Bank of England: Dhingra sieht Iran-Krieg als Inflationstreiber im Winter
BoE-Ratsmitglied Swati Dhingra erwartet, dass die Inflationsfolgen des Iran-Krieges erst in den Wintermonaten voll sichtbar werden.

Die britische Notenbank-Beamtin Swati Dhingra rechnet damit, dass das volle Ausmaß der langfristigen Inflationsdruckfaktoren aus dem Iran-Krieg erst in den Wintermonaten deutlicher zutage treten wird. Das sagte Dhingra am Donnerstag auf einer Konferenz des National Institute of Economic and Social Research (NIESR). Damit reiht sie sich in eine Reihe von Stimmen aus dem geldpolitischen Ausschuss der Bank of England (BoE) ein, die seit Monaten vor anhaltendem Preisdruck warnen.
Dhingra betonte allerdings, dass Großbritannien derzeit nicht jene weit verbreiteten Preiserhöhungen erlebe, die das Jahr 2022 geprägt hatten. Damals waren die Energiekosten nach Russlands Invasion in der Ukraine stark gestiegen. Ein weiterer Unterschied zur damaligen Lage: Der Arbeitsmarkt des Landes habe sich seit diesem Zeitraum abgeschwächt, so Dhingra.
Die Notenbankerin erklärte, dass wichtige Indikatoren in den kommenden Monaten sichtbar werden würden. Sie verwies dabei auf drei Kanäle, über die sich der Inflationsdruck aufbauen könnte: Energiepreise, Lohnvereinbarungen und die Finanzpreisbildung. „Ich denke, das zeitliche Problem hier ist, dass wir aus den Energiepreisen im Winter wissen werden, was dort geschieht; wir werden viel mehr über Lohnvereinbarungen erfahren und wo diese enden, sowie über bereits laufende Finanzpreisbildungen“, sagte Dhingra auf der NIESR-Konferenz.
Die Details
Dhingra hatte in der Vergangenheit eine Senkung der Kreditkosten befürwortet, als die Bank of England Zinssenkungen durchführte. Bei den jüngsten Entscheidungen hat sie sich jedoch mit der Mehrheit des Monetary Policy Committee (MPC) auf die Beibehaltung der aktuellen Zinssätze geeinigt. Damit gehört sie aktuell nicht zu den Abweichlern im Ausschuss, die für eine Straffung der Geldpolitik votieren.
Ihre Aussage fällt in eine Phase, in der die interne Debatte der Bank of England über den richtigen geldpolitischen Kurs erkennbar angespannt ist. Der Iran-Krieg und die dadurch ausgelösten Energiepreisbewegungen sind dabei der zentrale Bezugspunkt. Dhingra unterscheidet jedoch zwischen dem kurzfristigen Preisschub und den längerfristigen Zweitrundeneffekten, die sich erst mit Verzögerung in den Daten niederschlagen.
Bemerkenswert ist der Zeitbezug ihrer Aussage: Sie nennt ausdrücklich den Winter als jenen Zeitraum, in dem sich zeigen werde, was von den Energiepreisen tatsächlich in der Inflation ankommt. Ebenso verweist sie auf Lohnvereinbarungen, deren Ausgang derzeit noch offen sei, sowie auf bereits laufende Finanzpreisbildungen. Alle drei Faktoren zusammen dürften aus ihrer Sicht bestimmen, wie sich der Preisdruck in Großbritannien weiterentwickelt.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Warnung Dhingras ist Teil einer Serie von Äußerungen aus der Bank of England, die aktien.news in den vergangenen Monaten dokumentiert hat. Bereits am 31.07.2026 berichtete aktien.news, dass der Chefökonom der Bank of England, Huw Pill, vor einem schleichenden Aufbau von Inflationsdruck in der britischen Wirtschaft gewarnt hatte. Als Hauptursache nannte er den durch den Iran-Krieg ausgelösten Anstieg der Energiepreise. Pill betonte, dass sich dieser Druck zwar noch nicht in einer erheblichen Destabilisierung der Inflationserwartungen niedergeschlagen habe, die Lage aber weiterhin aufmerksam beobachtet werden müsse.
Ebenfalls am 31.07.2026 meldete aktien.news, dass Pill sich am Donnerstag gegen die Mehrheitsentscheidung des geldpolitischen Ausschusses ausgesprochen hatte. Der MPC votierte mit 6 zu 3 Stimmen für eine Beibehaltung des Leitzinses. Gemeinsam mit Catherine Mann und Megan Greene stimmte Pill für eine Zinserhöhung um einen Viertelprozentpunkt. Damit verschärfte sich die interne Spaltung gegenüber der vorangegangenen Sitzung im Juni.
