Lagarde verlässt die EZB: Erfolge, Fehler und ein langer Abschied
Die EZB-Präsidentin geht mit einer gemischten Bilanz – und ihr zäher Abschied verärgerte die Kollegen.

Christine Lagarde wird die Europäische Zentralbank (EZB) mit einem Sieg im Kampf gegen die Inflation verlassen. Zugleich hinterlässt sie nach Einschätzung von Bloomberg AI wiederhergestellte Kameradschaft unter den Politikern und einen Euro auf dem Weg in das digitale Zeitalter. Das ist das Fazit einer Bilanz, die die Nachrichtenagentur Bloomberg unter dem Titel eines langen Abschieds zieht.
Doch die Präsidentschaft der Französin war keineswegs nur von Erfolgen geprägt. Bloomberg AI benennt ausdrücklich auch Fehltritte: von einer Anleihekrise während der Corona-Pandemie bis hin zu einem zögerlichen Beginn der Straffungspolitik im Jahr 2022. Beide Punkte markieren die schwierigsten Phasen ihrer Amtszeit an der Spitze der Notenbank.
Hinzu kommt ein kommunikatives Problem, das die interne Stimmung belastete. Ihr langgezogener Abschied ärgerte die Kollegen, wie es in der Bilanz heißt. Der Übergang an der EZB-Spitze zog sich damit über Monate hin – ein Prozess, der die Institution in einer ohnehin anspruchsvollen Phase begleitete.
Die Details
Die Bilanz von Bloomberg AI lässt sich in drei Erfolge und zwei zentrale Kritikpunkte gliedern. Auf der Habenseite steht zunächst der Sieg im Kampf gegen die Inflation – jene Teuerungswelle, die die Eurozone nach der Pandemie und dem Energiepreisschock erfasst hatte. Zweitens nennt die Bilanz die wiederhergestellte Kameradschaft unter den Politikern, also den Zusammenhalt innerhalb des EZB-Rats. Drittens verweist sie auf den Euro auf dem Weg in das digitale Zeitalter, ein Projekt, das unter Lagardes Führung vorangetrieben wurde.
Auf der Sollseite stehen die Fehltritte. Die Anleihekrise während der Pandemie wird als eine der schwierigsten Episoden benannt. Ebenso der zögerliche Beginn der Straffungspolitik im Jahr 2022, als die Notenbank die Zinswende erst mit Verzögerung einleitete. Beide Punkte betreffen unmittelbar die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik in Ausnahmesituationen.
Für die Einordnung der Amtszeit ist auch der zeitliche Rahmen wichtig. Lagarde übernahm das Amt der EZB-Präsidentin im November 2019 als Nachfolgerin von Mario Draghi. Ihre reguläre Amtszeit läuft bis Oktober 2027. Damit fällt ihre Führung in eine Phase, die von der Corona-Pandemie, der anschließenden Inflationswelle und dem Umbau des Finanzsystems geprägt war.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Diskussion über Lagardes Abschied begleitet die EZB bereits seit Monaten. Bereits am 18.02.2026 berichtete aktien.news, dass die EZB-Präsidentin einem Bericht der Financial Times zufolge einen vorzeitigen Rücktritt von ihrem Amt plant. Die damals 69-Jährige wollte die Notenbank demnach vor Ende ihrer regulären Amtszeit im Oktober 2027 verlassen. Der Schritt sollte dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz die rechtzeitige Suche nach einem Nachfolger ermöglichen. Laut FT strebte Lagarde einen Abgang vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027 an. Macron kann nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut kandidieren.
Nur zwei Tage später, am 20.02.2026, folgte die Gegenbewegung. Wie aktien.news berichtete, erteilte Lagarde Spekulationen über einen vorzeitigen Abgang eine klare Absage. Nach einem Bericht des Wall Street Journal erklärte die EZB-Präsidentin damals, sie erwarte, ihre Mission als Zentralbankchefin bis zum Ende ihrer Amtszeit zu vollenden. Die Aussage fiel zu einem Zeitpunkt, an dem Gerüchte über einen möglichen Rücktritt vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit die Runde machten.
