US-Raffinerieaktien plus 150 Prozent: Wie lange hält die Rallye?
US-Ölraffinerien sind die großen Gewinner des Iran-Kriegs – doch ein Analyst warnt vor zu viel Optimismus.

Die Aktien US-amerikanischer Ölraffinerien liegen im laufenden Jahr um rund 150 Prozent im Plus. Damit ist ein wichtiger Branchenneigungsindex auf Kurs für das beste Jahr in seiner Geschichte. Auslöser dieser historischen Rallye waren die globalen Störungen bei Öl- und Produktlieferungen infolge des Iran-Kriegs, von denen die Raffinerien überdurchschnittlich stark profitierten.
Doch es gibt Anzeichen dafür, dass der Aufwärtstrend bald abflauen könnte. Im Raffineriesektor herrsche „weit zu viel Optimismus für eine ‚Rallye nach den Zwischenwahlen'", schrieb Jonathan Krinsky von BTIG in einer Notiz vom Dienstag. Der Analyst prognostiziert zugleich die „Mutter aller Instandhaltungszyklen" für Raffinerien, die zuletzt mit hoher Kapazität gelaufen sind.
Für deutsche Anleger ist das ein wichtiger Hinweis: Der Sektor hat eine außergewöhnliche Hausse hinter sich, die eng an geopolitische Sonderfaktoren gekoppelt ist. Ob diese Treiber dauerhaft tragen, ist offen – die Bewertung spiegelt nach Einschätzung von BTIG bereits sehr viel Zuversicht wider.
Die Details
Im Zentrum der aktuellen Entwicklung steht die Kombination aus einem rund 150-prozentigen Kursplus im laufenden Jahr und einem Branchenindex, der vor dem besten Jahr seiner Geschichte steht. Getragen wird diese Entwicklung von den Lieferstörungen, die der Iran-Krieg bei Öl und Ölprodukten ausgelöst hat. Raffinerien, die Rohöl zu Benzin, Diesel und anderen Kraftstoffen verarbeiten, konnten in diesem Umfeld außergewöhnlich hohe Margen erzielen.
Genau diese Margen stehen nun zur Disposition. BTIG-Analyst Jonathan Krinsky verweist in seiner Notiz vom Dienstag auf die „Mutter aller Instandhaltungszyklen", die auf die Raffinerien zukomme. Der Hintergrund: Anlagen, die über längere Zeit mit hoher Auslastung gefahren wurden, müssen turnusmäßig gewartet werden. In solchen Wartungsphasen steht die Produktionskapazität teilweise still, was die Ergebnisspielräume der Betreiber belasten kann.
Krinsky sieht den Sektor daher nicht länger auf dem optimalen Pfad. Seine Formulierung, es herrsche „weit zu viel Optimismus für eine ‚Rallye nach den Zwischenwahlen'", richtet sich gegen die Erwartung vieler Marktteilnehmer, dass die Kursgewinne nach dem Urnengang nahtlos weiterlaufen. Der Analyst stellt diese Annahme infrage, ohne selbst ein Kursziel zu nennen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Rallye ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer ganzen Serie außergewöhnlicher Quartalszahlen. Bereits am 14.08.2026 berichtete aktien.news, dass die drei größten US-amerikanischen Raffineriebetreiber Marathon Petroleum (MPC), Phillips 66 (PSX) und Valero Energy (VLO) im zweiten Quartal zusammen einen kombinierten Gewinn von 12,6 Milliarden US-Dollar erzielten. Das war der höchste Wert seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Als Treiber dieser Rekordgewinne galt der anhaltende Iran-Konflikt, der die Gewinne und Cashflows der US-Kraftstoffhersteller weiter beflügelte. Besonders profitierten sogenannte „Pure-Play"-Raffinerien, also Unternehmen, die sich ausschließlich auf das Raffineriegeschäft konzentrieren.
