Vier positive Effekte steigender US-Anleiherenditen für deutsche Anleger
Die Renditen zehnjähriger US-Treasuries sind seit Beginn des Iran-Konflikts um 1,3 Punkte gestiegen – doch das hat auch Vorteile.

Die Sorge über den Anstieg der Referenzverzinsung US-amerikanischer Staatsanleihen über die 5-Prozent-Marke hat die Finanzmärkte in den vergangenen Wochen dominiert – und das nicht ohne Grund. Die Renditen für US-Treasuries mit einer Laufzeit von zehn Jahren sind im vergangenen Monat um mehr als 0,5 Prozentpunkte gestiegen und seit Beginn des Iran-Konflikts um 1,3 Punkte auf Niveaus, die seit 2007 nicht mehr gesehen wurden.
Der Beitrag stammt von einer Autorin, die Mitbegründerin und Chief Investment Strategist bei Absolute Strategy Research ist. Er erscheint in einem wöchentlichen Newsletter, in dem Roula Khalaf, Herausgeberin der Financial Times, ihre favorisierten Geschichten auswählt.
Tatsächlich waren die heutigen Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen nur während der inflationsgetriebenen Phase von Mitte der 1960er bis Mitte der 2000er Jahre sowie am Ende des Ersten Weltkriegs höher. Wichtig ist zudem: Die Renditen inflationsgeschützter Anleihen steigen weltweit. Doch die Bewegung bei den Anleiherenditen birgt nach Einschätzung der Autorin auch potenzielle Vorteile für Anleger – vier nennt sie konkret.
Die Details
Erstens vermutet die Autorin, dass stärkeres Wachstum die Renditen nach oben treibt, anstatt dass ein erhöhtes Inflationsrisiko oder politische Unsicherheit dafür verantwortlich sind. Für sie spiegeln die realen Renditen – also jene, die um die Inflation bereinigt wurden – einfach die wahren Kapitalkosten wider. Der beschleunigte Ausbau der kapitalintensiven Investitionen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz (KI) treibt nicht nur das Wirtschaftswachstum voran, sondern drückt wahrscheinlich auch die realen Renditen nach oben.
Auch die steigenden staatlichen Ausgaben in Bereichen wie Verteidigung und Infrastruktur könnten das reale Wachstum und die Realzinsen ankurbeln – insbesondere, da ein Teil dieses Wirtschaftswachstums aus sinkenden Sparquoten der privaten Haushalte in der G7-Staatengruppe gespeist wird.
Zweitens sollten Anleger die Tatsache begrüßen, dass höhere reale Renditen eine Quelle der Kapitaldisziplin sowohl für Regierungen als auch für Unternehmen darstellen. Diese zusätzliche Disziplin muss das Niveau der Investitionsausgaben (Capex) aber nicht zwangsläufig einschränken. Entgegen dem, was die ökonomische Theorie nahelegen würde, sind reale Renditen und Unternehmensinvestitionen in den vergangenen 40 Jahren tendenziell breit korreliert auf- und abwärtsbewegt.
Noch wichtiger ist laut der Autorin, dass diese höheren realen Renditen wahrscheinlich zu produktiveren Investitionsausgaben führen. Ein Kritikpunkt an der Wirkung von Anleihekäufen der Zentralbanken, bekannt als quantitative Lockerung (Quantitative Easing), war für sie stets, dass die daraus resultierenden niedrigen Zinsen die Investitionsausgaben nicht ankurbelten, sondern reduzierten. Unternehmen wurden von Anlegern dafür belohnt, dass sie Rendite durch Dividenden und Aktienrückkäufe generierten, statt in neue Kapazitäten und Prozesse zu investieren.
Drittens dürften höhere reale Renditen dazu führen, dass weniger finanzielle Konstrukte die Märkte antreiben, was das Vertrauen von Anlegern und politischen Entscheidungsträgern in die langfristige Stabilität des Finanzsystems stärken sollte. Nicht-bankfinanzielle Institutionen wie Private-Capital-Firmen waren während der QE-Phase wichtige Nutznießer, teilweise weil günstige Finanzierungsmöglichkeiten erhöhte finanzielle Konstrukte ermöglichten. Dies half diesen nicht-bankfinanziellen Institutionen (NBFIs), das stärker regulierte traditionelle Bankkreditgeschäft zu verdrängen.
Bereits zu beobachten ist eine Wende im Schicksal notierter US-amerikanischer Aktien nicht-bankfinanzieller Institutionen im Vergleich zu US-Bankaktien, während sich die Realzinsen normalisieren. Obwohl dies ein Zufall sein könnte, vermutet die Autorin, dass die Geschäftsmodelle einiger dieser neuen NBFIs, die auf niedrigen Zinsen, reichlich Liquidität und einer Dosis finanzieller Konstrukte basierten, unter Druck geraten könnten, wenn die realen Renditen weiter steigen.
Schließlich können höhere Anleiherenditen mehr Optionen für langfristige Asset-Allokatoren schaffen. Die KI-Blase hat dazu geführt, dass die Investition in US-Aktien für viele das „einzige Spiel in der Stadt“ war. Dies könnte sich ändern. Schnell steigende Anleiherenditen waren oft ein Vorbote von Marktkorrekturen, da sie aufzeigen, inwieweit die Gewinne an den Aktienmärkten von höheren Bewertungsabschlägen getrieben wurden, anstatt vom Gewinnwachstum oder den Dividenden.