Am 04.07.2026 berichtete aktien.news dann über eine erneute Wendung. Gegenüber der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos schloss Lagarde ein vorzeitiges Ende ihrer Amtszeit öffentlich nicht mehr aus. Ein Ausscheiden vor den französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2027 sei „möglich", erklärte sie. Auf die Frage, ob sie persönlich in den Präsidentschaftswahlkampf eingreifen wolle – sei es durch die Unterstützung eines Kandidaten oder durch eine eigene Kandidatur –, antwortete Lagarde ausweichend: „Ich werde mir einige Fragen stellen."
Am 14.09.2026 folgte schließlich der Blick auf die Nachfolge. Wie aktien.news unter Berufung auf die Financial Times berichtete, bereiteten sich die Regierungen der Eurozone auf einen der größten Führungswechsel in der 28-jährigen Geschichte der EZB vor. Ein „großes Paket" für die drei Spitzenpositionen sollte bis Ende Dezember vereinbart werden. Der Führungswechsel sei erforderlich, da Lagarde voraussichtlich noch in diesem Jahr bekannt geben werde, dass sie die EZB bis Anfang 2027 verlassen wird – also vor der nächsten französischen Präsidentschaftswahl. Auch die achtjährigen Amtszeiten des Chefökonomen Philip Lane und des Vorstandsmitglieds Isabel Schnabel laufen dem Bericht zufolge im kommenden Jahr aus.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist der Führungswechsel an der EZB-Spitze ein relevanter Faktor. Die Geldpolitik der Notenbank bestimmt maßgeblich die Zinsentwicklung im Euroraum und damit auch die Konditionen von Sparprodukten, Anleihen und Immobilienfinanzierungen. Ein personeller Wechsel an der Spitze kann die Erwartungen der Märkte an den künftigen geldpolitischen Kurs beeinflussen.
Die Bilanz von Bloomberg AI zeigt dabei beide Seiten: Einerseits steht der erfolgreiche Kampf gegen die Inflation, andererseits die Kritik an der Anleihekrise während der Pandemie und am zögerlichen Beginn der Straffungspolitik 2022. Anleger sollten die Kommunikation rund um die Nachfolge und die künftige Ausrichtung der Notenbank aufmerksam verfolgen. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus ausdrücklich nicht ableiten.
Ausblick
Die nächsten Schritte sind im Quelltext und den früheren Berichten bereits angelegt. Nach dem Bericht vom 14.09.2026 soll das „große Paket" für die drei EZB-Spitzenpositionen bis Ende Dezember vereinbart werden. Lagarde wird die Notenbank demnach voraussichtlich bis Anfang 2027 verlassen – also vor der französischen Präsidentschaftswahl. Zugleich laufen die achtjährigen Amtszeiten von Chefökonom Philip Lane und Vorstandsmitglied Isabel Schnabel im kommenden Jahr aus.
Offen bleibt nach den vorliegenden Informationen, wie sich Lagarde nach ihrem Ausscheiden positionieren wird. In dem Bericht vom 04.07.2026 ließ sie die Frage nach einem möglichen Engagement im französischen Präsidentschaftswahlkampf ausdrücklich unbeantwortet. Damit endet eine Amtszeit, die mit einem Sieg gegen die Inflation begann und mit einem langen, für die Kollegen ärgerlichen Abschied endet.
Kurz erklärt
- Inflation: Anhaltender Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, der die Kaufkraft des Geldes verringert.
- Straffungspolitik: Geldpolitische Ausrichtung einer Notenbank, mit der sie die Konjunktur bremst und die Teuerung eindämmt.
- Digitaler Euro: Von der Europäischen Zentralbank vorangetriebene digitale Form der Gemeinschaftswährung.
- Anleihekrise: Starke Verwerfungen an den Märkten für Staats- und Unternehmensanleihen, die die Finanzierungsbedingungen verschärfen.
