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Apotheken als medizinische Dienstleister: Neue Chancen für Anleger

Apotheken übernehmen neue medizinische Aufgaben – ein Milliardenmarkt für Investoren?

4 Min
Apotheken als medizinische Dienstleister: Neue Chancen für Anleger

Auf den ersten Blick ist sie eine Apotheke wie viele andere: die Vital Apotheke in Bad Saulgau. Vielleicht etwas heller, etwas schicker, frisch renoviert. Apotheker Martin Buck steht hinter der Theke, räumt Medikamente ins Regal – und weiß doch, dass in diesen Medikamenten allein nicht die Zukunft seiner Apotheke liegt.

„Ich glaube, dass es mittelfristig überlebenswichtig sein wird, dass wir uns weitere Standbeine erschließen, denn allein durch das Arzneimittelgeschäft wird die Apotheke vermutlich nicht überleben können", sagt er.

Rund 80 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Vital Apotheke mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Der Rest stammt aus dem Verkauf rezeptfreier Selbstmedikationen wie Vitaminen, Hustensäften oder Schmerzmitteln. Ein Geschäftsmodell, das unter Druck gerät – und das nicht nur in Deutschland.

Neue Aufgaben durch das Apothekenversorgungsgesetz

Das dritte, neue Standbein der Vital Apotheke erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Zwei kleine Behandlungsräume schließen sich an den Verkaufsraum an. In einem sitzt Schwester Raphaele, eine Ordensschwester der Franziskanerinnen. Sie lässt ihren Vitamin-D-Spiegel bestimmen – ein kleiner Pieks in den Finger, 15 Minuten warten, dann ist alles vorbei.

„Die Wartezeiten beim Arzt sind lang, und wenn die Apotheken das leisten können, finde ich das voll in Ordnung", sagt sie.

Dass Apotheken zunehmend zu medizinischen Dienstleistern werden, hat das Anfang Juli in Kraft getretene „Gesetz zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung (ApoVWG)" geebnet. Es schreibt den Apotheken neue Kompetenzen zu: Sie sollen künftig mehr impfen, bestimmte Schnelltests durchführen und verstärkt bei der Früherkennung von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterstützen dürfen. Zudem dürfen sie unter strengen Bedingungen bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente für Chroniker ohne neues Rezept abgeben, wenn etwa übers Wochenende ein Engpass besteht.

„Wir finden das eine Riesenchance", sagt Tatjana Buck, die mit ihrem Mann gemeinsam die Vital-Apotheke betreibt. „Wir haben auch Kunden, die keinen Hausarzt mehr haben, und dann können wir zwar keine medizinische Diagnose stellen, aber wir können zumindest erste Leitplanken setzen, wo geht es hin für mich."

Als „Lotsen" würden sich Apothekerinnen und Apotheker seit jeher verstehen, ergänzt sie. Nun sei ihnen in dieser Funktion noch mehr Kompetenz und Handlungsspielraum gegeben worden.

Kritik aus der Ärzteschaft – und eine klare Erwiderung

Natürlich gibt es auch Widerstand. „Ärztliche Tätigkeiten gehören nicht in die Apotheke", hatte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, bereits im Mai beim Beschluss des Gesetzes gesagt. „Wer diagnostische und therapeutische Aufgaben übernimmt, muss dafür ausgebildet sein. Das ist eine Frage der Patientensicherheit."

Doch es geht um mehr, meint der Gesundheitsökonom David Matusiewicz. Denn Aufgaben abgeben bedeute immer auch Vergütung abgeben. Generell müsse gelten: „Wir dürfen nicht den Fehler machen, das Gesundheitswesen aus Sicht der jeweiligen Akteure zu bewerten, sondern wir müssen gucken, wie die beste Versorgung sichergestellt wird."

„Natürlich finden die Ärzte das nicht gut. Wenn die einen mehr dürfen, haben die anderen immer Angst, ihre Aufgaben zu verlieren und damit auch Budget zu verlieren, also Geld zu verlieren. Aber wenn wir beispielsweise das Thema Impfen nehmen: Die Ärzte haben mittwochnachmittags geschlossen, die Apotheken haben auf. Die Ärzte haben samstags zu, die Apotheken haben auf. Also ich sehe das vor allem aus Patientensicht."

Auch Apothekerin Tatjana Buck will die Kritik nicht gelten lassen. Gute Apotheker könnten Ärzte entlasten: „Wenn alle Menschen, die in die Apotheke kommen, gleich zum Arzt gehen, dann kollabiert das System. Wir haben schon immer eine Lotsenfunktion, wir können sie jetzt nur noch besser ausfüllen."

Vergütung noch überschaubar – aber Potenzial ist riesig

Der finanzielle Gewinn der neuen Aufgaben hält sich derzeit noch in Grenzen. Eine Blutdruckmessung in der Apotheke wird von den Kassen einmal im Jahr mit 11,20 Euro honoriert – inklusive der gesamten Dokumentation. Die Vitamin-D-Messung ist eine Selbstzahlerleistung, von der zwischen acht und 15 Euro bei der Apotheke bleiben.

Doch genau hier, bei freiwilligen Dienstleistungen zur Vorbeugung und Lebensqualität, sieht Gesundheitsökonom Matusiewicz großes Potenzial: „Das ist ein Riesenmarkt. Die Menschen wollen in Zukunft einfach lange gesund bleiben. Und das können sie auch tun, indem sie die Apotheke aufsuchen."

Die Apotheken sieht er als „qualitätsadjustierte Tankstellen der Gesundheit", wo ein Akademiker aus dem Gesundheitswesen den Patienten aufkläre und sich Zeit für ihn nehme. „Und diese Betreuung kann er sich auch vergüten lassen, ähnlich wie die Ärzte das ja auch seit vielen Jahrzehnten machen mit den individuellen Gesundheitsleistungen."

Blick in die Zukunft: Die Apotheke als Präventionsort

Was wird eine Apotheke in zehn oder zwanzig Jahren sein? „Sie wird ein Präventionsort sein", so Apothekerin Buck, „ein Ort, wo die Kunden sich impfen lassen, den Blutzucker messen lassen. Unser Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass viele Menschen länger gesund leben können."

Für Anleger eröffnet dieser Wandel interessante Perspektiven. Der Trend zur Prävention und zu erweiterten Gesundheitsdienstleistungen in Apotheken könnte nicht nur inhabergeführten Apotheken neue Umsatzquellen erschließen, sondern auch börsennotierte Apothekenketten und Gesundheitsdienstleister beflügeln. Internationale Vergleiche zeigen: In Ländern wie den USA oder Großbritannien sind Apotheken längst als erste Anlaufstelle für kleinere medizinische Leistungen etabliert. Deutschland zieht nun nach – und das könnte sich für Investoren lohnen.

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