Kanadas Premier Carney wirbt in Europa für engere Allianz
Mark Carney drängt auf vollständige Ratifizierung des EU-Handelsabkommens und strategische Partnerschaft jenseits der USA.

Kanadas Premierminister Mark Carney schaltet auf diplomatische Offensive: Angesichts wachsender globaler Unsicherheiten und zunehmender Spannungen mit den USA strebt Ottawa eine strategische Neuausrichtung an. Im Vorfeld seiner Reise nach Straßburg, wo er vor dem Europäischen Parlament sprechen wird, appellierte Carney an die EU-Mitgliedstaaten, das seit neun Jahren bestehende Handelsabkommen mit Kanada endlich vollständig zu ratifizieren.
Bislang haben 10 der 27 EU-Staaten das Abkommen noch nicht ratifiziert. Grund sind Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen kanadischer Agrarexporte auf die heimische Landwirtschaft. Carney betonte im Gespräch mit der Financial Times, dass eine vertiefte wirtschaftliche Allianz Kanada und Europa „widerstandsfähiger, unabhängiger und wohlhabender“ machen würde.
Strategische Partnerschaft weit über den Handel hinaus
Die angestrebte Zusammenarbeit soll dabei weit über den reinen Warenverkehr hinausgehen. Geplant sind Kooperationen in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung, kritische Rohstoffe, Energie, saubere Technologien sowie Visa-Liberalisierungen und Finanzsysteme. Bereits im vergangenen Jahr hatte Kanada die „New EU-Canada Strategic Partnership of the Future“ sowie eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft ins Leben gerufen.
Zudem ist Kanada das erste Nicht-EU-Land, das der Initiative „Security Action for Europe“ (Safe) beigetreten ist. Dadurch erhält Ottawa Zugang zu günstigen Verteidigungskrediten. Die geopolitische Neuorientierung erfolgt vor dem Hintergrund einer zunehmend angespannten Beziehung zu den USA unter Donald Trump.
Nachdem Handelsgespräche mit Washington gescheitert sind und es zu gegenseitigen Strafzöllen kam, sieht sich Ottawa gezwungen, seine Abhängigkeit vom US-Markt zu verringern. Carney, der auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos bereits dazu aufrief, dass „Mittelmächte“ ihre Ressourcen bündeln sollten, um sich gegen eine von den USA dominierte Weltordnung zu behaupten, betonte jedoch, dass seine Bemühungen keine explizite Abkehr von den USA darstellten. Vielmehr gehe es darum, proaktiv für eigene Interessen einzutreten.
Milliardenschwerer Investitionsgipfel in Toronto
Parallel dazu versucht Kanada, durch einen Investitionsgipfel in Toronto ausländisches Kapital in Höhe von einer Billion Dollar über die nächsten fünf Jahre zu akquirieren. Dabei wirbt Carney bei Investoren aus aller Welt, darunter auch aus China, mit der Stabilität Kanadas als verlässlichem Partner. Die Kritik Washingtons an der Kooperation mit Peking wies Carney zurück und verwies darauf, dass die USA selbst einen intensiven Austausch mit China pflegen.
Während Carney in Europa um eine „einzigartige Allianz“ wirbt, steht die EU vor eigenen Herausforderungen. Europäische Telekommunikationskonzerne wie die Deutsche Telekom und Orange warnten in einem Schreiben an die EU-Spitze, dass die geplante Regulierung im Bereich Konnektivität und Cybersicherheit die Investitionsfähigkeit des Kontinents gefährde. Sie fordern eine kohärentere Politik, um die technologische Souveränität Europas nicht zu untergraben.
Ausblick: Gipfel in Montreal und Ukraine-Hilfen
Für den kommenden Oktober ist ein EU-Kanada-Gipfel in Montreal geplant. Dabei soll unter anderem über eine kanadische Beteiligung an einem von Brüssel geführten 90-Milliarden-Euro-Kredit für die Ukraine verhandelt werden. Carney zeigte sich zudem zuversichtlich, dass auch die Handelsgespräche mit den USA zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden können, sobald sich das politische Klima beruhigt hat.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung von Bedeutung: Eine vertiefte EU-Kanada-Partnerschaft könnte neue Handelsströme und Investitionsmöglichkeiten eröffnen, insbesondere in den Bereichen Rohstoffe, saubere Technologien und Verteidigung. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, ob die noch fehlenden zehn EU-Staaten ihre Blockade des Handelsabkommens aufgeben werden.
