Straße von Hormus: Iranische Tankerangriffe gefährden fragile Ölexport-Erholung
Fast 20 Handelsschiffe wurden im vergangenen Monat angegriffen – trotzdem fließt mehr Rohöl durch die Meerenge.

Der Iran intensiviert seine Angriffe auf Tanker in der Straße von Hormus und gefährdet damit eine fragile Erholung der Rohölexporte aus dem Persischen Golf. Fast 20 Handelsschiffe, zumeist Tanker, wurden im vergangenen Monat bei der Durchfahrt durch Hormus, den Persischen Golf oder vor der Küste Omans angegriffen. Dies geht aus Berichten des Joint Maritime Information Center hervor, einem Zusammenschluss von US-verbündeten Streitkräften, die Sicherheitsupdates für die Handelsschifffahrt bereitstellen.
Die Rohölexporte durch die Meerenge sind zwar gestiegen, jedoch nur dank eines massiven US-Militäreinsatzes und unter hohen Opfern unter den Tankerbesatzungen. Analysten warnen: Ohne eine Verhandlungslösung oder eine Kapitulation Teherans könnte die Erholung nicht von Dauer sein. Der Iran besteht weiterhin darauf, die Meerenge zu kontrollieren – und demonstriert dies mit konkreten Aktionen.
Die Details
Michelle Wiese Bockmann, leitende Analystin für maritime Aufklärung beim Unternehmen Windward, das Schiffsbewegungen für Verteidigungsministerien und Regierungen verfolgt, beziffert das Angriffsrisiko: Im dritten Quartal griff der Iran etwa zwei von 100 Schiffen an, die die Meerenge passierten. Windward schätzt, dass die Rohölmengen durch Hormus derzeit durchschnittlich 9 bis 10 Millionen Barrel pro Tag (bpd) betragen – verglichen mit einem Vorkriegswert von 14,5 Millionen bpd.
Daten des Analyseunternehmens Kpler, das Tankerbewegungen und globale Handelsströme verfolgt, zeigen ein ähnliches Bild: In der am Samstag zu Ende gegangenen Woche beliefen sich die Lieferungen auf durchschnittlich etwa 10,3 Millionen Barrel pro Tag – rund 23 Prozent unter dem Vorkriegsniveau von 13,5 Millionen bpd. Die Ölströme schwanken dabei täglich und erreichen zeitweise das Niveau von vor dem Iran-Krieg oder übertreffen dieses sogar, liegen zu anderen Zeiten aber darunter.
Die menschlichen Kosten sind erheblich: Seit Juli sind laut der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO), einer UN-Agentur, mindestens neun Seeleute ums Leben gekommen, 18 wurden verletzt und drei werden vermisst. „Die Mengen kommen durch, aber sie kommen in einer Zeit extrem hoher maritimer Risiken durch", sagte Bockmann.
Um das Risiko iranischer Angriffe zu verringern, setzen viele Reedereien auf ein sogenanntes Pendelsystem: Tanker bringen das Rohöl durch Hormus und pumpen es dann im Golf von Oman auf andere Schiffe um, die es nach Asien transportieren. Dieses Verfahren erfordert jedoch mehr Schiffe für den Öltransport und treibt die Kosten in die Höhe. Die Frachtkosten für den Transport von Rohöl aus dem Persischen Golf nach China sind auf 1 Million US-Dollar pro Tag und Tanker gestiegen.
Bob McNally, Präsident von Rapidan Energy und ehemaliger Energieberater von Präsident George W. Bush, bringt die Lage auf den Punkt: „Niemand in Washington hält dies finanziell für tragbar." Er bezieht sich damit auf den US-Militäreinsatz im Golf, die Umladungen von Schiff zu Schiff und die gestiegenen Tankerraten. „Es ist ein ineffizienter Weg, Rohstoffe – nicht nur Öl – aus Hormus herauszubringen", so McNally.
