EZB-Chefin Lagarde: Inflation bleibt in naher Zukunft hoch
Die EZB-Präsidentin rechnet laut einem Interview mit der japanischen Zeitung Yomiuri Shimbun mit anhaltend hohen Inflationszahlen in den kommenden Quartalen.

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, erwartet, dass die Inflation in naher Zukunft hoch bleiben wird. In einem Interview mit der japanischen Zeitung Yomiuri Shimbun sagte sie, die sekundären Effekte fielen bis dato nicht schlechter aus als erwartet. Das Interview wurde am Samstag veröffentlicht. Die Nachrichtenagentur Bloomberg Europe berichtete am 7. November 2026 über die Aussagen.
„Wir wissen, dass die Inflationszahlen in den kommenden Quartalen hoch bleiben werden", sagte Lagarde. Sie verknüpfte dabei das Niveau der Teuerung mit ihrer Dauer: „Je höher sie sind und je länger sie hoch bleiben, desto größer ist das Risiko für unser mittelfristiges Ziel." Damit benennt die EZB-Präsidentin einen Zielkonflikt, der die Geldpolitik im Euroraum weiter beschäftigen dürfte.
Konkrete Inflationswerte nennt der Bericht nicht. Auch einen Zeitplan für geldpolitische Entscheidungen oder eine Angabe dazu, wie stark die Notenbank gegebenenfalls reagieren will, enthält die Zusammenfassung nicht. Offen bleibt damit, ob und wann die EZB ihre Geldpolitik anpassen wird.
Lagarde benennt die Dauer der Teuerung als zentralen Risikofaktor
Bemerkenswert an der Aussage ist die Betonung der Dauer. Lagarde sagt nicht nur, dass die Inflation hoch bleibt, sondern dass die Länge dieser Phase das Risiko für das mittelfristige Ziel der Notenbank erhöht. Je länger die Teuerung über dem angestrebten Niveau liegt, desto stärker können sich die Erwartungen von Haushalten und Unternehmen verfestigen.
Die Einschätzung, dass die sekundären Effekte bis dato nicht schlechter ausfallen als erwartet, deutet darauf hin, dass die Notenbank bislang keine stärkere Ausbreitung der Teuerung über Löhne und andere Preise feststellt. Lagarde hatte in der Vergangenheit wiederholt auf genau diese Zweitrundeneffekte verwiesen. Der aktuelle Bericht ordnet die Aussage allerdings nicht in konkrete Daten ein.
Das Interview erschien in einer japanischen Zeitung und damit in einem internationalen Umfeld. Für europäische Anleger ist die Aussage vor allem deshalb relevant, weil sie die Erwartung der Notenbankspitze an die kommenden Quartale zusammenfasst. Die EZB-Spitze äußert sich regelmäßig zu den Inflationsaussichten; die Aussage gegenüber einem ausländischen Medium fällt in eine Phase, in der die Notenbank nach früheren Berichten von aktien.news mehrfach auf gestiegene Risiken hingewiesen hat.
Bereits am 30. Oktober 2026 zog aktien.news eine Bilanz von Lagardes Amtszeit
Bereits am 30.10.2026 berichtete aktien.news, dass Christine Lagarde die Europäische Zentralbank mit einem Sieg im Kampf gegen die Inflation verlassen werde. Zugleich hinterlasse sie nach Einschätzung von Bloomberg AI wiederhergestellte Kameradschaft unter den Politikern und einen Euro auf dem Weg in das digitale Zeitalter. Die Bilanz sei jedoch keineswegs nur von Erfolgen geprägt: Bloomberg AI benenne ausdrücklich auch Fehltritte, von einer Anleihekrise während der Corona-Pandemie bis hin zu einem zögerlichen Beginn der Straffungspolitik im Jahr 2022.
Am 22.06.2026 berichtete aktien.news über Lagardes Auftritt vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments. Damals positionierte sie sich dahingehend, dass der Inflationsschock in der Eurozone geldpolitische Maßnahmen erfordere, aber noch keine aggressive Zinspolitik rechtfertige. Die Inflation war zuletzt über die Marke von 3 Prozent gestiegen – ein Niveau, das die EZB bereits zu einer Zinsanhebung Anfang April veranlasst hatte. Lagarde beschrieb die Lage seinerzeit als „nicht allzu anhaltendes Überschießen", das eine „gewisse maßvolle geldpolitische Anpassung" erfordere.
Am 17.04.2026 warnte Lagarde laut aktien.news vor steigenden Inflationsrisiken im Euroraum. Bei einem Treffen des Internationalen Währungs- und Finanzausschusses in Washington erklärte sie, die Unsicherheit über den Inflationsausblick habe „deutlich zugenommen". Auslöser sei der eskalierte Konflikt im Nahen Osten gewesen, der die Energiepreise unter Druck setzte. „Die Risiken für den Ausblick sind nach oben gerichtet, insbesondere auf kurze Sicht, während die mittelfristigen Auswirkungen von der Intensität und Dauer des Krieges abhängen werden", sagte sie damals. In einem weiteren Bericht vom selben Tag zitierte aktien.news Lagarde mit den Worten, der Krieg im Nahen Osten habe die Aussichten deutlich unsicherer gemacht und berge Aufwärtsrisiken für die Inflation sowie Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum.
Für Anleger bleibt die Richtung der Geldpolitik der entscheidende Faktor
Für deutsche Privatanleger ist die Aussage vor allem als Signal für die künftige Geldpolitik relevant. Bleibt die Inflation länger hoch, steigt der Druck auf die Notenbank, an der geldpolitischen Ausrichtung festzuhalten oder sie zu straffen. Umgekehrt gilt: Solange die sekundären Effekte nicht stärker ausfallen als erwartet, spricht aus Sicht der Notenbankinstitution zunächst wenig für einen abrupten Kurswechsel.
Anhaltend hohe Inflationsraten wirken sich auf die reale Rendite von Sparguthaben und festverzinslichen Anlagen aus. Zugleich beeinflussen sie die Erwartungen an die Zinsen und damit die Bewertung von Aktien und Anleihen. Der Bericht liefert dafür keine neuen Zahlen, sondern eine Einschätzung der Notenbankspitze zur Richtung der kommenden Quartale. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Die kommenden Quartale gelten als Zeitraum anhaltend hoher Inflationszahlen
Als konkreten Zeitraum nennt Lagarde die kommenden Quartale. Weitere Termine, etwa Sitzungstermine der EZB oder ein Datum für eine Entscheidung, enthält der Bericht nicht. Auch eine Prognose, wie stark die Inflation zurückgehen soll, wird nicht genannt.
Damit bleibt der Ausblick offen: Die Notenbank rechnet mit anhaltend hoher Teuerung, ohne sich auf ein konkretes Niveau oder einen Wendepunkt festzulegen. Anleger werden die kommenden Inflationsdaten und die nächsten geldpolitischen Signale der EZB daher besonders aufmerksam verfolgen.
Die folgenden Begriffe helfen beim Einordnen des Berichts
- Sekundäre Effekte: Zweitrundeneffekte, bei denen höhere Kosten über Löhne und andere Preise weitergegeben werden und die Teuerung dadurch verfestigen können.
- Mittelfristiges Ziel: Das von einer Notenbank angestrebte Inflationsniveau, das sie über einen mehrjährigen Zeitraum erreichen will.
- Geldpolitische Straffung: Der Kurs einer Notenbank, mit höheren Zinsen oder dem Abbau von Anleihekäufen den Preisauftrieb zu bremsen.
