Polens Zentralbank hält Leitzins bei 3,75 Prozent trotz steigender Inflation
Die NBP lässt den Schlüsselzins unverändert, obwohl die Teuerung erstmals seit Juni 2025 über den Zielkorridor steigt.

Die polnische Zentralbank hat ihren Leitzins am Mittwoch bei 3,75% unverändert gelassen. Der Währungspolitische Rat der Nationalbank Polens (NBP) folgte damit den Erwartungen der Analysten und beließ den Schlüsselzinssatz auf dem aktuellen Niveau. Anlass für die Entscheidung ist eine Inflation, die erstmals seit Juni 2025 wieder über den Zielbereich der Bank gestiegen ist.
Konkret lag die polnische Inflationsrate im September bei 4,0% im Jahresvergleich, nach 3,4% im August. Damit durchbrach sie die Obergrenze des Zielkorridors der Zentralbank von 1,5% bis 3,5%. Getrieben wurden die Preissteigerungen vor allem durch steigende Kraftstoffkosten, die im Jahresvergleich um 36,1% und im Monatsvergleich um 9,2% anstiegen.
Trotz des Überschreitens der Zielmarke verzichtete der Rat auf eine geldpolitische Straffung. Die Zentralbank wird ihre offizielle Erklärung am Mittwoch veröffentlichen. Der Gouverneur der Nationalbank Polens, Adam Glapiński, wird am Donnerstag eine Pressekonferenz abhalten, um die Entscheidung zu erläutern.
Die Details
Grzegorz Maliszewski, Chefvolkswirt der Bank Millennium, erklärte, dass die Kerninflation weiterhin innerhalb des Zielkorridors der Zentralbank liege. Er wies darauf hin, dass das Programm „Günstigere Kraftstoffpreise“, das am vergangenen Wochenende gestartet wurde und mindestens bis zum Jahresende läuft, das Risiko weiterer Inflationssteigerungen verringere. Damit dürfte der jüngste Preisschub bei Kraftstoffen zumindest teilweise abgefedert werden.
Der polnische Präsident Karol Nawrocki hatte das Gesetz zur Einführung einer Übergewinnsteuer unterzeichnet, das dieses Programm finanziert. Die Regierung plant, die Einnahmen aus der Übergewinnsteuer zur Finanzierung einer Obergrenze für Kraftstoffpreise zu verwenden. Auf diese Weise sollen die staatlichen Einnahmen direkt an der Zapfsäule wirken und den Preisanstieg bremsen.
Analysten sind der Ansicht, dass diese Maßnahme die Inflation wieder in den Zielkorridor der Zentralbank zurückführen wird und den Druck auf eine Zinserhöhung in diesem Jahr mindern wird. Maliszewski betonte zudem, dass Daten zum Arbeitsmarkt eine allmähliche Entspannung beim Lohnwachstum zeigen. Dies gebe dem Währungspolitischen Rat keinen Anlass, die Geldpolitik rasch zu straffen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Entscheidung reiht sich in eine längere Phase unveränderter Zinspolitik ein. Bereits am 09.04.2026 berichtete aktien.news, dass Polens Zentralbank ihren Leitzins erwartungsgemäß bei 3,75% belassen hatte. Damals hatten alle 30 von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Analysten diese Entscheidung vorhergesagt. Als Hauptgrund nannte die Notenbank die gestiegene Unsicherheit durch den Nahostkonflikt und die damit verbundenen Rohstoffpreiserhöhungen. Die Entscheidung folgte auf eine Zinssenkung um 25 Basispunkte im Vormonat, die den Referenzzins auf das aktuelle Niveau von 3,75% gedrückt hatte. Seit Mai 2025 hat die polnische Zentralbank die Kreditkosten insgesamt um zwei Prozentpunkte gesenkt.
