KI-Aktien unter Druck: Analysten streiten über Kaufgelegenheiten und Risiken
Der Ausverkauf im Technologiesektor spaltet die Analysten: Yardeni und BofA sehen Chancen, Citi bevorzugt europäische Aktien.

Der Technologiesektor durchlebt derzeit eine Phase hoher Volatilität, die sich vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) niederschlägt. Der S&P 500 und der Nasdaq haben zuletzt deutliche Rückgänge verzeichnet. Analysten bewerten die aktuelle Marktlage dabei ausgesprochen kontrovers – die Spanne reicht von der Einschätzung als Kaufgelegenheit bis zur Warnung vor anhaltendem Druck. Für deutsche Privatanleger, die über ETFs oder Einzelaktien im US-Technologiesektor engagiert sind, ist diese Debatte unmittelbar relevant.
Zu den optimistischen Stimmen zählen die Analysten von Yardeni Research. Sie bewerten den jüngsten Ausverkauf ausdrücklich als Kaufgelegenheit. Der politische Widerstand gegen neue Rechenzentren, der durch Bedenken der Wähler und regulatorische Hürden in Bundesstaaten wie Texas befeuert wird, sei lediglich ein „Dämpfer“ für den KI-Boom und kein dauerhaftes Hindernis. Damit stellen sie sich gegen die Interpretation, dass die regulatorische und politische Gemengelage den Ausbau der KI-Infrastruktur grundsätzlich bremsen könnte.
Auch die Bank of America (BofA) sieht in der aktuellen Schwäche Potenzial. Ein zentrales Argument der Bank ist die Bewertungslage: Der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) notiert bereits 37 % unter seinem Höchststand. Bis Anfang 2027 könnten sich durch politische Klarheit und Aktienrückkäufe stabile Böden bilden. Die BofA schränkt diese Einschätzung jedoch ein: Vor einer nachhaltigen Erholung sei wahrscheinlich noch eine Phase der Gewinnrevisionen notwendig.
Die Citigroup bevorzugt europäische Aktien gegenüber US-Titeln
Deutlich skeptischer äußert sich die Citi. Sie bevorzugt derzeit europäische Aktien gegenüber US-Titeln, weil der KI-Handel unter anhaltendem Druck stehe. Die Bank warnt, dass die Standortwahl und der Bau von Rechenzentren nach den US-Zwischenwahlen komplexer werden könnten, was die Zulieferer der Branche belaste. Konkret hat die Citi Adobe aufgrund von Wettbewerbsdruck und einem schwierigen Führungswechsel auf „Sell“ herabgestuft.
TD Cowen und Bank of America stufen Marvell Technology herab
Auch im Halbleitersektor gibt es spezifische Sorgen. Marvell Technology wurde sowohl von der TD Cowen als auch von der Bank of America herabgestuft. Grund ist die geplante Übernahme von Lumentum, die Analysten als verwässernd für den Gewinn pro Aktie betrachten. Darüber hinaus hinterfragen sie das Timing der Transaktion kritisch.
Die Bank of America skizziert drei Szenarien für den Chip-Sektor
Für den Chip-Sektor zeichnet die BofA drei mögliche Entwicklungen:
- Basisszenario: Weitere 10 % Abwärtspotenzial bis zum ersten Quartal 2027, gefolgt von einer Erholung. Hier empfiehlt die Bank Titel wie Nvidia, AMD, Broadcom und Micron.
- Bären-Szenario: Ein Abschwung bis Mitte 2027 bei schwächeren KI-Investitionen. Hier könnten defensive Werte wie Cadence Design Systems oder NXP Semiconductors besser abschneiden.
- Bullen-Szenario: Eine rasche Erholung der KI-Investitionen, wovon insbesondere Micron, Credo und Arm profitieren würden.
HubSpot-Ausblick belastet den Software-Sektor
Zusätzlich steht der Software-Sektor unter Beobachtung. HubSpot wurde von mehreren Häusern, darunter BTIG und Morgan Stanley, herabgestuft, nachdem das Unternehmen einen schwächer als erwartet ausgefallenen Ausblick für das vierte Quartal gegeben hatte. Management-Kommentare zu längeren Verkaufszyklen und erhöhter Preissensibilität bei Kunden deuten auf ein schwierigeres Marktumfeld hin, das sich bis 2027 ziehen könnte.
Bereits am 06.11.2026 berichtete aktien.news über den Tech-Ausverkauf nach den US-Zwischenwahlen
Die aktuelle Debatte fällt nicht vom Himmel. Bereits am 06.11.2026 berichtete aktien.news, dass nach den US-Zwischenwahlen am Dienstag eine deutliche Trendwende an den Finanzmärkten eingetreten war. Während die Märkte am Mittwoch noch optimistisch reagierten, folgte am Donnerstag ein massiver Kurseinbruch bei Technologieaktien. Der Nasdaq Composite fiel um 5 % und rutschte damit in den Korrekturbereich – mehr als 11 % unter seinem Allzeithoch vom Vormonat. Besonders hart traf es die Halbleiterbranche: Der iShares Semiconductor ETF verzeichnete mit einem Minus von 11 % den stärksten Rückgang seit März 2020. Im Zentrum der Marktunruhe stand die Sorge, dass die demokratische Mehrheit im US-Kongress den KI-Ausbau bremsen könnte.
