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Evonik streicht 3200 Stellen – Rettigs Plan gegen die Krise

Interims-CEO Claus Rettig will den Spezialchemiekonzern mit einem radikalen Umbau aus der Krise führen.

5 Min
Evonik streicht 3200 Stellen – Rettigs Plan gegen die Krise

Eigentlich sollte es bei der jährlichen Strategieklausur von Evonik um die Zukunft gehen. Doch bevor Vorstand und Aufsichtsrat über Wachstum, Märkte und neue Geschäftsfelder berieten, stand die Gegenwart im Mittelpunkt. Die Diagnose von Interims-CEO Claus Rettig fällt schonungslos aus: „Wir befinden uns in einer strukturellen und ökonomischen Krise unserer Industrie.“

Rettig, der normalerweise von Singapur aus das Asiengeschäft des Konzerns leitet, ist seit Anfang September Interimschef. Er vertritt Vorstandsvorsitzenden Christian Kullmann, der sich derzeit von einer schweren Operation erholt. Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter seien sich in dieser Einschätzung einig, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Die „Polykrise“ wolle Evonik nutzen, „um alte Strukturen zu ändern und uns besser aufzustellen“, so Rettig.

Der Stellenabbau: 3200 Jobs bis 2029

Im Mittelpunkt der Transformationsstrategie steht ein bereits im Juni angekündigter Stellenabbau. Zwischen 2027 und 2029 will der Essener Spezialchemiekonzern weltweit 3200 Arbeitsplätze streichen – rund zehn Prozent seiner Belegschaft. Weil Evonik besonders viele Beschäftigte in Deutschland hat, trifft der Umbau die heimischen Standorte stark. In Verwaltung und Produktion sollen hierzulande 2150 Stellen wegfallen.

Es ist nicht die erste Sparrunde des Konzerns. Seit Oktober 2023 hat Evonik seine Verwaltung umgebaut, Hierarchien abgeflacht und Managementpositionen gestrichen. Rund 2000 Arbeitsplätze fielen dabei weg, in der Produktion weitere 800. Die erste Umbauphase bis Ende 2026 soll die Kosten um etwa 400 Millionen Euro senken. Mit dem laufenden und dem im Juni angekündigten Programm sollen bis Ende 2029 insgesamt rund 6000 Stellen bei Evonik abgebaut werden.

Der Stellenabbau soll sozialverträglich erfolgen. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei Evonik in Deutschland bis 2032 vertraglich ausgeschlossen. Der Konzern setzt deshalb auf freiwillige Lösungen: Abfindungen, Vorruhestand sowie die Vermittlung in andere interne oder externe Jobs.

Neue Wachstumsstrategie jenseits Europas

Neu ist, wie Evonik nach der Schrumpfkur wieder wachsen will. Für jeden der sechs großen Produktionsstandorte in Deutschland soll ein klares Profil entstehen. Die Werke sollen sich künftig auf bestimmte Aufgaben und Produkte konzentrieren. Die einzelnen Geschäftsbereiche plant Evonik konsequent nach ihrer Rolle auszurichten: als Wachstumstreiber oder als Cash-Generator.

Volumengeschäfte wie Methionin, ein Eiweißbaustein für Tierfutter, sollen mit schlanken Teams und einem hohen Automatisierungsgrad betrieben werden. Andere Geschäfte sind komplexer, ihre Produkte erklärungsbedürftiger und ihre Wachstumsperspektiven schwieriger einzuschätzen. Sie sollen in Einheiten gebündelt werden, die stärker auf Wachstum ausgerichtet sind.

In diesen Tagen gründet Evonik dafür die neue Business-Line „Designed Polymer Solutions“. Sie soll verschiedene Wachstumsthemen aus den Märkten Luft- und Raumfahrt, Automotive und Gas-Separation bündeln. Auch Anwendungen für Biogas und Wasserstoff gehören dazu.

Evonik will sein Wachstum künftig stärker außerhalb Europas suchen. In Kanada und der Slowakei hat der Konzern bereits Projekte in den Bereichen Healthcare und Biotechnologie mit einem Gesamtvolumen im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich gestartet. Weitere Investitionen in Asien und Amerika werden derzeit geprüft. Dort sieht das Management die größten Wachstumschancen.

Langfristig soll der Umsatz gleichmäßiger auf die drei Regionen Europa, Asien und Amerika verteilt sein. Auf jede Region soll dann etwa ein Drittel entfallen. Derzeit erwirtschaftet Evonik noch 48 Prozent seines Umsatzes in Europa.

