Pakistan: Strompreisreform trifft Mittelschicht – Inflation droht anzusteigen
Neue Tarifstruktur verschiebt Subventionen von Industrie zu Privathaushalten und könnte Teuerungsrate erhöhen

Die pakistanische Regierung plant eine grundlegende Reform der Strompreise, die nach Einschätzung von Analysten die Inflation anheizen und vor allem Haushalte der Mittelschicht belasten wird. Gleichzeitig soll die Industrie des südasiatischen Landes deutlich entlastet werden. Die Maßnahme ist Teil der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) geforderten Strukturreformen.
Nach Berechnungen von Optimus Capital Management könnte die Preisreform innerhalb der nächsten zwölf Monate zu einem Anstieg der Inflationsrate um 1,1 Prozentpunkte führen. Der Plan, der nur noch der formalen Genehmigung bedarf, beendet ein System, in dem bisher Unternehmen die Energierechnungen der Privathaushalte quersubventionierten.
Drastische Verschiebung der Kostenlast
Die neue Tarifstruktur sieht vor, dass die Industriepreise für Strom um 13 bis 15 Prozent sinken werden. Gleichzeitig werden Subventionen in Höhe von 102 Milliarden Rupien (365 Millionen US-Dollar) gestrichen. Die Hauptlast tragen Haushalte der Mittelschicht, die nach Analystenschätzungen künftig rund 50 Prozent mehr für Elektrizität bezahlen müssen.
Besonders betroffen sind Verbraucher, die monatlich zwischen 100 und 300 Einheiten Strom verbrauchen – die Mehrheit der zahlenden Privatkunden. Laut dem Karatschi-ansässigen Energieberatungsunternehmen Arzachel müssen diese Haushalte aufgrund neuer Festgebühren mit Preiserhöhungen von bis zu 76 Prozent rechnen. Selbst Haushalte mit dem niedrigsten Einkommen, die nur 1 bis 100 Einheiten monatlich verbrauchen, werden erstmals mit einer Festgebühr von 400 Rupien belastet.
Inflationsdruck trotz jüngster Entspannung
Pakistan erlebte 2023 einen der höchsten Inflationsschübe Asiens mit einer Teuerungsrate von fast 40 Prozent. Ursachen waren eine schwächelnde Rupie, steigende Treibstoffkosten und Preiserhöhungen im Zusammenhang mit IWF-gestützten Reformen. Obwohl sich die Inflation mittlerweile auf 5,8 Prozent verlangsamt hat, warnen Analysten vor neuem Aufwärtsdruck durch die Strompreisreform.
Ahtasam Ahmad, Leiter des Programms für Energiefinanzen bei der Beratungsfirma Renewables First, betont, dass die Kaufkraft des durchschnittlichen Haushalts bereits erheblich gesunken sei. Die Änderung verstärke "den kumulativen Effekt der Inflation, den wir seit 2022 erleben".
Kontroverse um Solarenergie-Regelung
Zusätzlich hat die staatliche Regulierungsbehörde für Elektrizität (NEPRA) den Vergütungssatz für Nutzer von Solaranlagen auf Dächern gesenkt, die Strom ins Netz einspeisen. Ein Rekordanstieg bei Solarinstallationen hatte zwar die Emissionen gesenkt und die Rechnungen für einige Haushalte reduziert, aber die Einnahmen der hoch verschuldeten Versorgungsunternehmen geschmälert.
Premierminister Shehbaz Sharif ordnete am Mittwoch eine Überprüfung dieser Solar-Änderungen an und wies Beamte an, eine Kostenverlagerung von 466.000 Solarnutzern auf 37,6 Millionen Netzverbraucher zu verhindern. Arzachel warnt: "Übermäßig hohe Festgebühren bergen das Risiko, dass sich die Verbraucher vollständig vom Netz abwenden, was die langfristige Systemstabilität untergräbt."
Spannungen im IWF-Programm
Die Überarbeitung der Preisgestaltung unterstreicht die Spannungen innerhalb des IWF-Programms für Pakistan, das seit 2023 drastische Erhöhungen der Versorgungspreise vorschreibt, um angeschlagene staatliche Energieunternehmen zu unterstützen. Industrieverbände argumentieren, dass hohe Strompreise die Exportwettbewerbsfähigkeit in der wichtigen Textil- und Fertigungsindustrie untergraben. Weder das pakistanische Energieministerium noch der IWF äußerten sich auf Anfrage zu den geplanten Änderungen.
