KI bremst US-Einstellungen: Goldman Sachs sieht erste Arbeitsmarkt-Effekte
Aktuelle US-Arbeitsmarktdaten deuten auf erste KI-bedingte Anwerbeschwierigkeiten hin, so eine Goldman-Sachs-Analyse vom 22. Oktober.

Die Einführung künstlicher Intelligenz (KI) beginnt, sichtbare Spuren auf dem US-Arbeitsmarkt zu hinterlassen. Aktuelle Arbeitsmarktdaten aus den Vereinigten Staaten deuten auf erste Anzeichen hin, dass KI die Einstellungstätigkeit belastet. Der breitere Beschäftigungseffekt bleibt nach Einschätzung von Goldman Sachs allerdings vorerst begrenzt.
Grundlage dieser Einschätzung ist ein Forschungsbericht vom 22. Oktober. Darin erklärt der Ökonom Joseph Briggs, dass das Beschäftigungswachstum in Branchen mit hoher KI-Exposition in den vergangenen drei Monaten etwa 10.000 Stellen unter seinem langfristigen Trend lag. Dieses Defizit wurde jedoch weitgehend durch eine gestiegene Einstellungstätigkeit im mit KI verbundenen Bauwesen ausgeglichen.
Die Analyse von Goldman Sachs fand einen statistisch signifikanten positiven Zusammenhang zwischen der KI-Einführung und der Arbeitslosigkeit in Dienstleistungsbranchen. Zudem zeigte sich ein schwächerer negativer Zusammenhang zwischen der Einführung und dem Beschäftigungswachstum. Die Analysten sprechen von entstehenden Druckverhältnissen bei den Einstellungen – die Auswirkungen fallen jedoch geringer aus als zu Beginn dieses Jahres befürchtet. Auch die Ankündigungen von KI-bedingten Entlassungen sind deutlich rückläufig gegenüber ihrem Höhepunkt im Frühjahr.
Die Details
Der Bericht liefert eine Reihe konkreter Kennzahlen. So könnten schätzungsweise 9% der Arbeitnehmer während des Übergangs vorübergehend aus ihren bestehenden Rollen verdrängt werden, wenn die KI die volkswirtschaftliche Produktivität um 15% steigert. Ein langsamerer Einstellungsprozess könnte zusätzlichen arbeitsmarktpolitischen Gegenwind in Höhe von etwa 3% erzeugen.
Historische Belege zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Technologie und Arbeitslosigkeit. Jeder 1%ige Anstieg der technologiegetriebenen Produktivität erhöht die Arbeitslosigkeit vorübergehend um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte. Dieser Effekt flacht nach zwei Jahren ab.
Für die Analyse wurden zudem 25 Berufe untersucht, die zuvor durch technologische Fortschritte disruptiert wurden. Die Beschäftigung ging in diesen Berufen über fünf Jahre durchschnittlich um 25% zurück. Die meisten dieser Rückgänge waren auf Stellenabbau und nicht auf reduzierte Neueinstellungen zurückzuführen. Die Forschung hob dabei die Bedeutung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Dimension der Disruption hervor.
Ein weiterer zentraler Befund betrifft den aktuellen Verbreitungsgrad der Technologie. Derzeit nutzen nur 23% der US-Betriebe KI in ihren regulären Arbeitsabläufen. Das deutet darauf hin, dass ein Großteil des potenziellen Produktivitätseinflusses noch bevorsteht. Eine widerstandsfähige Wirtschaft könnte es Arbeitnehmern ermöglichen, sich allmählich umzuschulen. Eine Konjunkturabschwächung hingegen könnte die Automatisierung und Entlassungen beschleunigen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 06.04.2026 berichtete aktien.news über eine Goldman-Sachs-Studie, wonach Arbeitnehmer, die durch technologischen Wandel ihren Arbeitsplatz verlieren, mit langanhaltenden und gravierenden Folgen für Einkommen und Karriere rechnen müssen. Die Untersuchung wertete Daten aus den sogenannten National Longitudinal Surveys aus und umfasste über 20.000 Personen.
Am 07.04.2026 folgte eine weitere Meldung: Ein Goldman-Sachs-Bericht warnte, dass durch technologischen Wandel arbeitslos gewordene Menschen langfristig wirtschaftlich deutlich schlechter gestellt sind als jene, die aus anderen Gründen ihren Job verlieren. Der Bericht stützte sich auf staatliche Daten aus vier Jahrzehnten und verfolgte die Lebenswege von mehr als 20.000 Amerikanern der Geburtsjahrgänge der 1950er bis 1980er Jahre.
Am 10.04.2026 meldete aktien.news eine Analyse von Morgan Stanley. Analyst Michael Gapen sprach dort von einer „frühen, begrenzten KI-Verdrängung", die auf Mikroebene deutlicher erkennbar sei als in den aggregierten Gesamtdaten. Sein Fazit lautete, KI sei „noch kein makroökonomisches Thema für den Arbeitsmarkt, aber sie ist nicht mehr unsichtbar".
Am 01.07.2026 berichtete aktien.news schließlich über Daten des U.S. Census Bureau. Demnach nutzten im Juni bereits 20,6% aller US-Unternehmen KI-Technologien – ein Anstieg von 1,1 Prozentpunkten gegenüber dem Vormonat. Die Folgen für den Arbeitsmarkt bezeichneten Goldman-Sachs-Analysten damals weiterhin als „begrenzt".
Was das für Anleger bedeutet
Die Datenlage ist für deutsche Privatanleger vor allem als Frühindikator interessant. Goldman Sachs beschreibt keine plötzliche Verwerfung, sondern eine allmähliche Verschiebung: Das Beschäftigungswachstum in KI-exponierten Branchen verläuft schwächer als der langfristige Trend, während das Bauwesen gegensteuert. Für Anleger bedeutet das, dass die Wirkung von KI auf den Arbeitsmarkt derzeit selektiv ausfällt und nicht pauschal auf die Gesamtwirtschaft durchschlägt.
Bemerkenswert ist der niedrige Verbreitungsgrad: Nur 23% der US-Betriebe setzen KI in ihren regulären Arbeitsabläufen ein. Daraus folgt, dass der größte Teil des potenziellen Produktivitätseffekts noch nicht realisiert ist. Die Analysten betonen zugleich die Rolle der Konjunktur: In einer robusten Wirtschaft können sich Beschäftigte schrittweise umschulen, in einem Abschwung beschleunigen sich Automatisierung und Stellenabbau. Diese Rahmenbedingungen dürften damit wichtiger sein als die Technologie allein.
Ausblick
Gemäß ihrer Basisprognose für anhaltendes Wirtschaftswachstum erwartet die Analyse eine allmähliche Zunahme der KI-bedingten Arbeitsmarktstörungen statt eines plötzlichen Beschäftigungsschocks. Die historischen Muster legen nahe, dass der Effekt auf die Arbeitslosigkeit nach zwei Jahren wieder abflacht. Ein konkreter Zeithorizont oder weitere Termine werden im Bericht nicht genannt.
Kurz erklärt
- KI-Exposition: Der Grad, in dem eine Branche oder Tätigkeit durch künstliche Intelligenz verändert oder ersetzt werden kann.
- Produktivität: Das Verhältnis von wirtschaftlicher Leistung zum Einsatz von Arbeitskräften und Kapital.
- Disruption: Die tiefgreifende Umwälzung bestehender Strukturen, etwa von Berufen durch neue Technologie.