Bereits am 15.04.2026 berichtete aktien.news über Megan Greene, ebenfalls Mitglied des geldpolitischen Ausschusses. Greene stellte in Washington auf einer Veranstaltung des Think Tanks Atlantic Council am Rande der IWF- und Weltbank-Frühjahrstagung klar, dass sie die Aufwärtsrisiken für die Inflation als vorrangige Gefahr für die britische Wirtschaft betrachtet. Sie betonte, dass es Monate dauern könnte, bis das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden durch den jüngsten Energiepreisschock absehbar sei. Greene gehörte bereits vor dem Iran-Krieg zu den hawkischsten Stimmen im geldpolitischen Rat der BoE.
Am 03.07.2026 berichtete aktien.news zudem über Catherine Mann. Sie hatte in einem Redetext, den die BoE vor einer Veranstaltung der französischen Bank Natixis veröffentlichte, eine klare Botschaft gesendet: Sollten steigende Inflationserwartungen infolge des Konflikts zwischen den USA und dem Iran eine Rückkehr der Inflation zum Zielwert von 2% unwahrscheinlicher machen, wäre sie bereit, für eine Zinserhöhung zu stimmen. Hintergrund war eine angespannte Inflationslage in Großbritannien: Eine Umfrage der BoE zu den Inflationserwartungen der Öffentlichkeit erreichte im Mai ein Rekordhoch.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Aussage Dhingras vor allem deshalb relevant, weil sie den Zeitplan der geldpolitischen Unsicherheit beschreibt. Solange die entscheidenden Datenpunkte – Energiepreise, Lohnabschlüsse und Finanzpreisbildung – erst im Winter vollständig vorliegen, bleibt der Kurs der Bank of England schwer kalkulierbar. Das gilt für Zinsentscheidungen ebenso wie für die Bewertung britischer Anleihen und des Pfunds.
Zugleich macht Dhingra deutlich, dass die aktuelle Lage nicht mit 2022 gleichzusetzen ist. Der schwächere Arbeitsmarkt dämpft aus ihrer Sicht den Preisdruck, und die weit verbreiteten Preiserhöhungen des Jahres 2022 wiederholen sich bislang nicht. Anleger sollten daher beide Seiten im Blick behalten: das Risiko eines erneuten Inflationsschubs durch Energiepreise und die dämpfende Wirkung eines nachlassenden Arbeitsmarkts.
Die internen Mehrheitsverhältnisse im MPC sind ein weiterer Faktor. Wie die Berichte vom 31.07.2026 zeigen, votierten drei Mitglieder für eine Zinserhöhung um einen Viertelprozentpunkt, während die Mehrheit von sechs Mitgliedern die Zinsen unverändert ließ. Dhingra zählt derzeit zur Mehrheit, die an der aktuellen Zinslinie festhält. Eine Verschiebung dieser Mehrheit hätte unmittelbare Folgen für die Finanzmärkte.
Ausblick
Dhingra nennt konkrete Anhaltspunkte, an denen sich die weitere Entwicklung ablesen lassen soll: die Energiepreise im Winter, die Ergebnisse laufender Lohnvereinbarungen und die bereits in Gang befindliche Finanzpreisbildung. Diese Indikatoren würden in den kommenden Monaten sichtbar, sagte sie. Ein genaues Datum für eine Neubewertung der Lage nannte sie nicht.
Aus den früheren Berichten von aktien.news ergibt sich ein weiterer zeitlicher Rahmen: Bereits am 15.04.2026 hatte Megan Greene darauf hingewiesen, dass es Monate dauern könnte, bis das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden durch den Energiepreisschock absehbar sei. Die kommenden MPC-Sitzungen dürften damit weiterhin von der Frage geprägt sein, ob die Inflation zum Zielwert von 2% zurückkehrt oder ob sich der Druck verfestigt.
Kurz erklärt
- Monetary Policy Committee (MPC): Das Gremium der Bank of England, das über den Leitzins und die Geldpolitik des Landes entscheidet.
- Leitzins: Der zentrale Zinssatz einer Zentralbank, an dem sich die Kreditkosten der Wirtschaft orientieren.
- Zweitrundeneffekte: Die Weitergabe eines ursprünglichen Preisschubs an Löhne und weitere Preise, wodurch sich Inflation verfestigen kann.
- Inflationserwartungen: Die von Öffentlichkeit und Märkten erwartete künftige Teuerungsrate, die das Verhalten von Konsumenten und Anlegern beeinflusst.
