Vitol-Chef warnt: Tankermangel treibt Ölpreis auf 200 Dollar
Russell Hardy von Vitol schlägt Alarm: Eine neue Schifffahrtskrise bedroht die globale Ölversorgung und könnte die Preise explodieren lassen.

Russell Hardy, Vorstandsvorsitzender des weltweit größten unabhängigen Ölhändlers Vitol, hat auf dem Energy Intelligence Forum in London eindringlich vor einer eskalierenden Schifffahrtskrise gewarnt. Der siebenmonatige Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran habe die globale Energiekrise in eine neue, gefährliche Phase geführt. Während inzwischen wieder mehr Rohöl aus dem Nahen Osten fließe, fehle es nun an Tankern, um dieses Öl weltweit zu transportieren.
„Wir haben diesen Konflikt mit einer Rohölkrise begonnen. Dann entwickelte er sich zu einer Produktkrise. Jetzt kommt zwar mehr Rohöl aus dem Nahen Osten, aber es entwickelt sich zu einer Schifffahrtskrise", sagte Hardy. Seine Botschaft war unmissverständlich: „Es gibt schlichtweg nicht genug Schiffe." Die Charterpreise für Tanker seien „nahezu parabolisch" gestiegen – mit gravierenden Folgen für Raffinerien weltweit.
Die Details
Hardy bezifferte den aktuellen Ölfluss aus dem Golf auf täglich rund 12 Millionen Barrel Rohöl und 2 Millionen Barrel raffinierte Kraftstoffe. Möglich wurde dies, nachdem die US-Marine eine Route für Tanker gesichert hat, die durch die Straße von Hormus pendeln. Das System funktioniert so: Eine Gruppe von Tankern durchquert die Straße von Hormus trotz iranischer Angriffe und übergibt ihre Ladung an eine zweite Gruppe von Schiffen, die im Golf von Oman warten.
Diese Methode ist laut Hardy jedoch „sehr ineffizient". Schiffe müssen teilweise mehrere Tage oder sogar Wochen auf Ladung warten, was die Verfügbarkeit von Tankern an anderen Orten weltweit erheblich reduziert. Der daraus resultierende Mangel hat die Frachtraten in die Höhe getrieben und macht es für Händler und Raffinerien zunehmend schwierig, die Lieferkosten für Rohöl verlässlich zu kalkulieren.
„Das verursacht bei allen Beteiligten großen Stress, weil niemand auf $2, $3, $4 [pro Barrel] genau weiß, wie hoch die Versandkosten sein werden", sagte Hardy. „Das führt täglich zu schwierigen Entscheidungen." Raffinerien, die keine Schiffe chartern können oder nicht bereit sind, die extrem hohen Raten zu zahlen, konkurrieren derweil aggressiv um leichter zugängliche Lieferungen. Ein Manager aus der Ölbranche berichtete, dass Ladungen mit Nordseeöl in der vergangenen Woche für $145 pro Barrel verkauft wurden.
Der erhöhte Ölfluss hat den Druck auf die Referenzölpreise bislang etwas gemildert: Brent-Rohöl wurde am Dienstag in London unter $98 pro Barrel gehandelt. Doch Hardy warnte, dass ohne die Aufrechterhaltung dieses Flusses ein drastischer Preisanstieg drohe. „Ohne diesen Fluss droht das $200-pro-Barrel-Szenario. Es ist also äußerst wichtig, dass er fortgesetzt wird", sagte er. „Im Westen gibt es keine Vorräte mehr, die man anzapfen könnte."
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Krise hat sich über Monate aufgebaut. Bereits am 1. Mai 2026 berichtete aktien.news, dass der physische Ölmarkt trotz stabiler Finanzmärkte alarmierende Signale sendete und ein ernstes Problem im Energiesektor drohte.
Am 2. und 3. Juni 2026 warnte Tom Baker, Managing Director von Vitol für Bahrain, auf der S&P Global Energy Middle East Petroleum and Gas Conference in London, dass der Ölmarkt die Risiken des Iran-Konflikts erheblich unterschätze. Die faktische Schließung der Straße von Hormus durch den Iran sowie Angriffe auf Ölfelder und Raffinerien hatten das Angebot aus dem Nahen Osten zu diesem Zeitpunkt bereits um rund 14 Millionen Barrel pro Tag reduziert – laut Baker die größte Ölversorgungskrise der Geschichte.
Am 23. September 2026 meldete aktien.news dann, dass die Kosten für die Charterung eines Ölsupertankers auf Routen zwischen dem Nahen Osten und Asien erstmals auf über 1,2 Millionen Dollar pro Tag gestiegen waren. Besonders betroffen waren die sogenannten Very Large Crude Carriers (VLCCs), die rund 2 Millionen Barrel fassen. Laut dem Schiffsvermittler Braemar hatten sich die Raten für diese Schiffsklasse seit Ende August auf der Route zwischen dem Nahen Osten und China mehr als verdoppelt.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Lage auf mehreren Ebenen relevant. Europäische Raffinerien sind besonders stark von den hohen Rohöl- und Frachtkosten betroffen: Die Raffineriemargen – also der Ertrag aus der Verarbeitung von Rohöl zu Kraftstoffen – sind zuletzt ins Negative gedreht. In den USA hingegen, wo Raffinerien direkten Zugang zu einheimischen Rohölvorräten haben, liegen die Margen laut Daten der LSEG weiterhin über $70 pro Barrel.
Da europäische Raffinerien Schwierigkeiten haben, profitabel zu arbeiten, werden sie voraussichtlich die Produktion drosseln. Dies dürfte die Versorgungsprobleme bei Kraftstoffen wie Diesel weiter verschärfen – mit direkten Auswirkungen auf Energiepreise und Inflation in Deutschland und Europa. Anleger, die in Energieunternehmen, Raffinerien oder transportabhängige Branchen investiert sind, sollten diese Entwicklung genau beobachten.
Ausblick
Hardy zeigte sich wenig optimistisch, was eine schnelle Entspannung der Lage betrifft. „Es ist sehr schwierig, diese Situation aufrechtzuerhalten, und deshalb bleibt der Markt auf hohem Niveau, da sich noch keine offensichtliche Lösung abzeichnet", sagte er. Er merkte jedoch an, dass der anhaltende Export von Rohöl und Kraftstoffen aus dem Nahen Osten zur Linderung der Probleme beitragen werde.
„Es ist eine wichtige Lebensader", sagte Hardy. „Der Großteil des Rohöls wird nach Asien gehen. Das Öl, das geliefert wird, findet Abnehmer, wird im November und Dezember verarbeitet und über die Winterperiode Produkte für die Märkte liefern." Die kommenden Wintermonate werden damit zum entscheidenden Test dafür, ob die fragile Versorgungskette standhält.
Kurz erklärt
- Brent-Rohöl: Internationaler Referenzpreis für Rohöl, der an der Londoner Börse gehandelt wird und als globaler Maßstab für Ölpreise gilt.
- Raffineriemarge: Die Differenz zwischen dem Erlös aus verkauften Kraftstoffen und den Kosten für das verarbeitete Rohöl, also der Gewinn einer Raffinerie pro Barrel.
- Very Large Crude Carrier (VLCC): Eine Klasse besonders großer Öltanker, die für den Transport von Rohöl auf langen Seerouten eingesetzt werden und rund zwei Millionen Barrel fassen.
