Brüssel plant Steuer für große Konzerne statt reiner Digitalsteuer
Die EU-Kommission erwägt, US-Tech-Konzerne über eine breite Abgabe auf große Unternehmen zu besteuern – ohne sie gezielt herauszugreifen.

Die Europäische Union prüft, große US-Technologieunternehmen über eine umfassende Abgabe auf große Konzerne zu besteuern. Ziel ist es, Einnahmen für die EU zu generieren und gleichzeitig eine negative Reaktion der Trump-Administration zu vermeiden. Das berichtete die Financial Times am Mittwoch unter Berufung auf sechs mit den Beratungen vertraute Beamte.
Demnach arbeitet die Europäische Kommission an neuen Wegen, um mehr Einnahmen von Tech-Gruppen wie Apple, Meta und Google einzunehmen, ohne diese gezielt herauszugreifen. Brüssel erwäge dafür Änderungen an seinem Vorschlag „Corporate Resource for Europe“ (CORE). Dieser Vorschlag würde alle in der EU tätigen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro (112,32 Millionen Dollar) verpflichten, einen jährlichen Pauschalsteuerbeitrag zu leisten.
In seiner aktuellen Form verlangt CORE von diesen Unternehmen einen festen jährlichen Beitrag zwischen 100.000 Euro und 750.000 Euro. Damit würde nur ein kleiner Teil des Gewinns eines multinationalen Unternehmens erfasst. Genau hier setzt die Überlegung an, die Abgabe so auszuweiten, dass sie deutlich mehr große Konzerne abdeckt.
Die Details
Die berichteten Pläne kreisen um einen Mechanismus, der nicht auf digitale Dienste allein zielt, sondern auf große Unternehmen insgesamt. Ein EU-Beamter erklärte gegenüber der Financial Times die politische Logik hinter diesem Ansatz: „Einige (EU)-Kapitalmärkte sind gegen eine reine Digitalsteuer, weil sie die Amerikaner nicht verärgern wollen, und viele mehr sind gegen CORE.“ Der Beamte fügte hinzu: „Die Lösung besteht darin, die (Steuer) so auszuweiten, dass sie nahezu alle großen Unternehmen abdeckt.“
Die Schwelle von 100 Millionen Euro Jahresumsatz sowie die Beitragsspanne zwischen 100.000 Euro und 750.000 Euro stammen aus dem Bericht der Financial Times. Reuters konnte den Bericht zunächst nicht unabhängig bestätigen. Die Europäische Kommission, die Computer & Communications Industry Association (CCIA), die mehrere US-Technologieunternehmen vertritt, sowie Apple, Google und Meta reagierten außerhalb der regulären Geschäftszeiten nicht umgehend auf Reuters-Anfragen nach einer Stellungnahme.
Hinter dem Vorhaben steht ein handelspolitisch heikles Umfeld. US-Präsident Donald Trump hatte im Juni einen Zollsatz von 100 Prozent auf alle Waren aus jedem Land gedroht, das eine Steuer auf digitale Dienste für amerikanische Unternehmen erhebt. Das Büro des US-Handelsbeauftragten, das europäische Länder seit langem mit Vergeltungszöllen bedroht, falls sie solche Steuern einführen, hat argumentiert, dass diese Abgaben US-Unternehmen benachteiligen, die den Sektor global dominieren.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Berichterstattung ist Teil einer längeren Auseinandersetzung, die aktien.news bereits mehrfach begleitet hat. Bereits am 19.09.2026 berichtete aktien.news, dass Brüssel eine EU-weite Digitalsteuer vorerst ablehnt. Der höchste Steuerbeamte Europas, der Europäische Kommissar Wopke Hoekstra, hatte eine EU-weite Abgabe auf Tech-Giganten wie Amazon, Google und Meta ausgeschlossen, solange nicht „alle Möglichkeiten“ auf globaler Ebene zur Besteuerung digitaler Dienste ausgeschöpft seien. Hoekstra sagte der Financial Times, die EU solle warten, bis „wir alle Möglichkeiten einer globalen Lösung ausgeschöpft haben“. Internationale Bemühungen zur Besteuerung digitaler Dienstleistungsunternehmen waren zuletzt von den USA abgelehnt worden.
