Frankreichs Deal: Klaas Knot als EZB-Chef gegen Chefvolkswirt-Posten
Paris unterstützt Niederländer Knot als Lagarde-Nachfolger – im Tausch gegen Schlüsselposition im EZB-Direktorium.

Im Ringen um die künftige Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) zeichnet sich ein hochkarätiges politisches Manöver ab. Frankreich ist einem Bericht zufolge bereit, den früheren niederländischen Notenbankchef Klaas Knot als nächsten EZB-Präsidenten zu unterstützen – unter der Bedingung, dass der einflussreiche Posten des EZB-Chefvolkswirts an einen französischen Kandidaten geht. Die informelle Absprache, die auf Präsident Emmanuel Macron zurückgehen soll, markiert den Beginn komplexer Verhandlungen zwischen den großen Euro-Ländern.
Hintergrund sind Spekulationen über einen möglichen vorzeitigen Abgang von EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel. Lagardes Amtszeit endet offiziell erst im Oktober 2027, doch Gerüchte über einen früheren Abschied halten sich seit Monaten. Die Französin hat mehrfach angedeutet, sich vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027 für die europäische Integration einsetzen zu wollen. Ein vorzeitiger Rückzug würde Macron die Möglichkeit geben, noch vor dem Ende seiner eigenen Amtszeit einen Nachfolger zu bestimmen.
Klaas Knot – ein pragmatischer Falke
Der 59-jährige Klaas Knot ist ein erfahrenes Mitglied des EZB-Rats. Von 2011 bis 2025 stand er an der Spitze der niederländischen Zentralbank und gilt als „pragmatischer Falke". Zwar neigt er grundsätzlich zu einer strafferen Geldpolitik, doch Marktteilnehmer beschreiben ihn als flexibel genug, um sich an neue Konjunkturdaten anzupassen. Seine 14-jährige Amtszeit im EZB-Rat war von zwei Phasen geprägt: zunächst von offenen Spannungen mit Mario Draghi über dessen Konjunkturprogramme, später von einer Annäherung an Christine Lagarde. Ein französischer Beamter bezeichnete ihn als „einen Falken, aber auf intelligente Weise".
Seit 2021 leitet Knot zudem den Finanzstabilitätsrat (FSB) und überwacht dort die globalen Finanzmarktrisiken. Sein Hauptkonkurrent um das Präsidentenamt ist der frühere spanische Notenbankchef Pablo Hernández de Cos. Eine Ernennung des Südeuropäers würde jedoch wahrscheinlich erfordern, dass ein nördliches „sparsames" Land den Chefvolkswirt-Posten besetzt, um das regionale Gleichgewicht im EZB-Rat zu wahren.
Der französische Tauschhandel
Im Gegenzug für die Unterstützung Knots drängt Paris massiv auf die Besetzung des Chefvolkswirt-Postens, den derzeit der Ire Philip Lane innehat. Dessen Amtszeit läuft im Mai 2026 aus. Frankreich hat mehrere prominente Namen für diese Position ins Spiel gebracht, darunter Banque-de-France-Vizegouverneurin Agnes Benassy-Quere, die frühere OECD-Chefökonomin Laurence Boone und Helene Rey von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.
Neben dem strategischen Einfluss, den die Rolle bietet, ist Paris auch daran interessiert, die Geschlechterrepräsentation im EZB-Direktorium zu erhalten. Lagarde und Schnabel sind derzeit die einzigen Frauen in dem Gremium. Der Deal steht jedoch vor erheblichen Hürden, insbesondere aus Berlin. Zwar würde Deutschland den durch Schnabels Abgang freiwerdenden Sitz und ihr Portfolio für Marktoperationen erhalten, doch deutsche Beamte sollen selbst ein Auge auf den Chefvolkswirt-Posten geworfen haben.
Weitere Kandidaten im Rennen
Neben Knot und de Cos bleiben weitere Namen im Gespräch:
Joachim Nagel:
Der Bundesbankpräsident hat das Verhältnis Deutschlands zur EZB im Vergleich zu seinem Vorgänger Jens Weidmann deutlich verbessert. Er gilt als moderater Falke und Konsensbildner, der die Unabhängigkeit der EZB verteidigt, aber kompromissbereit ist. -
Nadia Calvino:
Die Präsidentin der Europäischen Investitionsbank wird in privaten Gesprächen immer wieder genannt. Die ehemalige spanische Ministerin gilt als „rücksichtslose, effektive Managerin" und wäre aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Verwaltungserfahrung eine ernsthafte Kandidatin.
Der Nachfolgeprozess befindet sich noch in einem frühen, informellen Stadium. Da die drei größten Volkswirtschaften der Eurozone – Deutschland, Frankreich und Italien – de facto eine ständige Vertretung im Direktorium halten, wird die endgültige Entscheidung einen Konsens erfordern, der regionale Interessen, Geschlechtervielfalt und die vorherrschende wirtschaftspolitische Philosophie des Währungsraums in Einklang bringt.