Bereits am 26.10.2026 hatte aktien.news über einen weiteren Rückschlag berichtet: Am 22. Oktober fiel der PHLX Semiconductor Index um 6,7 Prozent – das schlechteste Tagesergebnis seit dem 23. Juni. Besonders hart traf es die Aktien von Lam Research, Micron Technology, Advanced Micro Devices und Marvell Technology. Auslöser war kein Nachfrageeinbruch, sondern das Gegenteil: Lam Research hatte am 21. Oktober einen Rekordumsatz gemeldet und zugleich erklärt, dass begrenzte Reinraumkapazitäten und Engpässe bei bestimmten Bauteilen dazu führen würden, dass Chiphersteller und Ausrüstungsunternehmen die Nachfrage bis 2027 nicht vollständig decken könnten. An der Börse lasen Anleger zunächst das Negative: Lam verlor 12 Prozent.
Auch frühere Einschätzungen der Bank of America gehören zur Vorgeschichte. Am 15.08.2026 berichtete aktien.news, dass die BofA inmitten eines Rücksetzers im KI-Sektor eine Liste von 16 Aktien veröffentlicht hatte, bei denen sie kurzfristig eine Erholung erwartet. Die Experten sahen in der Schwächephase eine Gelegenheit für Schnäppchenjäger. Hintergrund war die wachsende Erwartung, dass die KI-Ausgaben der größten US-Technologiekonzerne im damaligen Jahr ihren Höhepunkt erreichen könnten.
Und am 18.05.2026 meldete aktien.news, dass die BofA ihre Gewinnprognose je Aktie für den S&P 500 im Jahr 2026 auf 335 US-Dollar angehoben hatte – ein Wachstum von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf Indexebene blieb die Bank vorsichtig und hielt an ihrem Jahresendziel von 7.100 Punkten für den S&P 500 fest. Analystin Savita Subramanian stellte sich damals gegen das Narrativ, wonach Halbleiteraktien überbewertet und Softwareaktien günstig seien: Die Gewinnprognosen für den Halbleitersektor wurden im laufenden Jahr um mehr als 20 Prozent nach oben korrigiert.
Die Skepsis betrifft nicht nur Bewertungen, sondern auch die Rahmenbedingungen
Für deutsche Privatanleger ergibt sich aus der Gemengelage ein uneinheitliches Bild. Auf der einen Seite stehen Häuser wie Yardeni Research und die Bank of America, die den Ausverkauf als Chance begreifen und konkrete Namen nennen. Auf der anderen Seite steht die Citi, die US-Titel zugunsten europäischer Aktien zurückstellt und mit Adobe sogar ein großes Softwareunternehmen auf „Sell“ herabgestuft hat. Auffällig ist, dass die Skepsis nicht nur die Bewertung betrifft, sondern auch die Rahmenbedingungen: Rechenzentren, Standortwahl und regulatorische Hürden sind zu eigenständigen Risikofaktoren geworden.
Hinzu kommt die Differenzierung innerhalb des Sektors. Während die BofA im Basisszenario auf Nvidia, AMD, Broadcom und Micron setzt, nennt sie für das Bären-Szenario defensive Werte wie Cadence Design Systems oder NXP Semiconductors. Im Bullen-Szenario rücken Micron, Credo und Arm in den Fokus. Diese Aufteilung zeigt, dass die Einschätzung stark vom unterstellten Verlauf der KI-Investitionen abhängt. Eine pauschale Aussage über „die KI-Aktie“ ist damit kaum möglich.
Bemerkenswert ist zudem, dass die Herabstufungen nicht allein die großen Namen treffen. Mit Marvell Technology im Halbleitersektor und HubSpot im Softwarebereich geraten auch Unternehmen unter Druck, die nicht zu den bekanntesten Index-Schwergewichten zählen. Anleger, die breit über Technologie-ETFs investiert sind, spüren solche Einzelbewegungen indirekt mit, während Direktinvestments in diese Titel deutlich stärker reagieren können.
Der Markt wartet auf Klarheit bei den Investitionsausgaben
Der weitere Verlauf hängt aus Sicht der zitierten Analysten maßgeblich an zwei Faktoren: der politischen Klarheit nach den US-Zwischenwahlen und der Entwicklung der KI-Investitionen. Die BofA erwartet im Basisszenario weitere 10 % Abwärtspotenzial bis zum ersten Quartal 2027, gefolgt von einer Erholung, und rechnet mit stabilen Böden bis Anfang 2027. Die Citi sieht dagegen anhaltenden Druck auf den KI-Handel und mögliche zusätzliche Komplexität beim Bau von Rechenzentren. Im Software-Sektor könnte sich das schwierigere Umfeld laut den Management-Kommentaren von HubSpot bis 2027 ziehen. Die Stimmung bleibt damit gespalten – zwischen der Hoffnung auf einen neuen KI-Zyklus 2028 und der Sorge vor kurzfristigen Gewinnkorrekturen.
Drei Fachbegriffe ordnen die aktuelle Debatte ein
- Volatilität: Volatilität beschreibt die Schwankungsintensität eines Kurses oder Marktes innerhalb eines Zeitraums.
- Aktienrückkauf: Bei einem Aktienrückkauf erwirbt ein Unternehmen eigene Anteile am Markt zurück.
- Gewinn pro Aktie: Der Gewinn pro Aktie setzt den Unternehmensgewinn ins Verhältnis zur Anzahl der ausstehenden Aktien.