Ein Blick auf die Lücke zwischen US-Treasuries und der Gewinnrendite des US-Marktes – dem Gewinn pro Aktie dividiert durch den Aktienkurs – zeigt das Ausmaß: Während die Rendite für US-Treasuries mit zehnjähriger Laufzeit auf mehr als 5 Prozent gestiegen ist, liegt die Gewinnrendite des Aktienmarktes bei lediglich 3,9 Prozent, und die Dividendenrendite ist wieder auf den Tiefststand von 2000 bei 1,1 Prozent gefallen. Selbst wenn man Aktienrückkäufe neben den Dividendeneinnahmen berücksichtigt, beträgt die gesamte Aktienrendite nur 2,6 Prozent – wiederum nahe am Tiefststand von 2000.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15.09.2026 berichtete aktien.news, dass die zehnjährige US-Staatsanleihe fünf Prozent Rendite pro Jahr bietet und dieses Niveau Seltenheitswert hat. Schon im Jahr 2023 hatte das Papier diese Marke kurz gestreift, zuvor lag die Rendite zuletzt 2007 auf diesem Niveau. Viele Marktbeobachter betrachten die Fünf-Prozent-Marke demnach als kritische Schwelle.
Am 16.09.2026 berichtete aktien.news, dass die globalen Anleiherenditen mehrjährige Hochs erreichen und die Federal Reserve in jener Woche ihre Zinspolitik festlegte. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob es sich um eine vorübergehende Neubewertung oder um einen strukturellen Wandel handelt, der für kommende Jahre höhere Zinssätze erforderlich macht. Die Renditen bewegten sich damals in Bereichen, die zuletzt vor der Finanzkrise 2007–08 gesehen wurden.
Am 20.09.2026 berichtete aktien.news, dass ein Anstieg der Rendite für US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit aus dem Bereich von 4,0 bis 4,5 Prozent auf 4,5 bis 5,0 Prozent an den Finanzmärkten reflexartige negative Reaktionen ausgelöst hat. Zugleich galt: Aktienmärkte reagieren auf die Gründe, warum sich diese Zinsen bewegen. Wird ein Renditeanstieg durch eine robuste wirtschaftliche Expansion und nicht durch Stagflation getrieben, tolerieren Aktien höhere Renditen eher.
Am 25.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe 5,2 Prozent durchbrochen hat – den höchsten Stand seit 2007. Noch im Jahr 2020 lag die Rendite unter 1 Prozent. Hauskäufer müssen dem Bericht zufolge mehr als 7 Prozent für eine 30-jährige Hypothek aufbringen, und auch Unternehmen sehen sich mit deutlich gestiegenen Finanzierungskosten konfrontiert. Trotzdem hat die US-Wirtschaft bislang nicht nachgegeben.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger liefert der Beitrag eine Einordnung, die über die reine Zinsangst hinausgeht. Die Autorin argumentiert, dass die realen Renditen die tatsächlichen Kapitalkosten widerspiegeln – und dass höhere Realzinsen nicht nur Risiko, sondern auch Disziplin und produktivere Investitionen bedeuten können. Wer Anleihen hält, kann nach dieser Lesart andere Renditen erzielen als in der QE-Ära.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die relativen Bewertungen. Während Bondholder jetzt eine Rendite von 5 Prozent erzielen können, wenn sie ihre US-Treasuries mit zehnjähriger Laufzeit bis zur Fälligkeit halten, liegen die Renditen, die Aktionäre über denselben Zeitraum von zehn Jahren erwarten könnten, basierend auf historischen Präzedenzfällen, die durch das zyklusbereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis-Modell des Ökonomen Robert Shiller angegeben werden, nahe bei null. Genau in dieser Divergenz bei den relativen Bewertungen entstehen laut der Autorin die Investitionsmöglichkeiten für langfristige Anleger mit geduldigem Kapital.
Ob dies angesichts der Begeisterung über die Aussichten für KI-bezogene Aktien einen ausreichenden Risikoaufschlag bietet, lässt die Autorin offen. Sie hält jedoch fest, dass die Entwicklung mehr Optionality für langfristige Asset-Allokatoren schafft, in etwas anderes als in Aktien zu investieren. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Konkrete Termine oder Prognosen nennt der Beitrag nicht. Die Argumentation hängt an der Erwartung, dass stärkeres Wachstum, staatliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sowie die kapitalintensiven KI-Investitionen die realen Renditen weiter stützen. Sollten die realen Renditen weiter steigen, könnten die Geschäftsmodelle einiger NBFIs unter Druck geraten – eine Entwicklung, die die Autorin bereits am Aktienmarkt zu beobachten glaubt. Umgekehrt könnte sich die Konzentration auf US-Aktien als „einziges Spiel in der Stadt“ verändern.
Kurz erklärt
- Referenzverzinsung: Die Rendite einer besonders wichtigen Staatsanleihe, die als Maßstab für viele andere Kredite dient.
- Reale Rendite: Die um die Inflation bereinigte Verzinsung, die die tatsächlichen Kapitalkosten abbildet.
- Quantitative Lockerung: Der Ankauf von Anleihen durch Zentralbanken, um die Zinsen zu drücken und Liquidität bereitzustellen.
