US-Wirtschaft reagiert weniger empfindlich auf Ölpreisschocks als früher
Bank of America Analysten belegen: USA und Weltwirtschaft sind deutlich widerstandsfähiger gegenüber Ölpreisschocks als in den 1970er Jahren.

Analysten der Bank of America haben in einem aktuellen Forschungsbericht festgestellt, dass das Wachstum und die Inflation der US-Wirtschaft heute deutlich weniger empfindlich auf Ölpreisschocks reagieren als in früheren Jahrzehnten. Die Erkenntnisse kommen zu einem Zeitpunkt, an dem steigende Benzinpreise und Inflationsdruck große Volkswirtschaften belasten und politische Entscheidungsträger weltweit vor erhebliche Herausforderungen stellen.
Der Anstieg der Ölpreise hat zuletzt auch die US-Notenbank Federal Reserve dazu veranlasst, ihren Leitzins unverändert zu lassen. Mehrere Fed-Vertreter haben dabei wachsende Bedenken hinsichtlich der Inflation in der weltgrößten Volkswirtschaft geäußert. Das Thema Energiepreise bleibt damit ein zentraler Faktor in der geldpolitischen Debatte.
Dramatischer Rückgang der Ölabhängigkeit seit den 1970ern
Ein wesentlicher Befund des BofA-Berichts betrifft die langfristige Entwicklung der globalen Ölabhängigkeit. Seit den 1970er Jahren ist der Ölbedarf der Weltwirtschaft massiv gesunken: Heute wird nur noch etwa ein Drittel so viel Öl benötigt wie in den frühen 1970er Jahren, um dieselbe Menge an Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu erwirtschaften. Diese strukturelle Veränderung macht die Weltwirtschaft insgesamt widerstandsfähiger gegenüber Versorgungsunterbrechungen.
Die USA haben laut den Analysten dabei die größten Fortschritte erzielt. Ein konkretes Beispiel verdeutlicht das Ausmaß der Veränderung: In den 1970er Jahren führte ein Ölpreisanstieg von 10 Prozent typischerweise zu einem Anstieg der Inflation um 90 Basispunkte. Heute löst derselbe Schock schätzungsweise nur noch einen Inflationsanstieg von 25 Basispunkten aus – eine Reduktion um mehr als zwei Drittel.
Europa deutlich anfälliger als die USA
Trotz der globalen Verbesserungen warnt der Bericht vor erheblichen regionalen Unterschieden. Europa reagiert demnach etwa doppelt so empfindlich auf Ölpreisschocks wie die USA. Ein Ölpreisanstieg von 10 Prozent würde die Inflation in der Eurozone um rund 40 Basispunkte erhöhen und das Wachstum um mehr als 10 Basispunkte bremsen.
Als Hauptgründe für die erhöhte europäische Sensitivität nennen die Analysten zwei Faktoren: Erstens macht Energie in Europa einen größeren Anteil an den Konsumausgaben aus – 9 bis 10 Prozent gegenüber 6 bis 7 Prozent in den USA. Zweitens ist Europa nach wie vor ein Netto-Energieimporteur, was die Region strukturell abhängiger von globalen Energiemärkten macht.
Diese Unterschiede spiegeln sich auch in den aktuellen globalen Wirtschaftsprognosen der BofA wider. Die Bank berücksichtigt darin einen Ölpreisanstieg von 40 Prozent infolge eines Kriegsausbruchs. Während die US-Wachstumsprognose aufgrund des Konflikts um 30 Basispunkte gesenkt wurde, verzeichnet die Eurozone eine deutlich stärkere Kürzung: Das Wachstum wurde um 60 Basispunkte reduziert, während die Inflationserwartungen um 160 Basispunkte angehoben wurden.
Weltwirtschaft besser gerüstet als in früheren Krisen
Trotz der bestehenden Herausforderungen zieht der Bericht ein grundsätzlich optimistisches Fazit. „Die Entwicklung hin zu einer geringeren Ölempfindlichkeit ist dennoch beruhigend", heißt es in dem Bericht. Zwar stelle der aktuelle Konflikt Herausforderungen dar, doch sei die Weltwirtschaft weitaus besser gerüstet, diese zu bewältigen, als während der Krisen der Vergangenheit.
Für deutsche und europäische Anleger sind die Erkenntnisse der BofA-Analysten von besonderer Relevanz. Die strukturell höhere Ölsensitivität der Eurozone bedeutet, dass Energiepreisschocks hierzulande stärker auf Inflation und Wachstum durchschlagen als in den USA – ein Faktor, den Investoren bei der Portfolioplanung und der Einschätzung der europäischen Geldpolitik berücksichtigen sollten.
