Evonik kündigt Abbau von 3.200 Stellen an – Aktie legt zu
Evonik streicht 3.200 Stellen weltweit, davon 2.150 in Deutschland

Der Spezialchemiekonzern Evonik verschärft seinen Sparkurs. Unter Interimschef Claus Rettig sollen weltweit 3.200 Stellen gestrichen werden, davon 2.150 in Deutschland. Die Ankündigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die gesamte Branche unter Druck steht. Die Börse reagierte dennoch positiv: Die Aktie legte am Morgen um fast fünf Prozent zu.
"Wir werden diese Polykrise nutzen, um alte Strukturen zu ändern und uns besser aufzustellen", sagte Rettig nach einer Strategieklausur von Vorstand und Aufsichtsrat. Der 66-Jährige ist vorübergehend an die Spitze des Essener Konzerns gerückt, nachdem Vorstandschef Christian Kullmann im August überraschend wegen einer Erkrankung "bis auf Weiteres" ausgeschieden war.
Die Details
Der Stellenabbau ist umfangreich: Weltweit will Evonik 3.200 Jobs streichen, davon 2.150 in Deutschland. Erstmals sollen nun auch Mitarbeiter mit Abfindungen dazu gebracht werden, den Konzern zu verlassen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. Stattdessen werden frei werdende Stellen nicht nachbesetzt, Beschäftigte früher in den Ruhestand verabschiedet oder freiwillige Abgänge über Abfindungen vereinbart. Schon bis Ende 2026 fallen durch Spar- und Effizienzprogramme rund 2.800 Stellen weg.
Darüber hinaus will sich der Konzern von zwei Töchtern trennen: Oxeno und Syneqt mit zusammen rund 4.300 Beschäftigten. "Wir sprechen bei Oxeno mit Investoren, im Falle Syneqts ist das noch nicht der Fall", sagte Rettig. "Aber es ist klar, dass es in beiden Fällen zum Verkauf kommen wird." Bei Oxeno rechnet Rettig schon in diesem Jahr mit Ergebnissen. Bei Syneqt – die Tochter hat 3.500 Beschäftigte in Marl und Wesseling – "soll der Verkaufsprozess 2027 starten", kündigte er an.
Zudem soll das Produktportfolio nach Rollenprofilen geordnet werden. Allen großen Standorten in Deutschland würden spezifische Aufgaben zugeteilt. "Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter teilen eine Überzeugung: Wir befinden uns in einer strukturellen und ökonomischen Krise unserer Industrie", sagte Rettig laut Mitteilung.
Gute Chancen für Wachstum sieht Evonik besonders in "Asien und Amerika". Dort werden aktuell weitere Investitionsprojekte geprüft. Evonik brauche die Fokussierung auf profitable Geschäfte, um das eigene Wachstum zu stärken, so Rettig.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 5. Februar 2026 berichtete aktien.news, dass Evonik seine Dividende drastisch kürzt. Für das Geschäftsjahr 2025 erhielten Aktionäre nur noch 1,00 Euro je Aktie – ein deutlicher Rückgang gegenüber den 1,17 Euro des Vorjahres. Die Börse reagierte damals ebenfalls positiv: Die Aktie legte um 2,19 Prozent auf 14,47 Euro zu. Künftig sollen zwischen 40 und 60 Prozent des bereinigten Konzernergebnisses ausgeschüttet werden, nachdem Evonik jahrelang stabile Dividenden gezahlt hatte.
Am 18. Juli 2026 berichtete aktien.news, dass Evonik gemeinsam mit BASF und Covestro die Jahresprognosen anhob. Der Essener Konzern hob seine Prognose für das bereinigte Ebitda auf eine Spanne zwischen 2,0 und 2,2 Milliarden Euro an – zuvor hatte die Erwartung bei 1,7 bis 2,0 Milliarden Euro gelegen. Branchenexperten dämpften damals die Euphorie und sprachen von einer anhaltenden Strukturkrise.
Was das für Anleger bedeutet
Die aktuellen Maßnahmen sind die logische Fortsetzung des eingeschlagenen Sparkurses. Christian Kullmann hatte den Umbau angestoßen – Rettig will nun Kurs halten. "Christian Kullmann hat seine Operation gut überstanden", sagte Rettig. Er sei zuversichtlich, dass Kullmann im kommenden Jahr zurückkommen werde.
Für Anleger ist die positive Kursreaktion ein Signal, dass der Markt den harten Sparkurs honoriert. Die Kombination aus Stellenabbau, Verkauf von Töchtern und Fokussierung auf profitable Geschäfte in Asien und Amerika wird von Investoren offenbar als notwendiger Schritt zur Stabilisierung gesehen. Allerdings zeigt die Historie: Bereits die Prognoseerhöhung im Juni 2026 führte zu keiner nachhaltigen Trendwende, und die Branchenkrise ist nach Einschätzung von Experten struktureller Natur.
Ausblick
Die Umsetzung des Stellenabbaus soll bis Ende 2026 rund 2.800 Stellen umfassen. Bei Oxeno rechnet Rettig schon in diesem Jahr mit Ergebnissen aus den Verkaufsgesprächen. Der Verkaufsprozess für Syneqt soll 2027 starten. Christian Kullmann soll nach seiner Genesung im kommenden Jahr an die Konzernspitze zurückkehren. Die Prüfung weiterer Investitionsprojekte in Asien und Amerika läuft.
Kurz erklärt
- Polykrise: Ein Begriff für das gleichzeitige Auftreten mehrerer Krisen (wirtschaftlich, geopolitisch, strukturell), die sich gegenseitig verstärken und eine Gesamtlage erzeugen, die schwieriger zu bewältigen ist als die Summe der Einzelkrisen.
- Bereinigtes Ebitda: Eine betriebswirtschaftliche Kennzahl, die den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen zeigt, bereinigt um einmalige Sondereffekte. Sie dient dem Vergleich der operativen Ertragskraft über mehrere Perioden.
- Abfindung: Eine einmalige Geldzahlung des Arbeitgebers an einen ausscheidenden Mitarbeiter, die den Verlust des Arbeitsplatzes abgelten soll. Sie wird in der Regel im Rahmen eines Aufhebungsvertrags vereinbart und ist oft höher als die gesetzliche Abfindung bei betriebsbedingten Kündigungen.