Am 10.04.2026 berichtete aktien.news, dass die EU-Strafen gegen Big Tech die Marke von 7 Milliarden Dollar überschritten haben. Die Europäische Union hatte seit Anfang 2024 Bußgelder gegen US-amerikanische Technologiekonzerne in Höhe von über 6 Milliarden Euro – umgerechnet rund 7 Milliarden Dollar – verhängt. Betroffen waren Google, Apple und Meta, die die Strafen wegen angeblicher Verstöße gegen das europäische Kartell- und Wettbewerbsrecht anfechten. Die Bußgelder entwickelten sich zu einem zentralen Streitpunkt zwischen Washington und Brüssel, und die Trump-Administration reagierte zunehmend gereizt auf die europäische Regulierungspraxis.
Am 25.07.2026 berichtete aktien.news, dass Trump der EU mit Zöllen wegen der Bußgelder gegen US-Tech droht. Der US-Präsident kündigte an, eine Handelsuntersuchung gegen die Europäische Union einzuleiten. Auslöser war die jüngste Geldstrafe der EU-Kommission gegen Google in Höhe von rund 890 Millionen Euro. Trump erklärte, die Untersuchung werde „wahrscheinlich“ zu „erheblichen“ Zöllen gegen den 27 Mitglieder zählenden Block führen. In einem Beitrag auf seiner Plattform Truth Social warf Trump der EU vor, amerikanische Unternehmen und damit den amerikanischen Steuerzahler zu „berauben“. Er kritisierte dabei nicht nur die jüngste Google-Strafe, sondern auch frühere europäische Bußgelder gegen Apple, Meta und Amazon. Der Vorwurf im Google-Verfahren lautete, das Unternehmen habe Wettbewerber seiner eigenen Dienste systematisch verdrängt.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Meldung vor allem deshalb relevant, weil sie das regulatorische Umfeld der großen US-Tech-Konzerne betrifft. Sollte die EU ihre Abgabe auf nahezu alle großen Unternehmen ausweiten, träfe dies nicht nur Digitalkonzerne, sondern potenziell eine breite Palette international tätiger Firmen mit EU-Umsatz oberhalb der genannten Schwelle. Die im Bericht genannte aktuelle Beitragsspanne von 100.000 Euro bis 750.000 Euro pro Jahr ist gemessen an den Gewinnen multinationaler Konzerne klein – eine Ausweitung könnte die Belastung jedoch spürbar verändern.
Gleichzeitig bleibt das politische Risiko bestehen. Die USA haben wiederholt mit Vergeltung gedroht, zuletzt mit einem Zollsatz von 100 Prozent auf Waren aus Ländern, die digitale Dienste amerikanischer Unternehmen besteuern. Für Anleger bedeutet das: Neue Steuerpläne aus Brüssel können schnell zu handelspolitischen Gegenreaktionen führen, die über den Technologiesektor hinaus auf exportorientierte Branchen wirken. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Der Bericht der Financial Times beschreibt Beratungen, nicht beschlossene Maßnahmen. Reuters konnte die Angaben zunächst nicht unabhängig bestätigen. Die Europäische Kommission, die CCIA sowie Apple, Google und Meta hatten auf Reuters-Anfragen zunächst nicht reagiert. Ob und in welcher Form CORE angepasst wird, ist damit offen. Klar ist, dass die EU-Kommission nach dem Bericht nach einem Weg sucht, Einnahmen zu erhöhen, ohne einzelne US-Konzerne namentlich ins Visier zu nehmen – ein Balanceakt angesichts der angespannten Handelsbeziehungen mit Washington.
Kurz erklärt
- Digitalsteuer: Eine Abgabe, die speziell auf Umsätze aus digitalen Diensten erhoben wird und häufig auf ausländische Technologiekonzerne zielt.
- CORE: Der EU-Vorschlag „Corporate Resource for Europe“, der in der EU tätige Unternehmen zu einem jährlichen Pauschalbeitrag verpflichten soll.
- Vergeltungszoll: Ein Einfuhrzoll, den ein Staat als Reaktion auf Maßnahmen eines anderen Landes gegen dessen Waren verhängt.
