Galliford Try und Kier: Noch Potenzial nach starken Kursgewinnen?
Analyst Edmond Jackson analysiert, ob nach Kursgewinnen von bis zu 27 Prozent bei Galliford Try und Kier Group noch Wert steckt.

Zwei britische Infrastruktur- und Bauaktien haben in den vergangenen sieben Handelstagen für Aufsehen gesorgt: Galliford Try Holdings (LSE: GFRD) legte um 24 Prozent auf 703 Pence zu, Kier Group (LSE: KIE) sogar um 27 Prozent auf 312 Pence. Analyst Edmond Jackson, der beide Aktien im Juli auf „Kaufen" hochgestuft hatte – Galliford bei 621 Pence, Kier bei 240 Pence –, stellt sich nun die Frage, ob nach dieser rasanten Neubewertung noch Aufwärtspotenzial besteht oder ob Vorsicht angebracht ist.
Hintergrund der Hochstufung war die neue britische Regierung unter Premierminister Andy Burnham, die Jackson zufolge weitere Aufwertungen für den Infrastruktursektor impliziert. Burnham ist erst rund zwei Monate im Amt, weshalb politische Rückenwind-Effekte noch nicht vollständig eingepreist sein dürften. Dennoch haben beide Unternehmen die Erwartungen bereits übertroffen – und die Frage nach dem verbleibenden Wachstumspotenzial stellt sich nun mit neuer Dringlichkeit.
Die Details
Kier Group meldete am vergangenen Dienstag seine Jahresergebnisse zum 30. Juni und untermauerte dabei Aussichten auf ein zweistelliges Wachstum des bereinigten Gewinns je Aktie (EPS). Die Konsensprognose hatte zuvor lediglich ein jährliches EPS-Wachstum von 5,2 Prozent erwartet – ein zweistelliges Wachstum wäre damit deutlich signifikanter. Das Unternehmen verwies auf „gute Dynamik ins neue Geschäftsjahr hinein, mit kürzlich erfolgten bedeutenden Vertrags- und Rahmenwerkvergaben, starkem Wachstum im Auftragsbestand und einem expandierenden Pipeline". Der Auftragsbestand stieg um 8 Prozent auf 11,9 Milliarden Pfund. Über 95 Prozent des Umsatzes für das Geschäftsjahr bis Juni 2027 und über 70 Prozent des Umsatzes 2028 sind bereits gesichert.
Beim bereinigten EPS von Kier besteht ein wesentlicher Unterschied zum berichteten EPS: Im neuesten Geschäftsjahr standen 13,5 Pence berichteter EPS einem bereinigten EPS von 23,1 Pence gegenüber. Die Differenz erklärt sich durch Compliance-Kosten von 32 Millionen Pfund für Brandschutz und Fassade sowie durch die Abschreibung immaterieller Vermögenswerte. Jackson schätzt, dass der normalisierte EPS auf Zwölfmonatssicht nahe bei 30 Pence liegen könnte, was bei einem Kurs von 312 Pence ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 10,4x implizieren würde. Bei der Dividende hat Kier die Ausschüttungen für das Geschäftsjahr Juni 2024 wieder aufgenommen; für Juni 2027 wurde zuvor eine Dividende je Aktie von 8,2 Pence mit einer 3,0-fachen Gewinnabdeckung angestrebt.
Galliford Try meldete am 17. September einen Umsatzanstieg von 3,0 Prozent auf 1.931 Millionen Pfund für das Geschäftsjahr bis 30. Juni. Der bereinigte Gewinn vor Steuern stieg um 24,2 Prozent auf 55,9 Millionen Pfund, die bereinigte operative Marge verbesserte sich von 3,0 auf 3,5 Prozent. Alle Divisionen trugen zum Ergebnis bei. Der Auftragsbestand wuchs um 5 Prozent auf 4,3 Milliarden Pfund. 90 Prozent des prognostizierten Umsatzes für das Juni-2027-Jahr und 62 Prozent für 2028 sind gesichert. Die Gesamtdividende stieg um 23,7 Prozent auf 23,5 Pence je Aktie, und ein neues Aktienrückkaufprogramm über 15 Millionen Pfund wurde angekündigt – bei einer Marktkapitalisierung von 690 Millionen Pfund. Der Konsens erwartet einen bereinigten EPS von 47,4 Pence für Juni 2027, was bei einem Kurs von 703 Pence ein KGV von nahe 15x impliziert.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 17. September 2026 berichtete aktien.news, dass die Aktien der Kier Group am FTSE 250 um 11 Pence auf 259 Pence zulegten, nachdem das Unternehmen ankündigte, dass die Gewinne für das Geschäftsjahr 2026/27 am oberen Ende der bisherigen Erwartungen liegen werden. Analysten von Peel Hunt hoben daraufhin das Kursziel um 50 Pence auf 350 Pence an und lobten das neue Managementteam unter CEO Stuart Togwell.
