KI-Testament: Risiken beim Einsatz künstlicher Intelligenz für letztwillige Verfügungen
Immer mehr Menschen erwägen, ihr Testament per KI zu erstellen – doch die Risiken sind erheblich.

Im digitalen Zeitalter scheint es naheliegend: Warum für ein Testament teure Rechtsanwälte bezahlen, wenn ein KI-Chatbot die Arbeit vermeintlich günstiger und schneller erledigen kann? Die Vermögensverhältnisse sind überschaubar, die Lebensumstände einfach – da erscheint der Einsatz künstlicher Intelligenz als verlockende Alternative. Doch was auf den ersten Blick nach einer cleveren Sparmaßnahme aussieht, kann im Ernstfall teure und langwierige Konsequenzen nach sich ziehen.
Adam Creasey, Senior Associate bei der Kanzlei Stevens & Bolton, warnt vor den Tücken dieser Vorgehensweise. Zwar werde KI zunehmend Teil des Alltags und könne problemlos E-Mails verfassen oder Urlaube planen. Doch die Erstellung eines Testaments sei eine grundlegend andere Aufgabe. "KI-Chatbots sind stets bestrebt, zu gefallen, und werden in der Regel ohne Zögern ein Testament für Sie generieren", so Creasey. Doch ob man sich darauf verlassen könne, sei eine ganz andere Frage.
Die Tücken der künstlichen Intelligenz
Das Kernproblem liegt in der Natur eines Testaments selbst. Es muss die persönlichen Umstände des Erblassers, die seiner Familie, seine Wünsche, sein Vermögen und die komplexen Regelungen der Erbschaftsteuer berücksichtigen. Ein KI-Chatbot könnte Probleme übersehen, die einem erfahrenen Anwalt für Privatmandate sofort ins Auge springen. Noch gravierender: Die KI weiß unter Umständen gar nicht, welche Fragen sie stellen muss, um sicherzustellen, dass alle relevanten Aspekte abgedeckt sind.
Die Folge könnte eine steuerliche Falle sein, die der künstlichen Intelligenz schlicht entgangen ist. Gerade bei der Erbschaftsteuerplanung, die für deutsche Erblasser ebenso relevant ist wie für britische, können kleine Fehler große finanzielle Auswirkungen haben.
Die Sprache des Rechts
Ein weiteres Risiko betrifft die Formulierung. Rechtsanwälten wird häufig vorgeworfen, eine schwer verständliche Sprache zu verwenden – insbesondere bei Testamenten. Doch dieser Stil hat einen handfesten Grund: Die Bedeutung vieler verwendeter Begriffe ist durch jahrelange Rechtsprechung verifiziert. Die Wirkung des Testaments ist damit eindeutig und rechtssicher.
KI-generierte Formulierungen mögen auf den ersten Blick völlig sinnvoll erscheinen. In der Praxis können sie jedoch zu Mehrdeutigkeiten führen oder unbeabsichtigte Konsequenzen nach sich ziehen. Ein falsch gewähltes Wort kann den gesamten letzten Willen infrage stellen.
Formelle Hürden und Anfechtungsrisiken
Die formellen Anforderungen an die Unterzeichnung von Testamenten werden streng durchgesetzt. Ein Rechtsanwalt hat die Pflicht, sorgfältig zu prüfen, ob das Testament korrekt unterzeichnet wurde. Zudem muss der Erblasser sein Testament "kennen und billigen" – das bedeutet, er muss dessen Inhalt verstehen. Wird ein Testament von einem Rechtsanwalt erstellt und vor ihm unterzeichnet, besteht eine starke Vermutung, dass diese Anforderung erfüllt ist.
Bei einem KI-generierten Testament ist das Risiko einer Anfechtung deutlich höher. Fehler bei der Form oder Unklarheiten im Inhalt können dazu führen, dass das Testament für ungültig erklärt wird – mit allen rechtlichen und finanziellen Konsequenzen für die Hinterbliebenen.
Spezialisierte KI-Produkte für die Rechtsbranche
Die Anwaltskanzleien selbst investieren zunehmend in KI und testen die fortschrittlichsten legalen Produkte auf dem Markt. Viele Kanzleien rechnen nach aufgewendeter Zeit ab, und Mandanten erwarten zu Recht eine möglichst effiziente Arbeitsweise. Dennoch zeigt die Erfahrung: Selbst spezialisierte juristische KI-Produkte können bislang kein Testament ohne erhebliche Aufsicht durch einen Anwalt produzieren.
Die Botschaft ist eindeutig: Ein Testament gehört zu den wichtigsten Dokumenten, die ein Mensch je unterschreiben wird. Die Kosten für die ordnungsgemäße Erstellung durch einen Fachanwalt sind im Vergleich zu den Kosten, Verzögerungen und Streitigkeiten, die aus einem unwirksamen Testament entstehen können, oft moderat. Wer hier sparen möchte, spart am falschen Ende.
