Kanada verschenkt Milliarden durch fehlende Rohstoffveredelung
Kanada verschenkt Milliarden durch fehlende Rohstoffveredelung, warnt die Handelsförderungsagentur EDC.

Kanada verschenkt nach Einschätzung der staatlichen Handelsförderungsagentur Export Development Canada (EDC) Milliardenwerte, weil das Land seine Rohstoffe überwiegend unverarbeitet ins Ausland verkauft. Eine stärkere heimische Raffination und Veredelung kritischer Mineralien könnte der Wirtschaft bis 2035 zusätzliche 98 Milliarden kanadische Dollar (rund 70 Milliarden US-Dollar) pro Jahr bescheren.
Die kanadische Wirtschaft verliert nach Ansicht von EDC massiv an Wertschöpfung, wenn Unternehmen Rohstoffe statt verarbeiteter Produkte exportieren. „Wenn Unternehmen Rohstoffe statt komplexerer, verarbeiteter Produkte exportieren, entgehen ihnen erhebliche Gewinne“, sagte Alison Nankivell, Präsidentin und CEO der Crown Corporation, in einem neuen Bericht. „Die Fähigkeit, komplexere Produkte zu verkaufen, generiert Gewinne, die sich im Laufe der Zeit verzinsen.“
Der Bericht mit dem Titel „Von Ressourcen zu Resilienz: Wie Kanada durch Handel mehr Wert einfahren kann“ erscheint nur zwei Tage nach dem Canada Investment Summit von Premierminister Mark Carney in Toronto. Dort standen Bergbau und kritische Mineralien im Mittelpunkt der Bemühungen Ottawas, mehr Kapital in die kanadische Industrie zu lenken. Banken haben bereits Milliarden an Ressourcenfinanzierung zugesagt, und Ottawa hat die Investitionssteuervergünstigungen für den Bergbau ausgeweitet.
Rohstofffalle droht
EDC beschreibt das grundlegende Problem ressourcenreicher Volkswirtschaften wie Kanada und Australien als „Commodity Trap“. Eine starke Nachfrage nach Rohstoffen kann die Förderung verstärken, während Verarbeitung, Technologie und Fertigung anderswo entwickelt werden. Traditionell war diese Abhängigkeit von Rohstoffen mit Entwicklungsländern verbunden, insbesondere in Subsahara-Afrika und Südamerika. Doch Kanada droht nach Einschätzung der Agentur in eine ähnliche Falle zu tappen, wenn es nicht rechtzeitig Industrien rund um den Bergbau aufbaut.
Für Bergbauunternehmen stellt der Bericht das Bestreben, die Produktion kritischer Mineralien auszuweiten, in ein neues Licht: Die Förderung mehrerer Rohstoffe bringt den größten wirtschaftlichen Nutzen erst dann, wenn Kanada mehr Verarbeitung, Technologie und Fertigung im Inland behält. EDC weist dabei auf Seltene Erden, Graphit, Lithium, Kupfer und Uran als Rohstoffe hin, bei denen noch erhebliches Potenzial für eine höhere Wertschöpfung im Inland besteht.
Wirtschaftliche Komplexität sinkt
Kanada rangierte 2024 weltweit auf Platz 35 in der wirtschaftlichen Komplexität – ein deutlicher Absturz von Platz 17 im Jahr 1995. Die wirtschaftliche Komplexität misst, wie gut eine Volkswirtschaft Wissen und Know-how in wettbewerbsfähige Exporte umsetzt. Zum Vergleich: China und Südkorea sind in diesem Ranking deutlich aufgestiegen, von Platz 42 auf den 10. beziehungsweise von Platz 21 auf den dritten Platz.
EDC verknüpft Kanadas Rückgang seit 1996 mit etwa drei Prozent weniger Wachstum des realen BIP pro Kopf über ein Jahrzehnt. Das Modell der Agentur schätzt, dass der Übergang zu Produkten, die nahe an Kanadas bestehenden Fähigkeiten liegen, das BIP bis 2035 um etwa 53 Milliarden Dollar steigern könnte. Ein breiterer Wechsel zu komplexeren Exporten könnte diesen Gewinn um weitere 45 Milliarden Dollar erhöhen. Diese Zahlen gelten für die gesamte Wirtschaft, nicht nur für den Bergbau.
Downstream-Potenzial bei kritischen Mineralien
Kritische Mineralien bieten ein klares Beispiel für die Lücke, die EDC schließen will. Kanadische Unternehmen bewegen sich bereits über die reine Förderung von Seltenen Erden, Graphit und Lithium hinaus hin zur Verarbeitung und Raffination von Produkten für Elektrofahrzeuge, fortschrittliche Fertigung, Digitaltechnologie und Verteidigung.
Bei Uran liefert der Bergbau den Rohstoff, doch der größere Wert liegt im Downstream-Bereich bei Atomkraftstoffen, Reaktorkomponenten, Steuerungssystemen und Dienstleistungen. Kupfer folgt dem gleichen Muster: Kanada könnte vom abgebauten Metall hin zu Spezialleitern, Transformatorkomponenten und Ausrüstung für Stromnetze, Rechenzentren und KI-Infrastruktur wechseln.
Infrastruktur und Kapital als Hindernisse
Der Aufbau dieser Industrien erfordert mehr als neue Verarbeitungsanlagen. EDC identifizierte Engpässe bei langfristigem Kapital, qualifizierten Arbeitskräften, kommerziellen Verwertungskapazitäten und Handelsinfrastruktur als zentrale Hindernisse. Kanadische Unternehmen hätten oft Schwierigkeiten, geduldiges, risikotolerantes Kapital für große Wachstumspläne zu sichern, was dazu führe, dass Firmen nicht in der Lage seien, die Anlagen, Technologien und Fachkenntnisse zu finanzieren, die nötig sind, um über die Förderung und den Verkauf von Rohstoffen hinauszugehen.
Auch die Infrastruktur stellt eine Einschränkung dar. Das Transportnetz Kanadas ist weiterhin weitgehend auf Massengüter ausgerichtet, während höherwertige Lieferketten engere Verbindungen zwischen Minen, Verarbeitern, Herstellern, Straßen, Eisenbahnen und Häfen benötigen. EDC bemängelt zudem Hafenverzögerungen, schwache Automatisierung und begrenzte digitale Systeme, die die Kosten erhöhen und der Wettbewerbsfähigkeit schaden.
Die kanadische Regierung hat bereits erste Schritte unternommen: Ottawa hat die Investitionssteuervergünstigungen für den Bergbau ausgeweitet und das Marathon-Projekt zur Kupfer-Palladium-Förderung von Generation Mining mit 140 Millionen Dollar unterstützt. Ob dies ausreicht, um die Wertschöpfungskette entscheidend zu verlängern, bleibt abzuwarten.
