Ausverkauf bei US-Anleihen treibt Anleger in die Flucht
Renditen auf Höchststand seit 2007 – Dax und EuroStoxx50 kämpfen gegen die Verkaufswelle.

Der wochenlange Ausverkauf am Anleihemarkt hat am Dienstag neue Dynamik gewonnen und die Anleger an den europäischen Aktienbörsen in Atem gehalten. DAX und EuroStoxx50 machten zwischenzeitliche Kursverluste von rund einem Prozent jedoch weitgehend wett und notierten bei 25.425 und 6.253 Punkten nur noch leicht im Minus.
„Die Aktienmärkte können die Verkaufswelle, die weltweit über die Anleihemärkte rollt, nicht ignorieren“, kommentierte Jochen Stanzl, Analyst der Consorsbank. Für zusätzlichen Druck sorgten steigende Ölpreise und zunehmende Wetten auf eine Zinserhöhung der US-Notenbank Fed an diesem Mittwoch.
Renditen auf Rekordniveau
Im Vorfeld des Zinsentscheids zogen die Renditen von US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit auf 5,041 Prozent an – der höchste Stand seit 2007. Zuvor war die Rendite erstmals seit Oktober 2023 wieder über die psychologisch wichtige Marke von fünf Prozent gesprungen. Auch die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen zogen um gut vier Basispunkte auf 3,572 Prozent und erreichten damit den höchsten Stand seit 17 Jahren. „Anleger, die in den letzten Handelstagen dachten, die Anleihemärkte ignorieren zu können, werden nun von der Realität eingeholt“, sagte Stanzl.
Ölpreise steigen weiter
Die Vorstöße der Huthis im Jemen und Drohnenangriffe, die die Ost-West-Pipeline Saudi-Arabiens als Alternativroute zur Straße von Hormus lahmlegten, trieben die Ölpreise weiter an. Die Rohölsorte Brent verteuerte sich um bis zu 2,6 Prozent auf 108,43 Dollar je Barrel. Nach dem jüngsten Anstieg auf ein Vier-Jahres-Hoch gaben die Gaspreise in Europa indes leicht nach. Die Versorgungslage blieb jedoch angespannt.
Trotz steigender Energiepreise im Zuge des Iran-Kriegs blickten Börsianer etwas zuversichtlicher auf die deutsche Wirtschaft. Das vom Mannheimer Forschungsinstitut ZEW ermittelte Konjunkturbarometer legte im September allerdings nur um 0,5 auf 34,7 Zähler zu – schwächer als erwartet. Das Ergebnis sei gemischt, sagte Maximilian Wienke, Analyst bei der Handelsplattform eToro. Der besseren Stimmung stünden erhebliche Belastungen gegenüber. „Ölpreise von mehr als 100 Dollar erhöhen die Kosten und den Inflationsdruck, während hohe Anleiherenditen die Finanzierungskosten erhöhen und Investitionen verteuern.“
Chemiefirmen und Banken unter Druck
Die steigenden Energiekosten setzten auch Chemiefirmen in Europa zu. Ein düsterer Analystenausblick zog vor allem Lanxess nach unten. Die Aktie des Spezialchemiekonzerns verbilligte sich in der Spitze um mehr als sechs Prozent auf den niedrigsten Stand seit knapp einem halben Jahr, nachdem JPMorgan das Kursziel auf 15 von zuvor 18 Euro gesenkt hatte. Die Experten der US-Bank schraubten zugleich ihre Gewinnschätzungen zurück und begründeten dies mit den stark gestiegenen Energiekosten. Für Lanxess rechnet die Bank für das Jahr 2027 mit zusätzlichen Energiekosten von rund 250 Millionen Euro.
Auch andere Chemiefirmen gerieten unter Druck. Die Aktien von Evonik, BASF, Syensqo und Arkema gaben zeitweise jeweils mehr als zwei Prozent nach.
Federn ließ auch der europäische Bankensektor. Nach pessimistischen Äußerungen des Chefs der Bank of America (BofA) brachen die Aktien der Deutschen Bank in der Spitze gut vier Prozent ein und hielten damit die rote Laterne im Dax. Auch die Titel der Deutsche-Bank-Tochter DWS gaben bis zu rund fünf Prozent nach und gehörten damit zu den schwächsten Werten im MDax. Die Aktien des Schweizer Kreditinstituts UBS rutschten in der Spitze 5,8 Prozent ab und waren damit Schlusslicht im Schweizer Blue-Chip-Index. Ein Händler sowie Analysten verwiesen auf Aussagen von BofA-Chef Brian Moynihan am Vortag.
„Die Aussagen des CEO der Bank of America, Moynihan, fegen derzeit wie ein Sturm durch die internationale Bankenszene und zeigen die Grenzen des Wachstums in der Bankenbranche auf“, kommentierte Andreas Lipkow, Analyst beim Broker CMC Markets. „Die Wachstumsaussichten scheinen für die Investmentbanken und Vermögensverwalter zunehmend abzunehmen.“
Die Bank of America rechnet nach den Worten ihres Chefs im dritten Quartal mit einem Rückgang im Investmentbanking um mindestens zehn Prozent. Zugleich dürften die Umsätze im Bereich Sales and Trading unverändert bleiben. „Was wir beobachten, ist, dass der Markt im Investmentbanking insgesamt um etwa zehn Prozent zurückgegangen ist“, sagte Moynihan am Montag auf der globalen Finanzdienstleistungskonferenz von Barclays.
