Wohnungsnot und Mietenexplosion bestimmen die Berliner Kommunalwahl
Tempelhofer Feld im Zentrum der Debatte: Bauen oder Freifläche erhalten?

BERLIN – Die akute Wohnungsnot und die explodierenden Mieten dominieren den Wahlkampf zur Berliner Kommunalwahl am 20. September. Während in anderen deutschen Landtagswahlen die Einwanderungspolitik im Vordergrund stand, sind es in der Hauptstadt die Themen Wohnraum und Mieten, die die Wähler am stärksten bewegen. 85 Prozent der Berliner Haushalte mieten ihre Wohnungen – ein Spitzenwert in Deutschland.
Die Stadt wird bis 2040 rund 211.000 zusätzliche Wohnungen benötigen. Gleichzeitig haben sich die ausgeschriebenen Mieten seit 2014 fast verdoppelt. Diese Entwicklung hat tiefe Frustration gegenüber der Stadtregierung ausgelöst, die von einer Koalition aus CDU und SPD geführt wird – dem gleichen Bündnis, das auch auf Bundesebene regiert.
Tempelhofer Feld im Zentrum der Debatte
Im Mittelpunkt des Streits steht das Tempelhofer Feld, der riesige ehemalige Flughafen, der 2010 als Park eröffnet wurde. Das Gelände ist fast doppelt so groß wie Londons Hyde Park und zählt zu den größten städtischen Freiräumen der Welt. Bauunternehmer umkreisen das Areal, doch die Frage, ob dort Wohnungen entstehen sollen, spaltet die Stadt.
Der ursprüngliche Flughafen aus den 1920er Jahren wurde von den Nazis ausgebaut und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg während der Berliner Luftbrücke 1948/49 zur Lebensader der Stadt. Nach der Schließung 2008 und der Eröffnung als Park stimmten in einem Referendum fast zwei Drittel der Berliner dafür, das Gelände weitgehend frei von Bebauung zu halten.
„Freiflächen sind kein Land für Entwicklung. Sie sind soziale und ökologische Infrastruktur – und das Tempelhofer Feld ist Berlins Freifläche“, sagte Anita Moeller von der Initiative Tempelhofer Feld mit 100 Prozent, die sich gegen jede Bebauung ausspricht.
Parteien uneins über Bebauung
CDU, FDP und AfD unterstützen eine begrenzte Wohnbebauung auf Teilen des Tempelhofer Felds. SPD, Grüne und Die Linke lehnen Bauvorhaben dort ab und bevorzugen die Erschließung anderer Standorte. „Das Referendum war vor 12 Jahren, der Bedarf war damals bei Weitem nicht so groß wie heute“, sagte Stefan Evers, Spitzenkandidat der Berliner CDU, im Interview mit dem Tagesspiegel.
Laut der aktuellsten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom 11. September liegt Die Linke in Berlin bei 23 Prozent, die CDU von Kanzler Friedrich Merz bei 21 Prozent und die AfD bei rund 17 Prozent, vor SPD und Grünen. Sowohl Die Linke als auch die AfD haben ihre Unterstützung seit der letzten Berliner Wahl 2023 etwa verdoppelt.
Wirtschaftswachstum hat seinen Preis
Im vergangenen Jahrzehnt hat das Wirtschaftswachstum Berlins die schwächelnde deutsche Wirtschaft übertroffen, hauptsächlich aufgrund des Dienstleistungssektors, der fast 90 Prozent der wirtschaftlichen Leistung der Stadt generiert. Berlin ist Deutschlands Startup-Hauptstadt mit mehr als 600 Unternehmensgründungen allein im Jahr 2025. Der E-Commerce-Konzern Zalando und das Fintech N26 haben ihren Hauptsitz in der Hauptstadt.
Doch dieses Wachstum hat seinen Preis: Die Mieten sind gestiegen, während die Bevölkerung gewachsen ist. „Wachstum hat auch eine Kehrseite: Die Preise steigen, und vor allem die Grundstückspreise steigen, sodass Raum knapp wird“, sagte Martin Gornig, Forscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).
Proteste und politische Turbulenzen
Am 5. September versammelten sich Tausende Demonstranten in Berlin, um gegen hohe Mieten zu protestieren. „In Berlin kann man leicht 1.500 Euro oder mehr pro Monat für eine Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnung zahlen. Wer soll sich das bitte leisten können?“, sagte die Demonstrantin Mareen Harant.
Der Wahlkampf war alles andere als ein Triumph für die regierende CDU und SPD. Im Juli zog CDU-Bürgermeister Kai Wegner als Spitzenkandidat zurück, nachdem er für seine Handhabung eines Stromausfalls im Januar kritisiert worden war, der große Teile der Hauptstadt vier Tage lang ohne Strom ließ. Auch die SPD sah sich Turbulenzen ausgesetzt, nachdem Polizisten das Haus und die Büros ihres Spitzenkandidaten Steffen Krach im Rahmen einer Untersuchung eines Vergabeverfahrens im Gesundheitswesen durchsucht hatten. Er bestreitet jegliches Fehlverhalten.
Wahl als Test für die Bundesregierung
Die Abstimmung am 20. September markiert einen weiteren Test für die Unterstützung der schwer kämpfenden Regierung von Kanzler Friedrich Merz, zwei Wochen nachdem die AfD im Osten Sachsen-Anhalts zum Sieg eilte. Das benachbarte Mecklenburg-Vorpommern wählt ebenfalls am 20. September.
Die Linke verspricht im Wahlkampf, bezahlbare neue Wohnungen zu bauen, die Mieten für ein Jahr einzufrieren und dann Anstiege auf ein Prozent zu begrenzen. Zudem sollen Mieten, die 20 Prozent über dem lokalen Durchschnitt liegen, zwangsweise gesenkt werden. Ferienwohnungen in Wohnblocks sollen eingeschränkt und freiwerdende Innenstadtwohnungen Menschen mit Anspruch auf Sozialwohnung zugewiesen werden.
Berlins legendäre Clubszene leidet ebenfalls unter der Entwicklung. „Wir mussten ziehen, weil wir uns die Miete einfach nicht mehr leisten konnten“, sagte Jakob Turtur, Geschäftsführer des kollektiv geführten Clubs Jonny Knueppel. Die einst als „arm, aber sexy“ beschriebene Hauptstadt ähnelt zunehmend den Kosten anderer großer europäischer Metropolen.