Am 15.06.2026 berichtete aktien.news, dass die polnische Zentralbank ihre Zinssätze angesichts anhaltender geopolitischer Risiken voraussichtlich noch für längere Zeit unverändert lassen werde. Das erklärte damals Ratsmitglied Ludwik Kotecki gegenüber Bloomberg News. Trotz Fortschritten bei einem möglichen Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran sei es noch zu früh, über Zinssenkungen nachzudenken. „Es ist unwahrscheinlich, dass der Geldpolitische Rat die Zinssätze vor Ende des Jahres oder vielleicht sogar vor März nächsten Jahres ändern wird, wenn Basiseffekte die jährliche Inflationsrate senken werden", sagte Kotecki. Polen hielt seinen Leitzins damals seit Juni den dritten Monat in Folge bei 3,75 Prozent stabil.
Am 08.07.2026 berichtete aktien.news, dass die polnische Zentralbank ihren Leitzins den vierten Monat in Folge unverändert gelassen hatte. Die Entscheidung entsprach damals exakt den Erwartungen aller 29 von Bloomberg befragten Ökonomen. Hintergrund war eine nachlassende Inflation in Polen. Zuvor hatte ein durch den von den USA geführten Krieg gegen den Iran ausgelöster Preisanstieg die Inflationsrisiken erhöht. Mit dem Abflauen dieses Drucks sah der geldpolitische Rat offenbar keinen unmittelbaren Handlungsbedarf für eine Zinsanpassung.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entscheidung vor allem deshalb relevant, weil Polen innerhalb der Europäischen Union ein wichtiger Handelspartner und Standort für Zulieferer ist. Ein unverändert hoher Leitzins von 3,75% bedeutet, dass sich die Finanzierungsbedingungen in Polen nicht weiter lockern. Der Zloty bleibt damit für Unternehmen mit Polen-Exposure ein relevanter Faktor, auch wenn der Quelltext keine Aussagen zur Währungsentwicklung enthält.
Interessant ist die Konstruktion der Inflationsbekämpfung: Statt über den Leitzins dämpft die Regierung den Preisdruck über eine Übergewinnsteuer und eine Obergrenze für Kraftstoffpreise. Analysten erwarten, dass diese Maßnahme die Inflation wieder in den Zielkorridor zurückführt und den Druck auf eine Zinserhöhung in diesem Jahr mindert. Für Anleger, die auf polnische Anleihen oder zinssensitive Titel setzen, ist das ein Signal, dass der geldpolitische Kurs vorerst stabil bleiben dürfte.
Zu beachten ist die Unterscheidung zwischen Gesamt- und Kerninflation. Während die Gesamtrate mit 4,0% über dem Zielkorridor liegt, verharrt die Kerninflation laut Maliszewski innerhalb des Zielbands. Diese Differenz erklärt, warum der Rat trotz der höheren Kopfzahl nicht sofort reagiert. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Die Zentralbank wird ihre Erklärung am Mittwoch veröffentlichen. Der Gouverneur der Nationalbank Polens, Adam Glapiński, wird am Donnerstag eine Pressekonferenz abhalten, um die Entscheidung zu erläutern. Dort dürften weitere Hinweise zum weiteren geldpolitischen Kurs erwartet werden.
Das Programm „Günstigere Kraftstoffpreise“ läuft mindestens bis zum Jahresende. Analysten rechnen damit, dass es die Inflation wieder in den Zielkorridor der Zentralbank zurückführen und den Druck auf eine Zinserhöhung in diesem Jahr mindern wird. Maliszewski sieht angesichts der allmählichen Entspannung beim Lohnwachstum keinen Anlass für eine rasche Straffung der Geldpolitik.
Kurz erklärt
- Leitzins: Der zentrale Zinssatz einer Notenbank, zu dem sich Geschäftsbanken Geld beschaffen können und der die Kreditkosten der gesamten Volkswirtschaft beeinflusst.
- Kerninflation: Ein Inflationsmaß, das schwankungsanfällige Posten wie Energie und Lebensmittel ausklammert, um den zugrunde liegenden Preistrend zu zeigen.
- Übergewinnsteuer: Eine Sonderabgabe auf außergewöhnlich hohe Unternehmensgewinne, deren Einnahmen hier zur Finanzierung einer Kraftstoffpreis-Obergrenze dienen.
