Stimmung in Unternehmen trübt sich ein
Forschungsinstitute erwarten nur Mini-Wachstum und fordern Strukturreformen

Die Hoffnung auf eine nachhaltige Erholung der deutschen Wirtschaft hat einen Rückschlag erlitten. Das Geschäftsklima in den Unternehmen verschlechterte sich im September erstmals seit einem halben Jahr. Nach sechs Anstiegen in Folge sank der ifo-Index um 1,2 Punkte auf 87,7 Zähler. Damit blieb die Stimmung deutlich hinter den Erwartungen der Analysten zurück, die von einem erneuten Anstieg auf 89,4 Punkte ausgegangen waren. Der Index gilt als wichtigster Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. ifo-Präsident Clemens Fuest sprach von einem Dämpfer für die Hoffnungen auf Aufschwung.
Die befragten rund 9.000 Unternehmen bewerteten sowohl ihre aktuelle Lage als auch die Geschäftsaussichten schlechter. Besonders die Dienstleistungsbranche verzeichnete einen deutlichen Rückgang, während sich das Geschäftsklima im Bauhauptgewerbe nach vorherigen Einbußen wieder leicht verbesserte. Der Rückgang des Indikators auf den niedrigsten Stand seit Februar hat in Wirtschaftskreisen für Ernüchterung gesorgt. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sprach von einer „kalten Dusche“, die auch auf das Ausbleiben eines wirtschaftspolitischen Neustarts zurückzuführen sei. Ähnlich äußerte sich Alexander Krüger von Hauck Aufhäuser Lampe, der das innenpolitische Umfeld als lethargisch bezeichnete.
Die Schwächephase trifft auf ohnehin angespannte Rahmenbedingungen. Lieferkettenprobleme, neue US-Zölle und die Folgen hoher Inflation belasten viele Unternehmen. Krüger zog einen Vergleich zu den Krisenzeiten während der Finanzkrise und der Corona-Pandemie. Auch Thomas Gitzel von der VP Bank verwies darauf, dass die Wirkung der staatlichen Ausgabenprogramme entscheidend sei, um das Wachstum in die Realwirtschaft zu leiten. Stützend wirkten nach Ansicht von Ökonomen zumindest die jüngsten Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank.
Nach dem Rückgang der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 0,3 Prozent rechnen die führenden Forschungsinstitute für das Gesamtjahr nur mit einem Mini-Wachstum. Insidern zufolge dürfte das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 0,2 Prozent zulegen. Für 2026 wird ein Anstieg von 1,3 Prozent prognostiziert, 2027 sollen es 1,4 Prozent sein. Die Institute wollen der Bundesregierung in ihrem Herbstgutachten umfangreiche Strukturreformen nahelegen, um das Produktionspotenzial zu steigern und den Standort wettbewerbsfähiger zu machen.
Skeptische Stimmen kommen auch aus der Wissenschaft. Oliver Holtemöller vom IWH warnte, Deutschland bewege sich nur mühsam nach vorn und schöpfe sein Produktionspotenzial nicht aus. Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft sprach gar von einer „Germanosklerose“. Er verwies auf strukturelle Probleme wie stagnierende Investitionen, Sorgen der Verbraucher angesichts steigender Arbeitslosigkeit und eine zunehmende Belastung des Exportmodells durch Deglobalisierung und Protektionismus. Nach Einschätzung der OECD wird sich Deutschland nur langsam aus der Schwächephase lösen können. Für 2025 erwartet die Organisation lediglich ein Wachstum von 0,3 Prozent, gefolgt von 1,1 Prozent im Jahr darauf.
