Shell verdoppelt Quartalsgewinn im Jahresvergleich, Raffineriemargen auf Rekordhoch
Der Ölriese steigert den bereinigten Gewinn auf 10,81 Milliarden Dollar und kündigt Aktienrückkäufe über 5 Milliarden Dollar an.

Shell hat seinen Quartalsgewinn im Jahresvergleich fast verdoppelt. Der britische Ölkonzern steigerte den bereinigten Gewinn, also die unternehmenseigene Kennzahl für den Nettogewinn, auf 10,81 Milliarden Dollar, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Im Vorjahreszeitraum hatte der Wert bei 5,43 Milliarden Dollar gelegen.
Es war der stärkste Gewinn seit dem zweiten Quartal 2022 – also seit dem Quartal, das auf den russischen Vollangriff auf die Ukraine folgte. Die Raffineriemargen erreichten dabei ein neues Rekordhoch. Analysten hatten für den Zeitraum Juli bis September lediglich einen Wert von 9,92 Milliarden Dollar erwartet, wie aus einem von LSEG zusammengestellten Konsens hervorgeht.
An der Börse kam die Nachricht gut an: Die in London notierten Shell-Aktien legten im Vormittagshandel um rund 3 Prozent zu und erreichten ein Allzeithoch.
Die Details
Die indikativen Raffineriemargen lagen bei 42 Dollar pro Barrel. Damit übertrafen sie den bisherigen Rekord von 28,04 Dollar pro Barrel aus dem zweiten Quartal 2022 deutlich. Das Unternehmen hatte diese Entwicklung bereits im früheren Teil des Monats prognostiziert.
Shell erhöhte zugleich seine Aktienrückkäufe. Das neue Programm über 5 Milliarden Dollar soll innerhalb der nächsten drei Monate abgeschlossen werden – nach 3 Milliarden Dollar im vorherigen Quartal. CEO Wael Sawan sagte, das Unternehmen habe trotz „anhaltender schwerwiegender Störungen des globalen Energiesystems“ eine starke operative Leistung erbracht.
Maurizio Carulli, Equity Research Analyst für globale Energie und Materialien bei Quilter Cheviot Investment Management, sprach am Donnerstag gegenüber CNBC von einer beeindruckenden Leistung in allen Geschäftsbereichen des Unternehmens. Besonders der Rückgang der Nettoverschuldung sei beeindruckend, zumal Shell kürzlich die 16,4 Milliarden Dollar teure Übernahme des kanadischen Energieunternehmens ARC abgeschlossen habe, um die Produktion zu steigern. Carulli erwartet weitere „kleine bolt-on-Akquisitionen“ attraktiver Ziele, aber keine große Umstrukturierung des Portfolios in naher Zukunft.
Shell hat zuletzt sein indisches Wind- und Solargeschäft verkauft. Berichtet wird zudem, dass das Unternehmen daran arbeitet, sein in Großbritannien ansässiges Chemie-Joint-Venture mit Exxon zu verkaufen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15.10.2026 berichtete aktien.news, dass TotalEnergies für das dritte Quartal mit einem massiven Gewinnsprung rechnete. Auslöser war die Raffineriemarge, die sich nach Angaben des französischen Energiekonzerns fast vervierfacht haben dürfte – konkret auf 33,2 Dollar je Barrel nach 8,4 Dollar je Barrel im Vorjahreszeitraum. Hintergrund war der Krieg der USA und Israels mit dem Iran, der zu einer faktischen Schließung der Straße von Hormus führte. Schon damals hieß es, auch Shell stelle eine Rekord-Raffineriemarge in Aussicht.
Am 20.10.2026 meldete aktien.news unter Berufung auf einen Reuters-Bericht aus London, dass Shell, BP, TotalEnergies, Exxon und Chevron vor einem der gewinnstärksten Quartale seit Jahren stünden. Der US-israelische Krieg gegen den Iran habe die Verarbeitungs- und Handelsergebnisse gestützt. Seit Beginn des Krieges durch US-israelische Luftangriffe im Februar war es zu schweren Störungen in der Straße von Hormus gekommen, die die Energiepreise auf ein mehrjähriges Hoch trieben.