Dass die Freiheit der Schifffahrt in Hormus nicht wiederhergestellt ist, zeigte sich zuletzt am Montag: Die iranischen Revolutionsgarden hielten einen Tanker an, der die Meerenge passierte, und befahlen dem Schiff umzukehren, andernfalls drohe ein Angriff. Dies geht aus einem Zwischenfallbericht des United Kingdom Maritime Trade Operations Centre hervor. Das Schiff leistete Folge.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 30. September 2026 berichtete aktien.news, dass die Ölexporte aus dem Nahen Osten auf ihr höchstes Niveau seit Beginn des Iran-Kriegs im Februar zurückgekehrt waren. Die Schiffsfrachten aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Kuwait und Irak erreichten im September durchschnittlich 15,5 Millionen Barrel pro Tag – das höchste Niveau während des Krieges und mehr als 80 Prozent des Durchschnitts der zwölf Monate vor Beginn des Konflikts. Damals wurde bereits gewarnt, dass die Erholung der Exporte Teherans Hebelwirkung in den Verhandlungen mit den USA über ein Friedensabkommen zu schmälern drohe.
Am 9. Juni 2026 hatte aktien.news berichtet, dass US-Energieminister Chris Wright auf einer Konferenz des Atlantic Council auf eine bemerkenswerte Entwicklung hingewiesen hatte: Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus nehme trotz des andauernden Konflikts mit dem Iran erheblich zu. Seit Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran war die Wasserstraße faktisch geschlossen gewesen – die nun einsetzende Erholung war damals bereits als überraschend eingestuft worden.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Lage in Hormus aus mehreren Gründen relevant. Die Preise für Brent-Öl, die internationale Referenzsorte, bewegen sich weiterhin nahe 100 US-Dollar pro Barrel, obwohl mehr Rohöl aus Hormus abtransportiert wird. McNally von Rapidan Energy erklärt, warum: „Wenn der Markt glauben würde, dass dies nachhaltig ist, würden wir meiner Meinung nach viel niedrigere Preise sehen." Die Preise blieben hoch, weil es „immer noch kostspielig ist, Rohöl in die Verbrauchsregionen zu liefern, zu versichern und anzulanden, in denen die Benchmark-Preise festgelegt werden."
Richard Meade, Chefredakteur von Lloyd's List, einer in London ansässigen Fachpublikation der maritimen Wirtschaft, fasste die Lage in einem Briefing zusammen: „Die Ölströme haben sich erholt, weil die Marktteilnehmer eine größere operative Komplexität und höhere Kosten akzeptiert haben." Die Bedrohung für Tanker bleibe jedoch unverändert. Für Anleger bedeutet das: Solange keine politische Lösung in Sicht ist, bleibt der Ölpreis strukturell erhöht und die Volatilität hoch.
Ausblick
Die entscheidende Frage bleibt, wie lange der aktuelle Zustand aufrechterhalten werden kann. McNally betont, dass die Freiheit der Schifffahrt in Hormus nicht wiederhergestellt wurde und Teheran weiterhin auf Kontrolle der Meerenge besteht. Eine nachhaltige Normalisierung der Ölexporte setzt laut Analysten entweder eine Verhandlungslösung oder eine Kapitulation Teherans voraus – beides ist derzeit nicht absehbar. Meade bringt es auf eine prägnante Formel: „Der Ölmarkt wird nicht sicherer. Er wird lediglich effizienter darin, unter anhaltender Unsicherheit zu agieren."
Kurz erklärt
- Straße von Hormus: Enge Meerenge zwischen dem Iran und der arabischen Halbinsel, durch die ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Erdöls transportiert wird.
- Brent-Öl: Internationale Referenzsorte für Rohöl, deren Preis als globaler Maßstab für den Ölmarkt gilt.
- Ship-to-Ship-Transfer (Umladung von Schiff zu Schiff): Verfahren, bei dem Rohöl auf hoher See von einem Tanker auf einen anderen umgepumpt wird, um Risikogebiete zu umgehen.