Werksschließungen und Rückzug aus unrentablen Geschäften

Zugleich will sich Evonik weltweit von Geschäften trennen, die keine ausreichende Perspektive mehr bieten. „Nur wenn wir in dem, was wir tun, jeweils führend sind, werden wir uns dauerhaft an der Spitze unserer Industrie festsetzen können“, wird Rettig zitiert.

Zu den Geschäften, von denen sich Evonik trennt, gehört die Polyesterproduktion. Der Konzern will das Geschäft, das derzeit rund 150 Millionen Euro Umsatz im Jahr erwirtschaftet, weltweit aufgeben. Der Standort Witten mit 266 Beschäftigten soll im kommenden Jahr geschlossen werden. In Marl fallen 45 Stellen weg, in Shanghai weitere 35.

Die Polyesterproduktion steht exemplarisch für ein Problem, mit dem viele europäische Chemieunternehmen kämpfen. Kleinere Anbieter aus Europa können mit asiatischen Wettbewerbern, die oft deutlich günstiger produzieren, kaum noch mithalten. „Das Polyester-Geschäft zu beenden und die Produktion zu schließen, ist ein wirtschaftlich alternativloser Schritt“, begründete Lauren Kjeldsen, die im Vorstand für das Segment verantwortlich ist, bereits im Sommer. Der globale Wettbewerbsdruck, die strukturellen Nachteile in Europa und eine nachlassende Marktdynamik hätten dazu geführt, dass keine der geprüften Alternativen wirtschaftlich dauerhaft tragfähig gewesen sei.

Mitte September kündigte Evonik zudem an, zwei kleinere deutsche Standorte zu schließen. Betroffen sind die Niederlassungen in Bitterfeld und Hamburg. Die dort betriebenen Geschäfte sollen an größeren Standorten konzentriert werden. In Hamburg arbeiten derzeit rund 50 Beschäftigte im Bereich Kosmetik- und Pflegeprodukte. In Bitterfeld produzieren 40 Menschen Chlorsilane.

„Produktions-, Verwaltungs- und Laborstrukturen sind in einigen Bereichen zu stark fragmentiert“, erklärte Rettig. Das führe zu unnötig hohen Kosten und schwäche die Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb müsse Evonik seine Aktivitäten räumlich stärker bündeln. So könne der Konzern effizienter arbeiten, Innovationen schneller vorantreiben und seine Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Das Kosmetik- und Pflegegeschäft aus Hamburg etwa soll künftig am Essener Standort an der Goldschmidtstraße fortgeführt werden. Evonik hat den Standort als Formulierungsexperten profiliert. Dort entwickelt der Konzern Produkte nach den Anforderungen einzelner Kunden.

Den Betrieb seiner Chemieparks hat Evonik bereits in der neuen Gesellschaft Syneqt gebündelt. Davon sind rund 3500 Beschäftigte betroffen. Der Verkaufsprozess für Syneqt soll 2027 beginnen. Über die Veräußerung des restlichen Massenchemiegeschäfts Oxeno wird derzeit verhandelt.

Stellenstreichungen erfassen die gesamte Chemiebranche

Neben Evonik haben bereits zahlreiche andere Unternehmen Sparprogramme angekündigt. Der Spezialchemiekonzern Wacker will bis Ende 2027 mehr als 1500 Arbeitsplätze abbauen, den Großteil davon an deutschen Standorten. Beim Kölner Spezialchemiekonzern Lanxess sollen 550 weitere Stellen wegfallen, rund zwei Drittel davon in Deutschland. Auch Branchenprimus BASF kündigte im Mai ein weiteres Sparprogramm an. Vorstandschef Markus Kamieth bestätigte, dass dadurch zusätzliche Stellen wegfallen werden. Wie viele Arbeitsplätze betroffen sein werden, ließ der Vorstand bislang offen.

Dabei laufen die Geschäfte deutscher Chemiehersteller derzeit vergleichsweise gut. Nach Einschätzung von Branchenvertretern haben viele Kunden im zweiten Quartal ihre Lager aufgefüllt, um sich gegen mögliche Lieferkettenprobleme und Warenengpässe infolge des Kriegs im Nahen Osten abzusichern. Für die Chemie dürfte dieser Effekt jedoch nur vorübergehend sein.

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