Schon am 04.02.2026 hatte aktien.news über Phillips 66 berichtet: Der US-Raffineriebetreiber übertraf im vierten Quartal die Gewinnerwartungen mit einem bereinigten Gewinn je Aktie von 2,47 Dollar gegenüber einer Analystenschätzung von 2,16 Dollar. Die Quartalsmargen der US-Raffinerien, gemessen am 3-2-1 Crack Spread, stiegen im vierten Quartal gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt um etwa 45 Prozent.
Und am 08.07.2026 berichtete aktien.news, dass Shell in seinem Handels-Update für das zweite Quartal 2026 „deutlich höhere“ Gewinne im Handelsgeschäft angekündigt und die Produktionsprognosen in mehreren Bereichen angehoben hatte. Die Aktie legte damals im britischen Handel um 3 Prozent zu. Der Krieg im Nahen Osten spielte eine ambivalente Rolle: Er beeinträchtigte die Produktion, trieb den Ölpreis aber zeitweise auf bis zu 126 US-Dollar pro Barrel. Nach der Einigung auf ein vorläufiges Friedensabkommen sank der Preis wieder in Richtung 70 US-Dollar pro Barrel.
Was das für Anleger bedeutet
Die Zahlen von Shell sind eingebettet in ein außergewöhnlich volatiles Marktumfeld. Die Rohölpreise waren in diesem Jahr hochgradig volatil, da die Exporte aus den Golfstaaten durch den US-israelischen Krieg mit Iran und Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus eingeschränkt wurden. Der internationale Referenzwert Brent Crude lag am Donnerstag bei rund 114 Dollar pro Barrel – gegenüber rund 65 Dollar pro Barrel vor einem Jahr.
Die Spannungen im Nahen Osten bleiben hoch: Die USA und Iran prüfen Berichten zufolge die Wiederaufnahme militärischer Schläge, und Saudi-Arabien wird von tödlichen Angriffen der Houthi-Milizen erschüttert. Ein globales Defizit an Raffineriekapazität, verschärft durch Angriffe auf russische Raffinerien, hat die Preise für Produkte wie Benzin, Diesel und Kerosin in die Höhe getrieben. Die G7-Staaten haben Anfang dieses Monats vereinbart, Notreserven an Diesel freizugeben, da steigende Tankstellenpreise zunehmend in den Geldbörsen der Verbraucher spürbar sind.
Shell steht mit der Entwicklung nicht allein da. Frankreichs TotalEnergies profitierte ebenfalls von den Marktdynamiken und mehrte sein bereinigtes Nettoeinkommen in den am Donnerstag veröffentlichten Ergebnissen des dritten Quartals auf 9,1 Milliarden Dollar. Während die Ölhändelsaktivitäten stabil blieben, wurde der Konzern durch „historisch hohe Raffineriemargen in Europa und weltweit“ gestützt, wie CEO Patrick Pouyanne sagte.
Ausblick
Konkrete Termine nennt das Unternehmen nur beim Aktienrückkauf: Das Programm über 5 Milliarden Dollar soll innerhalb der nächsten drei Monate abgeschlossen werden. Analyst Carulli rechnet für die kommende Zeit mit weiteren „kleinen bolt-on-Akquisitionen“ attraktiver Ziele, aber nicht mit einer großen Umstrukturierung des Portfolios. Offen bleibt, wie sich der geplante Verkauf des britischen Chemie-Joint-Ventures mit Exxon entwickelt.
Am Markt bleibt die Richtung der Rohöl- und Produktpreise der entscheidende Faktor. Sie hängt maßgeblich davon ab, wie sich die Lage in der Straße von Hormus und die Spannungen im Nahen Osten weiterentwickeln – sowie davon, wie stark das globale Raffineriekapazitätsdefizit die Margen weiter stützt.
Kurz erklärt
- Raffineriemarge: Der Gewinn, den eine Raffinerie pro verarbeitetem Barrel Rohöl erzielt, also die Differenz zwischen Produkt- und Rohölpreis.
- Bereinigter Gewinn: Eine um Sonder- und Einmaleffekte korrigierte Gewinnkennzahl, die den operativen Erfolg eines Konzerns vergleichbarer machen soll.
- Aktienrückkauf: Der Erwerb eigener Aktien durch ein Unternehmen, wodurch sich die Zahl der ausstehenden Anteile verringert.
- Bolt-on-Akquisition: Eine kleinere Zukauf-Übernahme, die ein bestehendes Geschäft sinnvoll ergänzt, statt einen Konzern grundlegend umzubauen.
