Wird El Niño zum Retter des europäischen Energiemarktes?
Gasspeicher nur zu 69 Prozent gefüllt – Super-El-Niño als letzte Hoffnung für Europas Energieversorgung

Europa steht vor einem weiteren angespannten Winter. Die Gasspeicher sind nur zu 69 Prozent gefüllt – deutlich weniger als im Vorjahr. Ein Super-El-Niño könnte zur Rettung kommen, doch die Strategie des Kontinents gleicht eher einem Hoffen auf mildes Wetter als einem soliden Plan.
Die Lage ist prekär: Nach dem Wegfall russischer Lieferungen infolge des Ukraine-Krieges hat nun auch der Konflikt im Iran die Energieversorgung Europas getroffen. Katarisches Flüssigerdgas (LNG), das etwa ein Fünftel der globalen Versorgung ausmacht, ist blockiert. Die Folge: Die Gaspreise an der europäischen Börse lagen im August fast doppelt so hoch wie im August 2025.
Hohe Sommergaspreise schrecken Betreiber davon ab, zusätzliche Mengen für den Winter einzulagern. Hinzu kommt ein riskantes Kalkül: Viele Marktteilnehmer hofften, dass sich die Straße von Hormus vor Wintereinbruch wieder öffnet. Das plötzliche Eintreffen der blockierten Volumina würde die Winterpreise unter die Sommerniveaus drücken – und Händler einem potenziellen Verlust aussetzen. Das Ergebnis dieser Abwartehaltung ist eine Speicherfüllung von lediglich 69 Prozent, wie der Thinktank Bruegel ermittelte. Im Vorjahr waren es zur gleichen Zeit mehr als 80 Prozent.
Die nackten Zahlen der Gasversorgung
Um die Dimensionen zu verstehen: Europa benötigt während eines durchschnittlichen Winters etwa 250 bis 260 Milliarden Kubikmeter (bcm) Gas, wie Berechnungen von Lex auf Basis historischer Daten des Oxford Institute of Energy Studies zeigen. In derselben Zeitspanne produziert oder erwirbt der Kontinent gewöhnlich etwa 200 bcm dieser Ressource. Die verbleibende Lücke von 50 bis 60 bcm wird durch Entnahmen aus den Speichern geschlossen.
Auf den ersten Blick mag dies nicht abschreckend wirken – immerhin lagern derzeit über 70 bcm Gas in den Speichern. Das Problem ist jedoch ein anderer: Ein langer, kalter Winter kann die Gasnachfrage um weitere 25 bcm in die Höhe treiben. Zudem sind Kälteeinbrüche über die nördliche Hemisphäre hinweg korreliert. Das bedeutet: Friert es in Europa, friert es oft auch in Asien – und der Wettbewerb um das verfügbare LNG verschärft sich dramatisch.
Der Wettergott als letzte Hoffnung
Unter diesen Umständen richten sich alle Blicke auf die Wettervorhersagen. Besonders im Fokus steht das diesjährige Super-El-Niño-Phänomen. Die Strömungen und Klimamuster, bei denen die Meerestemperaturen insbesondere im tropischen Pazifik steigen, werden allgemein mit höheren Temperaturen assoziiert – zumindest in den früheren Phasen von Herbst und Winter.
Doch die Meteorologie ist kein verlässlicher Partner. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass die zweite Hälfte eines El-Niño-Winters kalt und schneereich sein kann. Die Unsicherheit bleibt also groß.
Ein Sprichwort, das Boxlegende Mike Tyson zugeschrieben wird, beschreibt die Lage treffend: „Jeder hat einen Plan, bis er ins Gesicht geschlagen bekommt." Europa wurde von aufeinanderfolgenden Energiekrisen getroffen – erst der Wegfall russischer Lieferungen, dann die Blockade katarischen LNGs. Langfristige Pläne zu verfolgen, ist unter solchen Umständen schwierig.
Doch eines wird deutlich: Das Riechen an der Luft und das Spüren der eigenen Gelenke – wie es die Briten nennen – ist ein schlechter Ersatz für eine durchdachte Energiepolitik. Sich auf das Wetter zu verlassen, bleibt eine verlorene Strategie. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Europa mit einem blauen Auge davonkommt oder ob die nächste Krise bereits ihren Lauf nimmt.
