Bürokratie bleibt laut ifo-Umfrage größtes Standortproblem Deutschlands
Die Hälfte aller Unternehmen sieht staatliche Auflagen als schwerste Belastung für den Wirtschaftsstandort.

Die Bürokratie in Deutschland wird von Unternehmen als die größte Belastung für den Wirtschaftsstandort wahrgenommen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des ifo-Instituts. Die Hälfte der befragten Unternehmen bewertete die Fülle staatlicher Regeln und Auflagen als das drängendste Problem.
"Der bürokratische Aufwand wirkt auf zwei Wegen: Er bindet Personal, das an anderer Stelle fehlt, und er verhindert Investitionen, die sich nicht mehr rechnen, sobald man den Genehmigungs- und Dokumentationsaufwand einpreist", sagte Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Befragungen. Besonders für Unternehmen mit Mitarbeitern und Exportgeschäft wird die Belastung spürbar.
Größe des Unternehmens entscheidet über Belastungsgrad
Die Wahrnehmung der Bürokratie hängt stark von der Unternehmensgröße ab. Während Solo-Selbstständige mit 33 Prozent am seltensten über Bürokratie klagen, steigt der Wert bei Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern auf 41 Prozent. Bei kleinen Unternehmen liegt er bei 50 Prozent, bei mittleren bei 58 Prozent und bei großen Unternehmen sogar bei 59 Prozent.
"Wer Beschäftigte hat, Anlagen betreibt und exportiert, ist von mehreren Regelwerken gleichzeitig erfasst – vom Arbeitsrecht über Berichtspflichten bis zum Datenschutz", erklärte Wohlrabe. Selbstständige und Kleinstunternehmen fielen aus vielen dieser Pflichten noch heraus. "Sobald ein Betrieb eine gewisse Größe erreicht, greifen sie fast alle auf einmal."
Energiekosten und Arbeitskosten als weitere Sorgen
Mit deutlichem Abstand folgen auf Platz zwei der größten Standortprobleme die Energiekosten. 27 Prozent der Unternehmen nannten sie als Belastung. An dritter Stelle stehen die Arbeitskosten mit 22 Prozent. Allerdings gibt es hier große Unterschiede zwischen den Wirtschaftsbereichen.
In der Industrie bewerten 39 Prozent der Unternehmen die Energiekosten als Standortproblem, im Dienstleistungssektor sind es nur 17 Prozent. Das Baugewerbe leidet überdurchschnittlich unter fehlenden Fachkräften (29 Prozent) und langwierigen Genehmigungsverfahren (13 Prozent). Im Handel steht dagegen die schwache Nachfrage im Vordergrund: 25 Prozent nennen die allgemeine Wirtschafts- und Auftragslage – mehr als in jedem anderen Bereich.
Bundesbank erwartet verhaltene Konjunktur im Herbst
Die allgemeine schwache Wirtschaftslage dürfte nach Einschätzung der Bundesbank in den Herbstmonaten zunächst anhalten. "Nach dem deutlichen Anstieg in den beiden Vorquartalen wird das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im laufenden Quartal saisonbereinigt nur leicht expandieren", heißt es im aktuellen Monatsbericht der Zentralbank.
Die Bundesbank-Experten gehen jedoch grundsätzlich davon aus, dass die größte europäische Volkswirtschaft den eingeschlagenen Erholungskurs in den Monaten Juli bis September nicht verlassen werde. "Insbesondere das Niedrigwasser am Rhein bremst im laufenden Quartal die Aktivität", heißt es im Monatsbericht. Dies habe sich im Juli in einer schwachen Industrieproduktion gezeigt.
Auch die Exporte hätten im dritten Quartal voraussichtlich weniger zum Wachstum beigetragen. "Darüber hinaus reduzierten die hohen Energiepreise die Kaufkraft der Verbraucherinnen und Verbraucher und deren Ausgaben auch für andere Waren", so der Bericht. Für das vierte Quartal rechnen die Experten mit einer stärkeren Erholung. Entscheidend werde sein, wie sich der Konflikt im Nahen Osten entwickelt und wie schnell sich die Pegelstände wichtiger Wasserstraßen normalisieren.
Für Anleger bleibt die Lage damit zweigeteilt: Während die Bürokratie als strukturelles Problem die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen langfristig belastet, könnten sich konjunkturelle Impulse zum Jahresende hin positiv auf die Märkte auswirken.