Am 20. April 2026 berichtete aktien.news über Insiderkäufe bei Galliford Try Holdings: Mehrere Direktoren hatten in einer ansonsten ruhigen Woche für Insidertransaktionen Aktien des eigenen Unternehmens erworben – ein Signal, das Marktbeobachter als starkes Vertrauenszeichen werteten.
Was das für Anleger bedeutet
Jackson hebt einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Unternehmen hervor: die Bilanzstruktur. Kiers Bilanz zum 30. Juni wies 1.900 Millionen Pfund Cash gegenüber 1.667 Millionen Pfund Bankkredit und 178 Millionen Pfund Leasingverbindlichkeiten aus. Die Netto-Finanzkosten von 34,9 Millionen Pfund nahmen 29,4 Prozent des operativen Gewinns in Anspruch. Galliford hingegen hat keine Verschuldung jenseits von 47,8 Millionen Pfund Leasingverbindlichkeiten und verfügt über 259 Millionen Pfund Cash – was einen Netto-Finanzleistungsvorteil von 13,2 Prozent zum operativen Gewinn bedeutet. Galliford gilt damit als das Unternehmen mit dem niedrigeren Finanzrisiko.
Kier zieht sich zudem aus dem Immobilienentwicklungssegment zurück und konzentriert sich künftig auf Infrastruktur und Bauwesen – damit folgt es dem Beispiel von Galliford aus dem Jahr 2019. Rund 90 Prozent des Umsatzes von Kier stammen aus dem öffentlichen Sektor und regulierten Branchen, bei Galliford sind es nahezu 95 Prozent. Das macht beide Unternehmen abhängig von staatlichen Ausgaben – und damit anfällig für makroökonomische Risiken wie steigende Anleiherenditen, höhere Zinssätze und fiskalischen Druck.
Jackson warnt ausdrücklich vor dem Risiko einer britischen Stagflation, sollte eine Kombination aus höheren Zinsen und Steuererhöhungen eintreten. Hinzu kommen Nachrichten über ein schneller als erwartetes Wachstum der britischen Staatsverschuldung im August sowie der Haushalt am 28. Oktober, der Steuererhöhungen bringen könnte. Die britische Nettoverschuldung des öffentlichen Sektors liegt offiziell bei rund 95 Prozent des BIP, die Schuldendienstkosten bei 3,5 Prozent des BIP.
Ausblick
Jackson stuft beide Aktien von „Kaufen" auf „Halten" herab – eine Entscheidung, die er selbst als mögliches „komplettes Umdenken" bezeichnet, kaum zwei Monate nach der ursprünglichen Kaufempfehlung. Der Grund: Vor dem britischen Haushalt am 28. Oktober sieht er Anlass zur Vorsicht angesichts der Sorgen des Gilts-Marktes über die Staatsverschuldung. Die zentrale offene Frage lautet, ob die verschiedenen Infrastrukturprojekte ausreichend gegen fiskalische Einschnitte abgeschottet sind. Für Kier wurde zuvor eine Dividende je Aktie von 8,2 Pence für Juni 2027 mit einer 3,0-fachen Gewinnabdeckung angestrebt; sollte das neue EPS-Szenario zutreffen, könnte eine Dividende von rund 10 Pence je Aktie eine Rendite von 3,2 Prozent implizieren. Galliford-Aktionäre können sich auf ein neues Rückkaufprogramm über 15 Millionen Pfund freuen.
Kurz erklärt
- Bereinigter EPS: Gewinn je Aktie, der um Sondereffekte wie Abschreibungen oder Compliance-Kosten bereinigt wurde, um die operative Ertragskraft besser abzubilden.
- KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis): Kennzahl, die den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie setzt und als Maß für die Bewertung einer Aktie dient.
- Gilts-Markt: Markt für britische Staatsanleihen, dessen Renditeentwicklung Rückschlüsse auf die Finanzierungskosten des Staates und die Risikowahrnehmung der Investoren erlaubt.
