiken eindeutig nach oben gerichtet sind". Die Dringlichkeit wird durch die strukturelle Lage der europäischen Energiereserven noch verschärft. Europäische Länder, die im Sommer in der Hoffnung auf eine Lösung des Iran-Konflikts gezögert hatten, ihre Speicher zu füllen, bemühen sich nun hektisch um Lieferungen. Diese Anspannung hat die Erdgaspreise auf Vierjahreshochs getrieben und droht, die Kosten für Haushalte und Unternehmen massiv zu erhöhen.

Wirtschaft läuft am Limit – Lohn-Preis-Spirale droht

Kazaks warnte zudem, dass die Wirtschaft der Eurozone derzeit an ihrer Kapazitätsgrenze operiere. Dies erhöhe das Risiko, dass steigende Energiekosten auf Löhne und breitere Verbraucherpreise übergewälzt würden. „Die Produktionslücke schließt sich, was bedeutet, dass die Weitergabe an Preise und Löhne zunehmen könnte", so Kazaks. Die Inflationsrate in der Eurozone lag im August bei 3,3 Prozent und wird für das Schlussquartal des Jahres auf 3,6 Prozent prognostiziert.

Besonders brisant: Grundnahrungsmittel wie Treibstoff und Lebensmittel, die sich derzeit für viele Verbraucher im „Unaufmerksamkeitsbereich" befänden, könnten bei anhaltendem Preisdruck die Inflationserwartungen nach oben treiben – insbesondere, wenn sie das Lohnwachstum weiterhin übertreffen. Die Tariflöhne in der Eurozone stiegen im zweiten Quartal um 2,44 Prozent, eine leichte Verlangsamung gegenüber 2,56 Prozent im ersten Quartal. Dies verdeutlicht die potenziell wachsende Kluft zwischen den Lebenshaltungskosten und der Einkommensentwicklung.

Märkte preisen weitere Zinsschritte ein

Während einige EZB-Ratsmitglieder weiterhin Zurückhaltung anmahnen und für ein schrittweises Vorgehen von Sitzung zu Sitzung plädieren, um weitere Daten abzuwarten, preisen die Finanzmärkte bereits eine hohe Wahrscheinlichkeit weiterer Maßnahmen ein. Die Märkte schätzen die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung auf der kommenden EZB-Sitzung am 29. Oktober auf 60 Prozent. Ein Zinsschritt bis zum Jahresende gilt als vollständig eingepreist.

Für die EZB bleibt die zentrale Herausforderung, die Balance zu wahren zwischen der Notwendigkeit, eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, und dem Risiko, die Wirtschaft in ein restriktives Umfeld zu manövrieren, das das Wachstum abwürgen könnte. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Energiemärkte der EZB die Zeit geben, die sie für ihre schrittweise Strategie benötigt.

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