Am 02.10.2026 folgte der nächste Bericht: Acht börsennotierte unabhängige Raffinerien würden voraussichtlich kombinierte Gewinne von 32,4 Milliarden Dollar in den beiden Quartalen seit Kriegsbeginn ausweisen – im Vergleich zu 6,8 Milliarden Dollar im selben Vorjahreszeitraum. Die Umsätze wurden laut einer FT-Analyse der Quartalsergebnisse im zweiten Quartal und den Erwartungen der Wall Street für das dritte Quartal bei 325,5 Milliarden Dollar prognostiziert, gegenüber 242,9 Milliarden Dollar im Vorjahr. Treiber waren die sprunghaft gestiegenen Diesel- und Benzinpreise infolge des Iran-Kriegs von Donald Trump sowie ukrainischer Angriffe auf russische Energieanlagen.
Nur eine Woche später, am 09.10.2026, meldete aktien.news, dass die größten US-Ölraffinerien im dritten Quartal auf ein deutliches Gewinnwachstum zusteuern. Hintergrund seien die Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine, die weltweit zu einer hektischen Suche nach Kraftstoffen geführt hätten. Analysten der Wall Street gingen davon aus, dass unabhängige US-Kraftstoffhersteller wie Valero Energy, Marathon Petroleum und Phillips 66 auf Kurs seien, ihre nahezu rekordhohen Gewinne aus dem zweiten Quartal zu übertreffen. Am 10.10.2026 bestätigte ein weiterer Bericht diese Einschätzung: Die Raffinerien erzielten rekordhohe Margen bei Diesel und anderen Kraftstoffen, während die weltweiten Vorräte schrumpften.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger zeigt der Fall ein typisches Muster: Ein Sektor profitiert von einem geopolitischen Sondereffekt, die Kurse steigen rasant, und anschließend stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit. Die 150 Prozent Kursplus im laufenden Jahr sind bereits Realität – sie sind aber kein Versprechen für die Zukunft.
BTIG liefert mit dem Hinweis auf den Instandhaltungszyklus einen konkreten operativen Grund, warum die hohen Margen nicht einfach fortgeschrieben werden können. Hinzu kommt die Bewertungsfrage: Wenn der Markt eine „Rallye nach den Zwischenwahlen" einpreist, ist ein Teil der künftigen Erwartungen bereits in den Kursen enthalten. Enttäuscht die Realität diese Erwartungen, kann die Korrektur überproportional ausfallen.
Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass die fundamentalen Ergebnisse bislang außergewöhnlich stark waren. Die kombinierten Gewinne der großen Betreiber und die prognostizierten Umsätze der acht unabhängigen Raffinerien belegen, wie stark der Sektor von der Energieknappheit profitiert hat. Anleger sollten daher zwischen der zurückliegenden Gewinnentwicklung und der künftigen Kursentwicklung unterscheiden. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Die entscheidenden Signale kommen in den kommenden Wochen aus zwei Richtungen. Zum einen aus der operativen Entwicklung: Der von BTIG prognostizierte Instandhaltungszyklus dürfte die Auslastung der Raffinerien und damit die Margen beeinflussen. Zum anderen aus der Marktstimmung: Ob die erwartete „Rallye nach den Zwischenwahlen" tatsächlich eintritt, hängt davon ab, ob die Anleger die Zuversicht teilen, die Krinsky derzeit für übertrieben hält.
Konkrete Termine oder Prognosezahlen für die kommenden Quartale nennt die Quelle nicht. Der Ausblick bleibt damit an die beiden genannten Faktoren gebunden: die Wartungszyklen der Anlagen und die Frage, ob die geopolitisch getriebene Energieknappheit weiterhin Bestand hat.
Kurz erklärt
- Raffineriemarge: Die Differenz zwischen dem Preis für Rohöl und dem Erlös aus den daraus hergestellten Produkten wie Benzin oder Diesel.
- Pure-Play-Raffinerie: Ein Unternehmen, das sich ausschließlich auf das Raffineriegeschäft konzentriert und nicht zugleich in Förderung oder Chemie aktiv ist.
- Instandhaltungszyklus: Die turnusmäßige Wartung von Raffinerieanlagen, während der Teile der Produktion stillstehen.
