Goldman Sachs: Geringeres Glück drückt Verbraucherstimmung trotz solider Wirtschaft
Goldman Sachs erklärt Rekordtiefs der US-Verbraucherstimmung mit gesellschaftlichem Pessimismus und sinkendem Glücksniveau.

Die Verbraucherstimmung in den USA befindet sich auf einem Rekordtief – und das, obwohl die Wirtschaft auf dem Papier solide dasteht. Der von der University of Michigan erhobene Index für die Konsumentenstimmung verzeichnet in diesem Jahr historische Einbrüche. Im September fiel der Index um 13 Prozent im Jahresvergleich, allein zum Vormonat August betrug der Rückgang fast acht Prozent. Goldman Sachs hat nun eine überraschende Erklärung für dieses Phänomen parat: Die Bank macht ein „geringeres Glück“ in der Gesellschaft verantwortlich.
Wirtschaftsexperten rätseln seit längerem, warum die Stimmung der Verbraucher seit der Covid-19-Pandemie gedrückt bleibt, obwohl die Wirtschaftsleistung stimmt. Das Bruttoinlandsprodukt wächst, die Aktienmärkte zeigen sich robust – doch die Menschen fühlen sich nicht danach. Goldman-Sachs-Ökonom Joseph Briggs hat sich dieser Frage angenommen und kommt zu einem bemerkenswerten Schluss.
Die These vom gesellschaftlichen Pessimismus
„Die niedrige gemeldete wirtschaftliche Stimmung spiegelt wahrscheinlich eine grundlegendere, pessimistische Einschätzung des Zustands der Welt wider und nicht nur der Volkswirtschaft“, schrieb Briggs in einer Mitteilung an seine Kunden. Der Ökonom räumt zwar ein, dass inflationäre Belastungen das Vertrauen ebenfalls beschädigen. Doch der entscheidende Faktor sei ein genereller Rückgang der Glückseligkeit. Dieser könne teilweise die anhaltende Diskrepanz zwischen der Verbraucherstimmung und anderen Maßstäben der Wirtschaftsleistung erklären.
Zur Untermauerung seiner These greift Briggs auf Daten des General Social Survey der University of Chicago zurück. Diese zeigen, dass das Glücksniveau in der US-Bevölkerung den Einbruch während der Pandemie nie vollständig überwunden hat. Der Anteil der Befragten, die sich als „sehr glücklich“ bezeichneten, sank von 31 Prozent im Jahr 2016 auf nur noch 23 Prozent im Jahr 2024. Gleichzeitig stieg der Prozentsatz derjenigen, die angaben, „nicht sehr glücklich“ zu sein, von 13 auf 20 Prozent.
Glück sinkt stärker als finanzielle Zufriedenheit
Besonders aufschlussreich ist ein weiterer Befund aus Briggs' Analyse: Das allgemeine Glück verzeichnete einen deutlich schärferen Rückgang als die Wahrnehmung der finanziellen Zufriedenheit, die ebenfalls in der Umfrage erfasst wurde. Dies untermauert die These, dass es sich bei der aktuellen Verbraucherstimmung weniger um ein rein wirtschaftliches Phänomen handelt, sondern vielmehr um eine tiefgreifende gesellschaftliche Verstimmung.
Briggs ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Joanne Hsu, Direktorin der Michigan-Erhebung, sagte CNBC bereits Anfang des Jahres, dass der Abwärtstrend bei der Stimmung Entwicklungen widerspiegele, die sowohl sinkendes Glück als auch abnehmendes Vertrauen in öffentliche Institutionen zeigen. Briggs stellte zudem einen direkten Zusammenhang zwischen niedrigeren Werten beim allgemeinen Glück und einem nachlassenden Vertrauen in Institutionen her. Das geringere Vertrauen in diese Gremien habe einen „überproportionalen Anteil“ am Rückgang des Nettoglücks in den letzten Jahren verursacht, so der Ökonom.
Folgen für die Wirtschaftsprognosen
Die Erkenntnisse haben weitreichende Implikationen für die Wirtschaftsforschung. Angesichts der Verbindung zu nicht-wirtschaftlichen Variablen könnten die Werte der Konsumentenstimmung selbst dann nicht steigen, wenn die Wirtschaft weiter voranschreitet, erklärte Briggs. Infolgedessen könnte die Konsumentenstimmung zu einem weniger nützlichen Prädiktor für wirtschaftliche Dynamiken werden.
Für Anleger und Marktbeobachter bedeutet dies: Die traditionelle Korrelation zwischen gefühlter und tatsächlicher Wirtschaftslage scheint sich aufzulösen. Während harte Daten wie BIP-Wachstum und Aktienmarktentwicklung ein positives Bild zeichnen, bleibt die Stimmung der Verbraucher gedrückt. Dies könnte zu einer veränderten Bewertung von Konsumausgaben und gesamtwirtschaftlichen Prognosen führen. Die Frage, ob und wann sich das „geringere Glück“ wieder in Zufriedenheit verwandelt, bleibt vorerst offen.
