Goldman Sachs hebt Ölpreisprognosen wegen anhaltender Hormus-Störungen an
Angebotsschock am Persischen Golf dauert länger als erwartet – Goldman Sachs revidiert Brent-Prognose auf 90 Dollar je Barrel.

Goldman Sachs hat seine Ölpreisprognosen deutlich nach oben korrigiert. Auslöser ist eine langsamer als erwartet verlaufende Erholung der Rohölexporte aus dem Persischen Golf, nachdem Störungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus den Markt erschüttert haben. Die Bank erwartet nun, dass Rohöl der Sorte Brent im vierten Quartal 2026 durchschnittlich 90 Dollar pro Barrel kosten wird – nach einer vorherigen Prognose von 80 Dollar. Die WTI-Schätzung wurde von 75 auf 83 Dollar angehoben.
Auch die Prognosen für 2027 wurden nach oben korrigiert: Goldman Sachs rechnet nun mit 85 Dollar für Brent und 80 Dollar für WTI. Am Montag notierten die Futures für Brent bei 107,60 Dollar und WTI bei 96,24 Dollar je Barrel (Stand: 06:36 Uhr GMT).
Rekordtempo beim Abbau der Ölvorräte
Die Heraufstufungen spiegeln eine revidierte Annahme wider: Goldman Sachs geht nun davon aus, dass sich die Exporte aus der Golfregion erst bis Ende Juni normalisieren werden – und damit später als die zuvor geschätzte Mitte Mai. „Wir schätzen, dass Produktionsausfälle von 14,5 Millionen Barrel pro Tag bei Rohöl aus dem Persischen Golf dazu führen, dass die weltweiten Ölvorräte im April mit einem Rekordtempo von 11 bis 12 Millionen Barrel pro Tag abgebaut werden", schrieben die Strategen um Daan Struyven in einer Mitteilung.
Laut Goldman Sachs ist der Markt von einem Überschuss von 1,8 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2025 in ein Rekorddefizit von 9,6 Millionen Barrel pro Tag im zweiten Quartal 2026 gekippt. Die kommerziellen Lagerbestände der OECD nehmen dabei um 2,2 Millionen Barrel ab. Gleichzeitig wird erwartet, dass die weltweite Nachfrage im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 1,7 Millionen Barrel pro Tag sinken wird – bedingt durch steigende Preise für raffinierte Produkte und gewisse Rationierungen. Die stärksten Nachfragerückgänge konzentrieren sich laut Goldman auf den Nahen Osten, Südkorea, Japan sowie preissensible Märkte in Afrika.
Das Angebot außerhalb der Golfregion dürfte nur moderat steigen. Goldman prognostiziert einen kombinierten Anstieg von lediglich 1 Million Barrel pro Tag aus Russland, den USA und Kasachstan. Die Angebotsreaktion der USA werde dabei durch Kapitaldisziplin im Schieferölsektor, geringe Bestände an gebohrten, aber nicht fertiggestellten Bohrlöchern (sogenannte DUC-Wells) sowie die Markterwartung gebremst, dass die Störungen in Hormus nur von kurzer Dauer sein werden.
Szenarien: Brent könnte auf fast 120 Dollar steigen
Die Bank sieht die Risiken für ihr Basisszenario eher nach oben gerichtet und hat mehrere Alternativszenarien skizziert:
Negativszenario
: Normalisierung der Golf-Exporte erst Ende Juli → Brent im vierten Quartal knapp über 100 Dollar -
Extremes Negativszenario
: Normalisierung Ende Juli plus dauerhafte Kapazitätsschäden von 2,5 Millionen Barrel → Brent nahezu bei 120 Dollar -
Optimistisches Szenario
: Normalisierung Mitte Juni ohne bleibende Kapazitätsschäden → Brent knapp unter 80 Dollar
Selbst im optimistischen Szenario würden die weltweit sichtbaren Ölvorräte laut Goldman Sachs ihren niedrigsten Stand seit mindestens 2018 erreichen. Dies erhöhe die Aussicht auf nicht-lineare Preissteigerungen, sollten die Bestände auf ein „kritisch niedriges Niveau" fallen. Als zusätzliches Extremrisiko nannten die Strategen mögliche US-Ölexportbeschränkungen – dies entspricht jedoch ausdrücklich nicht dem Basisszenario der Bank.
